«Wir müssen anders denken als Männer»

22.11.2023
Bei der Regio Energie Amriswil (REA) arbeiten derzeit gleich zwei junge Netzelektrikerinnen: Aline Fitze, welche ihre Ausbildung 2022 bei der EKT AG abgeschlossen hat, und Linda Popp, die ihre Ausbildung im August 2023 eben erst begonnen hat.
Zwei junge Netzelektrikerinnen: Aline Fitze (links) und Linda Popp.

«Als ich meine ersten Schnupperlehren bestritt, war Strom noch überhaupt kein Thema für mich», erzählt Linda Popp. Vielmehr seien damals noch die Klassiker wie Fachangestellte Gesundheit oder Medizinische Praxisassistentin im Vordergrund gestanden. «Nachdem ich entsprechende Schnupperlehren absolviert hatte, wusste ich aber, dass ich das sicher nicht die nächsten drei bis vier Jahre machen wollte.» Kurze Zeit später hätten sie in der Schule dann das Thema Strom behandelt. «Das hat mich von Anfang an fasziniert. Strom ist nicht greifbar, aber doch so kraftvoll. Da wurde mir klar, dass ich alles darüber erfahren will.»

Die Ausbildung zur Netzelektrikerin stand zuerst allerdings nicht im Fokus, weil die 16-Jährige aus Räuchlisberg gar nicht wusste, dass dieser Beruf überhaupt existiert. Daher absolvierte sie zuerst eine Schnupperlehre als Elektroinstallateurin. «Das war aber nicht, was ich suchte. Es war mir alles ein bisschen zu fein und zu empfindlich.» Ein Nachbar, der bei der EKT arbeitet, empfahl Linda Popp schliesslich, eine Schnupperlehre als Netzelektrikerin. «Das war toll. Da gibt es was anzupacken, und nach der Arbeit sieht man ein Ergebnis.»

Der Wunsch, nach der Ausbildung und Arbeit mit Mittelspannung auch die Niederspannung besser kennenzulernen, führte Netzelektrikerin Aline Fitze nur einen Monat vor Linda Popp zur REA. Die 21-Jährige aus Bischofszell interessiert sich seit Kindesbeinen für alles, was mit Strom zu tun hat: «Mein Vater hat mein Interesse dafür geweckt. Wir haben immer mit Elektrobaukästen gespielt und auch sonst viel mit Elektronik gebastelt.» Aber auch Aline Fitze ist eher zufällig auf die Ausbildung zur Netzelektrikerin gestossen: «Dieser Beruf wurde mir in der Berufsberatung nie vorgeschlagen. Er war aber der Erste, der mir auch nach dem Schnuppern noch gefallen hat.» Gefallen hat Aline Fitze vor allem die Vielseitigkeit, und dass man sich dabei viel an der frischen Luft aufhält.

Women in Power

In einem Meinungsbeitrag vom 8. März – dem Weltfrauentag – hat Nadine Brauchli, Leiterin Energie beim VSE und Mitglied der Geschäftsleitung, Frauen aufgerufen, in die Energiebranche einzutauchen. In einer losen Serie stellt der VSE unter dem Titel «Women in Power» Frauen vor, die diesem Aufruf nicht mehr Folge leisten müssen, weil sie bereits eingetaucht sind und erfolgreich in den verschiedensten Bereichen der Energiewelt arbeiten.

Zweifache Pionierin

Aline Fitze ist in doppelter Hinsicht eine Pionierin. Sie war sowohl die erste Lernende als auch die erste Frau, die bei der EKT eine Ausbildung zur Netzelektrikerin absolvierte. Dass sie ihren Beruf beim kantonalen Energieversorgungsunternehmen erlernen konnte, habe viele Vorteile gehabt: «Wir waren im ganzen Kanton unterwegs, um zu arbeiten. Da erlebt man viel Schönes, beispielsweise, wenn man frühmorgens den Sonnenaufgang am Bodensee erleben darf und dann weiss, dass es ein schöner Tag wird. Das kriegt man drinnen im Büro nicht mit.» Auch habe sie aufgrund der Grösse ihres Ausbildungsbetriebs eine grosse Bandbreite an Tätigkeiten kennengelernt.

Die Lehrstellensuche war für Aline Fitze jedoch alles andere als einfach: «Ich bin bei den Betrieben auf grosse Skepsis gestossen, und viele wollten mir keine Lehrstelle anbieten, weil sie befürchteten, dass ich als eher zierliche Frau den Anforderungen dieser Ausbildung nicht gerecht werden könne.» Die junge Frau liess sich von dieser Ablehnung jedoch nicht beirren. Denn schliesslich gab es auch wohlwollende Berufsbildner, die ihr rieten, es bei grösseren Betrieben zu versuchen, die über entsprechende Geräte und Maschinen verfügten, um Lasten zu heben und Material zu bewegen, wobei weder Statur und Kraft eine Rolle spielten.

Beim EKT erhielt Aline Fitze schliesslich die Möglichkeit, ihre Wunschausbildung zu absolvieren. Die körperlichen Anforderungen dieses Berufs waren dort kein Thema. Dennoch merkte die junge Lernende schnell, dass sie anders an Aufgaben herangehen musste als ein Mann: «Aufgrund meiner körperlichen Voraussetzungen musste ich anders denken als die Männer, um Aufträge ausführen zu können. Auch die Monteure haben bald gemerkt, dass sie mir Aufgaben anders erklären müssen, damit ich sie schaffe.» Man müsse halt sehr viel zusätzlich überlegen und nachdenken beim Arbeiten, sagt Aline Fitze.

Integration in eine Männerwelt

Aber auch der Betrieb stand vor neuen Herausforderungen: Lernende zu betreuen, erfordert grossen Aufwand. Viele Dinge müssen im Voraus überlegt oder angepasst werden. Aline Fitze fand es spannend, zu sehen, wie viel Zeit und Mühe die Verantwortlichen dafür aufgewendet haben. «Beide Seiten mussten erst in die neue Situation hineinfinden. Aber ein Betrieb dieser Grösse verfügt über gute Voraussetzungen dafür.»

Eine andere Herausforderung war, eine junge Frau in eine durch und durch maskuline Welt einzugliedern. Das beginnt bei der Infrastruktur, die vollständig auf Männer ausgerichtet ist: Garderobe, Dusche und Toiletten befinden sich alle nah beieinander und auf einer Etage. Diese Anlagen sind funktional ein- und ausgerichtet, damit sich Arbeiter schnell und effizient bereitmachen können, während die Wege für Frauen länger sind. «Die Damen-Toilette war bei EKT auf einem anderen Stock. Garderobe und Dusche existierten gar nicht», erinnert sich Aline Fitze. In einem angrenzenden Gebäude, welches EKT gekauft hatte, fand sich dann doch noch eine Möglichkeit, um sanitäre Anlagen für Frauen einzurichten.

Auch bei der Regio Energie Amriswil war die Infrastruktur initial ausschliesslich für Männer ausgelegt. Mithilfe eines neu eingebauten Wandelements schufen die Verantwortlichen allerdings eine abschliessbare Garderobe für Frauen, und das passt den beiden Netzelektrikerinnen ganz gut. «Wir haben genügend Platz für uns zwei. Das stimmt so für uns», sagt Linda Popp.

Netzelektrikerinnen bei Regio Energie Amriswil: Aline Fitze (links) und Linda Popp.

Ein anderes Verhältnis

Dass gleich zwei Netzelektrikerinnen bei einem kleinen Betrieb wie der REA mit ihren rund 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern arbeiten, hat (noch) Seltenheitswert. Aline Fitze und Linda Popp sind mit der Konstellation sehr zufrieden: «Ich habe erst zwei Tage vor dem Start meiner Ausbildung davon erfahren, und ich schätze es sehr», sagt Linda Popp, die wie Aline Fitze von eher zierlicher Statur ist. Es sei hilfreich, sich mit einer Arbeitskollegin austauschen zu können, die über die gleichen Voraussetzungen verfüge und die dieselben Herausforderungen meistern müsse. «Das Verhältnis zu Aline ist anders als zu den Monteuren; allerdings nicht in Kategorien wie gut oder schlecht, sondern einfach anders.» Aline Fitze schätzt, dass sie Linda Popp unterstützen und ihr mit ihren eigenen Erfahrungen helfen könne. «Ich hatte während meiner Ausbildung mit den gleichen Dingen Schwierigkeiten und habe für gewisse Herausforderungen schon Lösungen gefunden, die ich Linda mitgeben kann.»

Linda Popp absolviert parallel zu ihrer Berufsausbildung auch noch die Berufsmatura BMS. Das bedeutet für sie mehr Schulunterricht und viele zusätzliche Fächer. «Eventuell möchte ich später einmal eine Fachhochschule besuchen. Wenn ich die Berufsmatura dann schon habe, spare ich viel Zeit. Ausserdem gefällt mir, dass in der Schule auch noch andere Fächer, wie beispielsweise Fremdsprachen, unterrichtet werden.» Der Zeitaufwand sei zwar beträchtlich, aber sie nehme sich diese Zeit gerne, sagt Linda Popp. Glücklicherweise könne sie die Berufsmaturitätsschule in Frauenfeld besuchen, während die Berufsschule in Brugg im Kanton Aargau stattfindet. «Die REA hat mich in meinen Plänen immer unterstützt. Sie hat geholfen, die Stundenpläne zwischen BMS und Berufsschule abzustimmen und dass ich die BMS statt im aargauischen Lenzburg hier in Frauenfeld besuchen kann. Dafür bin ich der REA sehr dankbar.»

Ein gutes Gefühl

Als Netzelektrikerinnen sind Aline Fitze und Linda Popp mitverantwortlich, dass die Versorgungssicherheit in ihrem Versorgungsgebiet – in diesem Fall die Stadt Amriswil – stets gewährleistet wird. Erfahren sie im Alltag die dafür angebrachte Wertschätzung? «Wenn ich von meinem Beruf erzähle, denken viele zuerst an Installateure. Das ist etwas enttäuschend, weil die Menschen gar nicht wissen, dass es uns gibt und was wir tun», antwortet Aline Fitze. «Aber ich freue mich, wenn sie Strom haben.» Und Linda Popp sagt dazu: «Mir wurde bewusst, dass die Menschen während eines Abstellers für einen gewissen Zeitraum keinen Strom haben. Da habe ich erkannt, wie wichtig unsere Arbeit ist. Und das ist ein gutes Gefühl, zu wissen, dass die eigene Arbeit wichtig ist, dass es das braucht.»