Versorgungssicherheit: Jetzt die Weichen für nach der Krise stellen

Alle Bemühungen, um diesen Winter eine Strommangellage abzuwenden, sind wichtig und richtig. Bei der Sicherstellung der unmittelbaren Versorgung darf aber nicht der Blick aufs Ganze verloren gehen. Die Weichen für die kurz-, mittel- und langfristige Versorgungssicherheit müssen jetzt gestellt werden. Die VSE Roadmap nennt die dafür notwendigen Massnahmen. Sie müssen unter anderem im Mantelerlass Berücksichtigung finden, den die UREK-S nun endlich an den Ständerat überwiesen hat.
09.09.2022

Nadine Brauchli: «Wir müssen die längerfristigen Massnahmen im Auge behalten.»

Das Risiko einer Strommangellage diesen Winter ist real und gross. Die Vorbereitungen, um den Ernstfall abzuwenden und für ein allfälliges Krisenmanagement, laufen auf Hochtouren. Sie zielen darauf ab, die Versorgungssicherheit kurzfristig im Hinblick auf diesen Winter zu gewährleisten. Das fundamentale Problem bleibt aber ungelöst. Die Schweiz ist im Winter strukturell abhängig von Importstrom – und damit dem Risiko ausgesetzt, die nächsten Jahre erneut mit Engpässen im Winter konfrontiert zu werden. Einem Risiko, das durch die dereinst auslaufende Kernenergie und den Verbrauchsanstieg infolge der Dekarbonisierung sogar ansteigen wird. Es ist daher zentral, jetzt die Weichen für die mittel- und langfristige Versorgungssicherheit zu stellen.

Trotz der unmittelbaren Krise und derer Bewältigung gilt es also, den Fokus auf die Zukunft nicht zu verlieren. Dass es mit dem Abschluss der Beratungen zum Mantelerlass in der UREK-S nun endlich auch auf gesetzlicher Stufe mit den ersten Massnahmen für die Versorgungssicherheit vorwärts geht, ist ein positives Signal. Es braucht aber noch viel mehr. Die VSE Roadmap zur Versorgungssicherheit soll bei der Beratung des Mantelerlasses und weiterer Vorlagen mit Massnahmen zur Versorgungssicherheit als Kompass dienen. Denn die VSE Roadmap ist das einzige Dokument, dass die Versorgungssicherheit gesamtheitlich betrachtet. Eine sichere und stabile Stromversorgung funktioniert nur im Gesamtsystem, wenn alle involvierten Akteure zusammenspielen.

VSE Roadmap: Das Dringliche ist nur noch dringender geworden

Die Roadmap berücksichtigt die ganze Wertschöpfungskette und beschreibt in über 40 Massnahmen – vom Verbrauch über Produktion und Speicher hin zu Handel und Netzen –, an welchen Stellschrauben gedreht werden muss. Auch im Bereich Akzeptanz, Verfahren und bei der Stromzusammenarbeit Schweiz-EU besteht Handlungsbedarf. Seit Dezember 2021, als die Roadmap erstmal vorgelegt wurde, hat der VSE sämtliche Massnahmen auch unter Berücksichtigung der aktuellen Ereignisse ausformuliert. Es zeigte sich, dass das Dringliche nur noch dringender geworden ist:

  • Die Bewilligungsfähigkeit von Projekten für eine erneuerbare Energieversorgung muss besser werden, und es braucht schnellere und straffere Verfahren sowie mehr Akzeptanz für den Ausbau aller erneuerbaren Energien. Konflikte mit Umwelt- und Raumplanungsbestimmungen müssen geklärt werden, im Zweifel im Sinne der Versorgungssicherheit.
  • Das gilt nicht nur für Produktionsanlagen, sondern auch für die Netzinfrastruktur. Das Stromnetz ist die Lebensader der Stromversorgung. Die Netze müssen erhalten, modernisiert, digitalisiert und wo nötig ausgebaut werden.
  • Griffige Energieeffizienz- und Sparmassnahmen sind zentral, um den Verbrauchsanstieg möglichst gering zu halten. Entsprechende Zielvereinbarungen sollen für alle Branchen und weitere Verbraucher zugänglich sein. Dies und die Schaffung von Anreizen für die Nutzung von Flexibilitäten würde auch die Bemühungen befeuern, die Sektorkopplung voranzutreiben, welche die Optimierung des gesamten Energiesystems unterstützt.
  • Die Zusammenarbeit Schweiz-EU im Strombereich bedarf dringender Klärung. Ohne Integration steigen die Risiken für die Netzstabilität und die Schweiz wird stärker auf eigene Kapazitäten (inkl. Back-up) angewiesen sein. Ein ökonomisch effizienter Energieaustausch bleibt zentral. Ein bilaterales Abkommen ist weiterhin die anzustrebende Lösung.

Den VSE-Roadmap-Massnahmen sollte höchste Priorität beigemessen werden. Denn sie alle tragen dazu bei, die Stromversorgung kurz-, mittel- und langfristig sicherzustellen. Damit sie auch dann wirken, wenn es sie braucht, müssen sie jetzt implementiert werden. Der Mantelerlass bietet eine erste Gelegenheit.

VSE Roadmap
Gesamtsicht auf die Versorgungssicherheit
Die Weichen für die kurz-, mittel- und langfristige Versorgungssicherheit müssen jetzt gestellt werden. Die VSE Roadmap zur Versorgungssicherheit berücksichtigt die ganze Wertschöpfungskette und beschreibt in über 40 Massnahmen, an welchen Stellschrauben gedreht werden muss.