Windkraft im Gegenwind – eine Stromquelle ohne Rückhalt

Gleich zwei Windkraftprojekte werden binnen weniger Tage eingebremst. Dabei spielt Windkraft eine wichtige Rolle für die Versorgungssicherheit, weil sie den Grossteil des Stroms im Winter produziert. Suisse-Éole-Vizepräsidentin und Nationalrätin Priska Wismer-Felder (Die Mitte/LU) spricht über gesellschaftliche Akzeptanz und die Zukunft der Windenergie.
06.12.2021

Priska Wismer-Felder im Video-Interview:

Es sind stürmische Zeiten für Projektleitende von Windkraftanlagen. Gleich zwei Vorhaben wurden innert wenigen Tagen kräftig durchgewirbelt. Zunächst ordnete das Bundesgericht an, dass der neu geplante Windpark Grenchenberg wegen des Vogelschutzes verkleinert werden muss. Ob die städtischen Werke Grenchen (SWG) den Windpark unter den neuen Auflagen bauen, ist offen. Und dann bremste die Bevölkerung Rickenbachs ein Windkraftprojekt auf dem Stierenberg ein, indem sie Ja zu einer Initiative sagte, die eine Schutzzone verlangt, wo das geplante Windrad hinkommen würde. Das Projekt hat Mitte-Nationalrätin Priska Wismer-Felder gemeinsam mit ihrem Mann initiiert. Es sieht den Bau von drei Anlagen vor, die rund 4600 Haushalte mit jährlich 20.7 Gigawattstunden Strom versorgt.

Frau Wismer-Felder, sie setzen sich als Vize-Präsidentin von Suisse Éole und als Nationalrätin für den Ausbau der Windkraft ein. Wie frustrierend sind für Sie die beiden negativen Entscheide?
Die Enttäuschung ist gross. Gerade beim Windpark in Rickenbach waren wir überzeugt, mit unserem Bürgerprojekt die Mehrheit der Bevölkerung hinter uns zu scharen. Leider fiel der Entscheid nun knapp zugunsten einer Schutzzone.

Was ist schiefgelaufen? Worauf fusst die tiefe Akzeptanz gegenüber der Windkraft?
Die Auseinandersetzung mit der Windenergie ist noch sehr oberflächlich. Die Bevölkerung setzt sich nicht mit dieser Technologie auseinander. Ich spüre, dass noch sehr viele Ängste, Widerstände und Vorurteile existieren. Daran müssen wir arbeiten. Denn es ist eine wichtige Technologie, eine Ergänzung zu den anderen Erneuerbaren und bringt uns vor allem bei schlechtem Wetter und im Winterhalbjahr viel Strom. Das ist noch nicht angekommen, die Vorurteile sitzen tief.

«Viele machen einen Bogen darum, weil sie wissen, dass Windkraft kontrovers diskutiert wird.»

Dabei gibt es gute Gründe für die Windenergie. Sie ist sicher, nachhaltig und eine wichtige Säule für die erneuerbare Stromproduktion. In der Schweiz waren Ende 2020 insgesamt 41 Gross-Windenergieanlagen installiert. Ihre Jahresproduktion deckt etwa 0.2% des gesamtschweizerischen Stromverbrauchs. Gemäss der Energieperspektiven 2050+ des Bundes soll Windstrom bis 2050 rund 4.3 Terawattstunden liefern (rund 7% des Strombedarfs). Von diesem Ausbauziel ist die Schweiz meilenweit entfernt. Für die Versorgungssicherheit ist die Windkraft aber von besonderer Relevanz, weil zwei Drittel des Windstroms im Winterhalbjahr produziert werden. In der kalten Jahreszeit ist die Gefahr einer potenziellen Versorgungslücke am grössten.

Wie können Sie Vorurteile gegenüber der Windkraft bekämpfen?
Ich empfehle den Leuten vor Ort ein Windrad anzusehen. Dabei zeigt sich, dass viele Dinge gar nicht stimmen. Zum Beispiel sind Windräder dank neuen Technologien gar nicht so laut, wie es immer heisst. Was jedoch immer bleibt, ist, dass man Windräder sieht. Das ist eine Tatsache, die aber auf jede Energietechnologie zutrifft.

Ein Windkraftprojekt entsteht nicht von heute auf morgen, viele Ressourcen, auch finanzieller Art, stecken darin. Denken Sie, dass sich in Zukunft noch genügend Investorinnen und Investoren für Windparks finden lassen?
Das ist tatsächlich eine Schwierigkeit, insbesondere in der Phase der Prüfung und Projekterarbeitung. Wir sind deshalb sehr dankbar, dass wir immer Leute gefunden haben, die uns aus persönlicher Überzeugung geholfen haben, diese Vorbereitungsarbeiten zu finanzieren. Und auch nach dem Volkentscheid habe ich Telefonate von Geldgeberinnen und Geldgebern erhalten, die meinen: Wir müssen dranbleiben.

Aktuell liegen für 114 Windenergieanlagen Plangenehmigungsanträge vor. Jedoch sind 68 davon wegen eines juristischen Verfahrens blockiert (Stand 09.12.2021). Können die Projekte, gegen die Beschwerde erhoben wurde, realisiert werden, wird das Zwischenziel von 1.7 Terawattstunden Windkraft bis 2035 sogar übertroffen.

Sind ihnen Projekte bekannt, die wegen diesen Unsicherheiten auf die Bremse treten?
Es ist schon ein schwieriges Signal. Bevor heute ein Windprojekt gestartet wird, überlegt man es sich drei-, viermal. Hat man wie wir nach sieben Jahren alle Vorkehrungen getroffen und bereits viel investiert, kann man nicht einfach aufgeben. Wir gehen den Weg weiter, auch wenn er nicht einfacher geworden ist. Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen.

Welche Rahmenbedingungen muss der Bund schaffen, dass die Windkraft ihren Beitrag zur Energiestrategie leisten kann?
Auf rechtlicher Ebene müssen die Verfahren beschleunigt und vereinfacht werden. Das geht der Bund nun an. Es wird aber auch auf Kantons- und Gemeindeebene noch einige Schritte benötigen. Zudem braucht es auch eine Imagekampagne. Mir fällt auf, dass beispielsweise bei Pressekonferenzen des Bundes die Windenergie nicht oder nur am Rande erwähnt wird. Viele machen einen Bogen darum, weil sie wissen, dass Windkraft kontrovers diskutiert wird. Und ich glaube, man muss die Windenergie im gleichen Atemzug nennen wie die anderen, vielleicht weniger umstrittenen Technologien. Windenergie hat ihren Platz und wir brauchen sie.