Wasserstoff in der Schweiz: Ein Thema, das Klärung braucht

Wasserstoff wird bereits in vielen Ländern weltweit als wichtiger Energieträger für eine Dekarbonisierung gesehen. In der EU wird beispielsweise rege diskutiert, wie der Hochlauf einer Wasserstoffwirtschaft gelingen kann. In der Schweiz sind diesbezüglich noch viele Fragen offen.
15.07.2021

Der Energieträger Wasserstoff rückt immer tiefer in die Energiewirtschaft vor: Wasserstoffstrategien werden ausgearbeitet, Förderprogramme lanciert – und verschiedene konkrete Regelungen stehen zur Diskussion, z.B. die Regulierung von Wasserstoffnetzen. Auch in der Schweiz nimmt die Debatte über die Bedeutung und Nutzung von Wasserstoff langsam an Fahrt auf. Der Beitrag von Wasserstoff zur Dekarbonisierung wird hier gemäss Energieperspektiven 2050+ vor allem in Industrie und Schwerverkehr gesehen.

Der Bundesrat hat sich im Februar 2021 für eine strategische Ausrichtung zur künftigen Rolle von Wasserstoff im Schweizer Energiesystem ausgesprochen, indem er die Motion Suter  20.4406  "Grüne Wasserstoffstrategie für die Schweiz" und das Postulat Candinas  20.4709  "Wasserstoff Auslegeordnung und Handlungsoptionen für die Schweiz" zur Annahme empfohlen hat. Das Postulat hat der Nationalrat dem Bundesrat am 19. März 2021 überwiesen. Gemäss Bundesrat laufen die entsprechenden Grundlagenarbeiten bereits. Es wird u.a. geprüft, wo eine Verwendung von Wasserstoff sinnvoll ist, wo dieser produziert wird, wie er transportiert, importiert und allenfalls gespeichert wird – und welche regulatorischen Rahmenbedingungen für die Entwicklung eines Wasserstoffmarktes in der Schweiz nötig sind.     

Der VSE begrüsst, dass dieses Thema vom Bund nun angegangen wird – und erste Stossrichtungen sowie Rahmenbedingungen aufgezeigt werden. Gleichzeitig werden in der Praxis immer mehr Wasserstoff-Projekte angeschoben, die dann oft an die Grenzen der heutigen Regulierung stossen. Für eine sektorübergreifende Energienutzung braucht es deshalb auch eine sektorübergreifende Regulierung. Geeignete Rahmenbedingungen gilt es dabei nicht nur für den Wasserstoff zu schaffen, sondern für die Sektorkopplung als ganzes – also für die Kopplung der Energieträger Strom, Gas und Wärme in den Sektoren Gebäude, Industrie und Verkehr.

«Für eine sektorübergreifende Energienutzung braucht es auch eine sektorübergreifende Regulierung»

Die neuen Rahmenbedingungen müssen dem Anspruch an Technologieneutralität, Wettbewerb und Kostenwahrheit gerecht werden: Erster und wichtigster Pfeiler ist die Internalisierung der Kosten der CO2-Emissionen in allen Sektoren durch eine äquivalente CO2-Bepreisung. Zweitens braucht es eine Netztarifierung, welche die tatsächliche Netzbelastung und Kostenverursachung wie auch die Beiträge zur Netzentlastung besser reflektiert. Drittens könnte eine Vergütung von Flexibilität, sei diese netz-, markt- oder systemdienlich, weitere Opportunitäten schaffen.

Nebst den regulatorischen Aspekten tun auch entsprechende raumplanerische Voraussetzungen Not, damit der Bau von Produktions- und Transportanlagen von Wasserstoff sowie von Fern- und Nahwärmenetzen überhaupt möglich wird. Diese Voraussetzungen fehlen heute noch. 

Bis zum Inkrafttreten verbesserter Rahmenbedingungen sollte die Zeit bewusst genutzt werden. Unterschiedliche Ideen zu den regulatorischen Rahmenbedingungen müssen ergebnisoffen diskutiert und denkbare Ausgestaltungsvarianten in Pilotanwendungen getestet werden. Allenfalls bieten die in der Revision StromVG vorgesehenen "Regulatory Sandboxes" (regulatorische Testräume) eine Möglichkeit dazu. 

Prioritär ist nun aber, dass die Diskussion zu Wasserstoff auch auf Ebene Bund und Politik vertieft und Antworten zu den offenen Fragen gefunden werden; dies im engem Austausch mit der Branche. Dabei gehört der Gesamtkontext der Sektorkopplung miteinbezogen. Die Sektorkopplung wird nämlich einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten. Zudem trägt sie zur Versorgungssicherheit sowie zur Integration der fluktuierend erzeugenden erneuerbaren Energien und der dezentralen Strukturen bei. Die systemübergreifende Nutzung von Strom, Gas und Wärme erhöht überdies die Flexibilität und Effizienz des Gesamtsystems.