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Die Idee einer Wahlfreiheit des Messdienstleisters im Strombereich ist bisher vage Vorstellung geblieben. Das nicht ohne Grund, wie das Beispiel Deutschland unterstreicht. Die Ziele hinter den Liberalisierungsbestrebungen können einfach und effizient auf anderem Weg erreicht werden – ohne grosses Geschütz.
16.02.2021

Seit einiger Zeit schon geistert in der Politik die Idee herum, das Messwesen zu liberalisieren. Vage Vorstellungen von einer teilweisen bis zu einer vollständigen Wahlfreiheit des Messdienstleisters sind bisher in der Diskussion stecken geblieben – und das nicht ohne Grund, wäre doch eine Liberalisierung alles andere als effizient und zielführend.

Das Messwesen bildet eine Einheit mit dem Netz. Es dient nämlich nicht nur der Abrechnung von Stromverbrauch und Netznutzung, sondern insbesondere auch dem sicheren Netzbetrieb und der vorausschauenden Netzplanung. Eine Liberalisierung brächte diese vitalen Funktionen eines sicheren Netzes durcheinander. Verantwortlichkeiten würden auseinandergerissen und müssten aufwendig zwischen den Akteuren koordiniert und geregelt werden. Dabei entstünden gerade mit Blick auf die Datensicherheit unnötige Risiken.

«Statt einem Phantom nachzujagen, tut die Schweiz gut daran, pragmatisch zu bleiben und auf bewährte Lösungen zu setzen.»

Treiber hinter den Liberalisierungsbestrebungen ist vor allem der Wunsch nach höherer Datenqualität und Datenverfügbarkeit. Dieser wird durch den bereits angelaufenen landesweiten Rollout von Smart Metern und die schon im Aufbau begriffenen Datahubs erfüllt. Eine Liberalisierung brächte keinen zusätzlichen Nutzen. Stattdessen würden zukunftsträchtige Entwicklungen behindert, weil Synergien zwischen intelligenter Messung und Netzführung (Smart Grid) sowie Synergien mit Gas- und Wärmenetzen (Sektorkopplung) torpediert würden. Alles Entwicklungen, die klar im Interesse des Klimaschutzes stehen.

Eine Liberalisierung würde somit einen kostentreibenden Mehraufwand generieren, der in keinem Verhältnis zum Nutzen steht – und zwar unabhängig vom Marktöffnungsgrad. Das Beispiel Deutschland zeigt dies exemplarisch: Die Anzahl Messstellen im Markt hat sich fünf Jahre nach Einführung der freien Wahl des Messdienstleisters kaum verändert und liegt im Promillebereich. Interessant ist das Angebot offenbar nur für wenige, die Mehrkosten trägt die schweigende Mehrheit. Die unzähligen Schnittstellen und Verantwortlichkeiten mussten überdies mit einem über 70 Artikel umfassenden Gesetz geklärt werden.

Statt einem Phantom nachzujagen, tut die Schweiz gut daran, pragmatisch zu bleiben und auf bewährte Lösungen zu setzen. Das heutige Messwesen ist effizient und regulatorisch überschaubar. Der Datenbedarf einzelner Kunden kann auf anderem Weg effizient und bedürfnisgerecht gedeckt werden. Dazu braucht nicht das grosse Geschütz einer Liberalisierung aufgefahren zu werden.

Siehe auch


Die politische Feder

Unter der Rubrik "Die politische Feder" veröffentlicht Dominique Martin, Bereichsleiter Public Affairs des VSE, regelmässig Kommentare und Einschätzungen zu energiepolitischen Themen.