Ein Trugschluss

Die politische Feder 8/2017
01.08.2017

Die Leichtathletiksaison ist in vollem Gang und die Athleten begeistern das Publikum in den Stadien und an den Fernsehern mit ihrem Können. Die Euphorie ist umso grösser, wenn eine Bestmarke geknackt wird oder gar ein Weltrekord fällt. Doch was wären die Höchstleistungen ohne eine exakte Messung?

Eine gleichermassen unscheinbare wie zentrale Funktion erfüllt die Messung nicht nur im Sport, sondern auch beim Strom. Langsam aber stetig ticken die Zähler hinter jedem Anschluss. Während bei den meisten Haushalten über grössere Zeiträume gemessen wird, muss bei Unternehmen und Stromproduzenten ein Abbild der kurzzeitigen Schwankungen von bezogenen beziehungsweise eingespeisten Mengen erstellt werden können. Die Messdaten brauchen die Versorger nämlich nicht nur zur Abrechnung von Stromverbrauch und Netznutzung, sondern auch für den sicheren Netzbetrieb, die Bereitstellung der benötigten Strommengen und die vorausschauende Netzplanung.

«Die im Allgemeinen richtige Intuition, durch Wettbewerb effizienter zu werden, erweist sich beim Messwesen also als Trugschluss.»

Doch es gibt auch noch andere Interessenten an bedarfsgerechten, hochqualitativen und kostengünstigen Messdaten. In der Absicht, Verbesserungen bei der Bereitstellung der Messdaten herbeizuführen, hat der Nationalrat die Weichen kürzlich in Richtung Liberalisierung des Messwesens gestellt. Er hat bei seinem Hau-Ruck-Entscheid jedoch übersehen, dass das Messwesen eine Einheit mit einem sicheren Netz bildet: Kommen die Prozessschritte nicht aus einer Hand, werden Synergien ausgehebelt und die Verantwortlichkeiten durcheinandergebracht, nicht aber Datenqualität und -verfügbarkeit verbessert. Das Resultat wären vor allem Mehrkosten, da komplizierte Schnittstellen bei der Zählerfernauslesung, beim Energiedaten-Management oder bei der Kommunikation geregelt werden müssten – Schnittstellen übrigens, die bei Smart Metern noch komplexer werden. Zudem belegen ausländische Beispiele, dass von einer Liberalisierung kaum volkswirtschaftliche Gewinne zu erwarten sind.

Die im Allgemeinen richtige Intuition, durch Wettbewerb effizienter zu werden, erweist sich beim Messwesen also als Trugschluss. Statt ein funktionierendes System zu zerschlagen, ist auf Subsidiarität zu setzen. Die Branche ist nämlich längst daran, im Dialog mit Grosskunden Verbesserungen beim Preis und bei der Leistung umzusetzen. So können die individuellen Ansprüche bestens abgedeckt werden, ohne dass die Allgemeinheit dafür zahlen muss. Und so kann sichergestellt werden, dass das Messwesen in der Schweiz zuverlässig funktioniert – und wie die Sportler Höchstleistung bringt.

Siehe auch


Die politische Feder

Unter der Rubrik "Die politische Feder" veröffentlicht Dominique Martin, Bereichsleiter Public Affairs des VSE, im Branchenmagazin Bulletin regelmässig Kommentare und Einschätzungen zu energiepolitischen Themen.