«Höhere Energiepreise im Winter wären sinnvoll»

Das Stromnetz ist die conditio sine qua non für den Umbau des Energiesystems. Doch um den Anforderungen der dezentralen Produktion zu genügen, muss das Netz angepasst und erneuert werden. Wie das gehen könnte und welche Herausforderungen für lokale Verteilnetzbetreiber bestehen, erklärt VSE Vorstandsmitglied Gian von Planta, Leiter Anlagen & Netze bei der SWL Energie AG.
27.05.2022
Swissgrid ist Eigentümerin des Schweizer Übertragungsnetzes. Ihr über 6700 Kilometer langes Netz transportiert die elektrische Energie mit 380 und 220 Kilovolt Spannung. Zum Übertragungsnetz gehören nebst allen Leitungen 141 Schaltanlagen.

An den Powertagen sagten Sie, dass das Netz nicht das Problem bei der Energiewende sei, dass es aber intelligent angepasst werden müsse, um den zukünftigen Anforderungen zu genügen. Ist ein Ausbau des Netzes also nicht nötig?

Gian von Planta: Doch, ein Ausbau des Netzes wird sicher nötig werden. Es geht aber darum, dass wir diese Anpassungen möglichst intelligent machen. Das Netz muss robust und die Kosten sollen möglichst tief bleiben. Wir müssen dabei unbedingt auch die Nachfrageseite beeinflussen und die Leistung der Netze nicht einfach nach Wunsch ausbauen.

Wo muss man den Hebel vor allem ansetzen?

Die bezogene Leistung definiert zum grossen Teil die Kosten eines Netzes. Entsprechend müssen wir Preissignale setzen, damit die Kunden versuchen ihren Leistungsbezug möglichst tief zu halten. Insbesondere bei Elektroladestationen ist dies wichtig. Entsprechend sollten wir möglichst bald Leistungstarife für das Netzentgelt einführen.

«Das Netz muss robust und die Kosten sollen möglichst tief bleiben.»

Sie sind verantwortlich für die Netze eines lokalen Energieversorgungsunternehmens. Wo liegen bei einem lokalen Unternehmen die grössten Herausforderungen bezüglich Netzausbau?

Wir gehen davon aus, dass die ersten Engpässe im Winter auf der Netzebene 6 auftreten, allenfalls auch auf einzelnen Strängen der Netzebene 7. Entsprechend wichtig wird das Monitoring der Trafostationen werden.

Sind diese Herausforderungen überall in Ihrem Netz die gleichen, oder stellen Sie Unterschiede fest, beispielsweise zwischen urbanen und ruralen Gegenden?

Unterschiede bestehen durchaus. Während wir im städtischen Umfeld wenig Probleme mit dem Photovoltaikzubau haben und Netzengässe eher im Winter erwarten, machen Photovoltaikanlagen in ländlichen Gebieten schon heute Anpassungen im Netz notwendig.

«Die bezogene Leistung definiert zum grossen Teil die Kosten eines Netzes. Entsprechend müssen wir Preissignale setzen, damit die Kunden versuchen ihren Leistungsbezug möglichst tief zu halten.»

Als Vertreter eines Querverbundunternehmens: Welches Potenzial hat die Sektorkopplung für unser künftiges Energiesystem? Der Begriff taucht zwar immer mal wieder auf, scheint aber noch nicht bei allen so richtig angekommen zu sein.

Die Sektorkopplung zwischen Mobilität und Strom wird ein wichtiges Thema werden, insbesondere bei der Spitzenglättung oder auch der kurzfristigen Speicherung von Energie. Die Sektorkopplung zwischen Gas-, Fernwärme- und Stromnetzen ist für kleine und mittlere EVUs eher weniger zentral. Ich gehe davon aus, dass solche Sektorübergänge an wenigen, dafür grös­seren Anlagen gemacht werden, beispielsweise bei einem Gasturbinenkraftwerk oder in der Wasserstoffproduktion.

Zwar werden elektrische Geräte immer effizienter, dennoch nimmt der Strombedarf vor allem wegen der Elektromobilität und der Wärmeerzeugung zu. Wie können auch die Verbraucher dazu gebracht werden, effizienter mit Energie umzugehen?

Je teurer die Energie, desto eher achten die Verbraucher auf ihren Verbrauch. Da wir vor allem im Winter eine schwierigere Versorgungssituation haben, wäre es sinnvoll, wenn dann auch die Energiepreise höher sind.          

Gian von Planta (48) ist Leiter Anlagen & Netze bei der SWL Energie AG in Lenzburg. Der ETH-Absolvent (Maschinenbau/Betriebs- und Produktionswissenschaften) ist Vorstandsmitglied des VSE und des DSV (Dachverband Schweizer Verteilnetzbetreiber). Ausserdem nimmt er für die Grünliberalen seit 2019 als Grossrat Einsitz im Aargauer Kantonsparlament.