Krisen, Kosten, Klima

Am 15. und 16. September trafen sich rund 170 Führungskräfte und Betriebsleiter aus Schweizer Energieversorgungsunternehmen zum alljährlichen Stelldichein im Waldstätterhof in Brunnen. Die Betriebsleitertagung 2022 wartete auch in diesem Jahr mit einer illustren Redner-Schar auf, die ihre Gedanken über die aktuelle Situation und ihre Prognosen für die weitere Entwicklung der Branche mit dem Publikum teilte.
16.09.2022

«Das Risiko einer Strommangellage ist real.» Michael Frank, Direktor des Verbandes Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen und Gastgeber, sprach in seiner Begrüssung Klartext. «Wir müssen alles daransetzen, dass es nicht dazu kommt, denn eine Mangellage wird teurer als sämtliche Vorbereitungen zusammen kosten.» Dazu könne die Branche viel beitragen, beispielsweise indem sie die Energiespar-Kampagne des BFE unterstütze und zu ihren Kunden trage und «als Energielieferant für Grossverbraucher müssen Sie zu Ihren Kunden schauen, sie betreuen und sie auf eine mögliche Mangellage vorbereiten».

Michael Frank erwartet aber nicht nur kurzfristige Auswirkungen: «Wir stehen vor einer gewaltigen Regulierungswelle; genau so wie sie nach der Finanzkrise über die Banken hereingebrochen ist.» Schadlos werde die Branche diese Prüfung leider kaum überstehen. Schon jetzt seien die Preiserhöhungen «gigantisch», und er hoffe, dass es nicht noch schlimmer werde.

«Wenn es alle tun, fahren wir das System todsicher an die Wand.»

Die Veränderungen des Klimas spielten ebenfalls eine Rolle, seien aber ein langfristiges Problem. «Muss eventuell die Energiestrategie angepasst werden, oder braucht es sogar einen Paradigmenwechsel?», fragte Michael Frank mit Blick auf mögliche Vereinfachungen bei der Umsetzung grosser Infrastrukturprojekte. Seine Einleitung schloss der VSE-Direktor schliesslich mit einem Appell: «Nehmen Sie Einfluss auf Grosskunden, die beabsichtigen, eine allfällige Kontingentierung zu missachten und lieber eine Busse zu bezahlen. Ein solches Verhalten ist unsolidarisch, und wenn es alle tun, fahren wir das System todsicher an die Wand.»

Einmal frei, immer frei

Jürg Rauchenstein, Kommissionsmitglied der ElCom, äusserte sich hernach nicht weniger klar zu diversen Themen, wovon die Frage nach einer Rückkehr von Marktteilnehmern in die Grundversorgung sicher am meisten interessierte. «Aufgrund der steigenden Strompreise kam bei nicht wenigen Grossverbrauchern die Idee oder sogar der Wunsch nach einer Rückkehr in die Grundversorgung auf. Die Stromverordnung sagt aber grundsätzlich: ‹Einmal frei, immer frei›.»

«Ein ehrlicher Markt»

Romina Schürch, Expertin Energie beim VSE, und Josef Keller von der Ompex AG zeigten in ihren Referaten auf, wie und warum sich die Preise in die aktuellen schwindelerregenden Höhen entwickelt haben. Josef Keller verdeutlichte, dass die Preis-Rallye nicht erst mit Russlands Einmarsch in der Ukraine, sondern schon vor einem Jahr begonnen hatte. «Die Preisexplosion ereignete sich nicht nur am Termin-, sondern auch am Spot-Markt. Und das ist ein sehr ehrlicher Markt, ohne Spekulation.» Händler müssten sich Gedanken machen, wie der Markt in Zukunft aussehen werde.

Matthias Gysler, Chefökonom beim BFE, brachte den Anwesenden anschliessend die Sicht des Bundesamtes auf die aktuellen Entwicklungen näher. Und Mischa Morgenbesser, Partner bei Badertscher Rechtsanwälte, erläuterte zwei für die Branche relevante Bundesgerichtsurteile.

Der Zusammenbruch erfolgt rasend schnell

Herbert Sarugg, Berufsoffizier im Österreichischen Bundesheer, internationaler Blackout- und Krisenvorsorgeexperte und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge, nahm die Anwesenden schliesslich mit auf eine unheilvolle Reise. Er skizzierte sehr realistisch, wie schnell bei einer Mangellage kaskadenartig gar nichts mehr geht – vom Ausfall der Telekommunikation über steckengebliebene Lifte zu den verschlossenen Türen des Smart Home. Und das war bloss der Anfang.

Den anwesenden Führungskräften zeigte er auf, wie sie ihren Betrieb und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf eine mögliche Mangellage vorbereiten müssen, «damit Ihre Leute auch tatsächlich noch zur Arbeit kommen». Und er zeigte die Risiken auf, welche nach einer Mangellage auftauchen können: «Schwarzstart hört sich super an, oder? Doch in Echt wurde so etwas noch nie für ein grosses System erprobt.» Seine Devise leuchtete denn auch allen ein: «Wir dürfen es gar nicht erst so weit kommen lassen. Aber vorbereitet sollten wir schon sein.»

«Klären Sie Zuständigkeiten für Ostral in Ihrem Betrieb, koordinieren Sie das Vorgehen mit Ihren Grosskunden und machen Sie Ihre Organisation fit für eine mögliche Strommangellage.»

«Machen Sie sich fit»

Im Hinblick auf eine allfällige Strommangellage nimmt die Strombranche ihre Verantwortung wahr und führt dazu Ostral (Organisation für Stromversorgung in ausserordentlichen Lagen) im Auftrag des Bundes. Lukas Küng, Leiter der Kommission Ostral, rief den Anwesenden in Erinnerung, welche Aufgaben die Ostral wahrnimmt: «Zeichnet sich eine Strommangellage ab, wird Ostral aktiv. Ziel ist, mit Bewirtschaftungsmassnahmen die Stromversorgung – also das Gleichgewicht zwischen Stromproduktion und -verbrauch, auf reduziertem Niveau – aufrechtzuerhalten.» Die möglichen Massnahmen reichen dabei von simplen Sparappellen bis hin zu Angebotslenkungen und Kontingentierungen. «Klären Sie Zuständigkeiten für Ostral in Ihrem Betrieb, koordinieren Sie das Vorgehen mit Ihren Grosskunden und machen Sie Ihre Organisation fit für eine mögliche Strommangellage», riet Lukas Küng den Anwesenden.