Verlässliche Spielregeln

Während des Spiels bleiben die Spielregeln gleich. Was für Sportler selbstverständlich ist, gilt für die Player im Strombereich nur bedingt. Jüngstes Beispiel: Das Ansinnen des Bundes, während des Smart Meter Rollouts die Regeln zu ändern.
16.09.2020

Sportfans kommen endlich wieder auf ihre Rechnung. Die Meisterschaften laufen wieder an, sogar ein Stadionbesuch ist wieder möglich – wenn auch unter Auflagen. So verschieden die Schutzkonzepte auch sein mögen – auf eines können sich Sportler und Fans verlassen: Die Spielregeln auf dem Feld bleiben gleich.

Was für Fussballer oder Hockeyaner selbstverständlich ist, gilt für die Player im Strombereich nur bedingt. Denn die Kadenz der Regulierungsänderungen ist hoch – die Zeit, sich darauf einzustellen und sie umzusetzen, knapp. So hat der Gesetzgeber die Netzbetreiber beispielsweise verpflichtet, bis Ende 2027 80 % ihrer Stromzähler bei den Endkunden durch intelligente Messgeräte zu ersetzen. Das milliardenteure Unterfangen ist inzwischen landesweit am Laufen. So weit, so gut – wäre da nicht das unsportliche Ansinnen der Politik, während des Spiels die Regeln zu ändern.
 

«Die Umsetzung der Energiestrategie 2050 stellt hohe Anforderungen an die Netze, die erst die Grundlagen für ein dezentrales und dynamisches Stromsystem schaffen müssen. Dieser Umbau braucht Ausdauer sowie verlässliche und sinnvolle Spielregeln.»

Die neuste Idee: Während des Rollouts kurzerhand die Anforderungen an die auszurollenden Geräte anzupassen. Diese sollen neu zusätzlich ermöglichen, individuell Daten jederzeit herunterzuladen. Was gestützt auf die existierenden Zählerkonzepte gar nicht machbar ist, kommt auch völlig zur Unzeit. Die Netzbetreiber sind mitten in aufwendigen WTO­-konformen Ausschreibungsverfahren für die Beschaffung von Smart Metern (basierend auf den geltenden Vorgaben) oder rollen diese bereits aus. Ein Zurück auf Feld  1 gibt es da nicht – und schon gar nicht innerhalb der zugestandenen Frist und zu angemessenen Kosten.

Zudem wälzt der Bund seit geraumer Zeit die Idee einer Liberalisierung des Messwesens – unter anderem mit Verweis auf überhöhte Preise für Messdienstleistungen. Dass die Funktion des Messwesens integraler Bestandteil des Netzbetriebs ist, wird dabei ebenso ausgeblendet wie die Tatsache, dass die Kosten für die Auftrennung und Klärung unzähliger Schnittstellen zwischen mehreren Akteuren in keinem Verhältnis zum Nutzen stehen.

Die Umsetzung der Energiestrategie 2050 stellt hohe Anforderungen an die Netze, die erst die Grundlagen für ein dezentrales und dynamisches Stromsystem schaffen müssen. Dieser Umbau braucht Ausdauer sowie verlässliche und sinnvolle Spielregeln. Alles andere kann nicht im Sinne des Erfinders sein.

Siehe auch


Die politische Feder

Unter der Rubrik "Die politische Feder" veröffentlicht Dominique Martin, Bereichsleiter Public Affairs des VSE, regelmässig Kommentare und Einschätzungen zu energiepolitischen Themen.