Da die Versorgung insbesondere im Winter kritisch ist, braucht es mehr Winterproduktion aus erneuerbaren Energien sowie den Ausbau des Netzes und ein Stromabkommen. Der VSE Stromversorgungs-Index Schweiz zeigt die Dringlichkeit deutlich: Er ist bei 82 Punkte im Jahr 2035 und 69 Punkte im Jahr 2050. Die Versorgungslücke in 2050 könnte geschlossen werden durch weniger Stromverbrauch zu Spitzenzeiten, mehr erneuerbare Energien, den Langzeitbetrieb der bestehenden Kernkraftwerke, Flexibilität wie Speicher, zusätzliche Stromproduktion z.B. aus Gaskraftwerken und den Ausbau der Netze. Ohne Abkommen sind die Stromimporte und -exporte zudem über die Grenzen limitiert. Damit wird der Zielwert klar verfehlt und die Versorgungssicherheit der Schweiz bleibt kritisch. «Der VSE Stromversorgungs-Index zeigt klar: Die Schweiz steht vor grossen Herausforderungen. Wir müssen jetzt handeln, um die Versorgungssicherheit von morgen zu gewährleisten», sagt Martin Schwab, Präsident VSE.
VSE Stromversorgungs-Index Schweiz 2026: Prognostizierte Werte
- 2035: 82 Punkte
- 2050: 69 Punkte
Versorgungslücke: Warum?
Der kontinuierliche Anstieg der Stromnachfrage und der Ausstieg aus der Kernenergie führen ab 2040 zu einer deutlichen Verschlechterung des Index. Ein Stromabkommen mit der EU würde die Situation zwar verbessern, reicht jedoch nicht aus, um den Zielwert von 100 Punkten zu erreichen. Hauptursachen für den tiefen Index sind die unzureichende Winterproduktion aus erneuerbaren Energien, der stockende Ausbau des Stromnetzes, eingeschränkte Importmöglichkeiten sowie das Fehlen gesellschaftlich tragfähiger Lösungen zur Deckung des zusätzlichen Winterstrombedarfs. Zudem ist eine gewisse Unabhängigkeit von Nachbarländern sinnvoll; Stromimporte sollen und können nicht beliebig erhöht werden. Insbesondere in Mangellagen sind Importe selten möglich. «Die Schweiz steht vor einer entscheidenden Weggabelung: Ohne entschlossene energiepolitische Entscheidungen, konkrete Investitionen in neue Produktionskapazitäten und eine deutliche Beschleunigung der Bewilligungsverfahren riskieren wir unsere Versorgungssicherheit», warnt Martin Schwab.
Die 5 Indikatoren
Der VSE Stromversorgungs-Index setzt sich aus 5 Indikatoren zusammen, wovon keiner auf Zielkurs ist.
Die 5 Indikatoren im Detail
Stromnachfrage (86 Punkte im Jahr 2050)
Ist-Situation: Aktuell liegt der Wert der Stromnachfrage pro Person noch auf Zielpfad. Der Verbrauch steigt aber stärker als vom Bund bisher erwartet, vor allem durch Elektromobilität und neue Anwendungen wie beispielsweise Rechenzentren.
Soll-Situation: Effizienz muss konsequent gesteigert werden. Intelligentes Lastmanagement und digitale Steuerungssysteme sind nötig, um Spitzen zu glätten. Zusätzlich braucht es einen beschleunigten Ausbau der inländischen Stromproduktion.
Erneuerbare Energien (83 Punkte)
Ist-Situation: Die Winterproduktion bleibt weit hinter den Zielen zurück. Der Ausbau von Windkraft, Wasserkraft und PV-Alpin stockt und PV-Dachanlagen können im Winter nur einen beschränkten Beitrag leisten. Die Vorgaben des Stromgesetzes werden deutlich verfehlt.
Soll-Situation: Mehr Akzeptanz und schnellere Verfahren für Grossprojekte sind entscheidend. PV muss konsequent auf Winterproduktion ausgerichtet werden. Insbesondere der Ausbau der Wasser- und Windkraft ist zentral, da ohne einen deutlichen Zubau die Ziele für die Winterstromproduktion nicht erreicht werden können. Bei der Wasserkraft ist neben den grossen Speicherkraftwerken auch ein Ausbau von kleinen und mittleren Anlagen erforderlich. Selbst bei Umsetzung aller gemeldeten Projekte bleiben die Ziele unerreichbar.
Flexibilität (52 Punkte)
Ist-Situation: Saisonale Speicherprojekte kommen nur schleppend voran. Der Bund strebt 2 TWh bis 2040 an, realistisch sind derzeit nur rund 1 TWh.
Soll-Situation: Lösungen für neue Wasserkraftwerke müssen gefunden werden. Alternativ sind steuerbare thermische Kraftwerke erforderlich.
Zusätzliche Stromproduktion (63 Punkte)
Ist-Situation: Der Indikator Zusätzlicher Strom liegt 2050 nur bei 63 Punkten. Damit entsteht ab 2040 ein deutlicher Bedarf an zusätzlicher inländischer Stromproduktion – etwa durch mehr Windkraft, den Einsatz von Gaskraftwerken oder den Langzeitbetrieb bestehender Kernkraftwerke. Zusätzliche Importe wären mit einem Stromabkommen zwar möglich, würden jedoch den Importrichtwert und damit das Ziel einer höheren Unabhängigkeit verletzen und setzen zudem ausreichende Exportkapazitäten der Nachbarländer voraus. Für absolute Notlagen sind Reservekraftwerke vorgesehen. Ab 2045 ist im Winter mit einem Mehrbedarf von rund 50 Prozent zusätzlicher Produktion zu rechnen vor allem bedingt durch die voraussichtliche Stilllegung der beiden letzten Schweizer Kernkraftwerke.
Soll-Situation: Zur Sicherung der künftigen Versorgungssicherheit braucht es ein Bündel koordinierter Massnahmen. Dazu gehören verstärkte Anstrengungen von Bund und Branche, um die Akzeptanz für Windkraft zu erhöhen. Gleichzeitig sollen weitere Optionen für eine zusätzliche inländische Stromproduktion geprüft werden – etwa neue Gaskombikraftwerke oder ein möglicher Langzeitbetrieb bestehender Kernkraftwerke. Zudem ist ein Stromabkommen mit der EU mit möglichst schlanker innerstaatlicher Ausgestaltung rasch umzusetzen.
Netz (57 Punkte)
Ist-Situation: Der Netzausbau ist zu langsam, rund die Hälfte der Projekte verzögert. Zudem sind Grenzkapazitäten ohne Stromabkommen nicht gesichert.
Soll-Situation: Stromabkommen rasch verabschieden und den Netzumbau beschleunigen. Der «Netzexpress» muss vom Parlament beschlossen werden, um Verfahren zu vereinfachen.
VSE fordert entschlossenes Handeln
Um die Versorgungssicherheit langfristig zu gewährleisten, müssen jetzt zentrale Weichen gestellt werden. Entscheidend ist, die folgenden Massnahmen umzusetzen, um den Stromversorgungs-Index schrittweise in Richtung des Zielwerts von 100 Punkten zu verbessern. Dabei handelt es sich nicht nur um technische, sondern auch um gesellschaftliche und politische Entscheidungen.
Der Abschluss eines Stromabkommens würde die Nutzung der Grenzkapazitäten sichern, ein beschleunigter Netzausbau ermöglicht den Anschluss neuer Produktionskapazitäten, und saisonale Speicher sowie alternative Wasserkraftprojekte müssen geprüft und ausgebaut werden. Doch auch wenn der gezielte Ausbau von Windkraft und der Langzeitbetrieb bestehender Kernkraftwerke helfen, kurzfristige Engpässe zu vermeiden, so sind sie dennoch keine dauerhafte Lösung. Weitere Massnahmen werden auch über 2050 hinaus notwendig sein – ein blosses Hinauszögern gefährdet die Versorgungssicherheit.
Das Zielbild für 2050 ist klar: Effizienzsteigerungen sind umgesetzt, die Winterstromproduktion durch gezielten Ausbau von Wasserkraft, Windkraft und PV-Alpin gesichert, ergänzende Produktionskapazitäten – also flexible, bedarfsgerechte Anlagen zur Absicherung in Zeiten geringer erneuerbarer Produktion – stehen bereit, Speicher und Flexibilitäten sind ausgebaut und das Stromnetz ist modernisiert sowie grenzüberschreitend leistungsfähig.
«Die Ergebnisse sind ein Weckruf: Ohne rasches Handeln droht der Schweiz eine Versorgungslücke – vor allem im Winter», warnt Michael Frank, Direktor VSE. «Wir brauchen Tempo beim Ausbau von Produktion, Speichern und Netzen – sonst wird die Energiewende zur Versorgungskrise», ergänzt Frank. Martin Schwab, Präsident VSE, unterstreicht: „Die Schweiz steht vor einer entscheidenden Weggabelung: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen jetzt gemeinsam handeln, um die Versorgungssicherheit zu garantieren.“
Methodik
- Im Jahr 2025 hat der VSE in der Studie Energiezukunft 2050 (EZ 2050) das Zielbild der Stromversorgung für das Jahr 2050 aufgezeigt. Dieses basiert auf der von der Bevölkerung verabschiedeten Energie- und Klimastrategie sowie dem Stromgesetz.
- Der VSE Stromversorgungs-Index Schweiz misst, wie gut dieses Zielbild erreicht wird, beziehungsweise den zukünftigen Versorgungsgrad anhand relevanter Indikatoren. Der Schwerpunkt liegt auf dem Winterhalbjahr für die Jahre bis 2050, da die Stromversorgung vor allem im Winter kritisch ist und sein wird.
- Bei der Berechnung des Index berücksichtigt der VSE aktuelle Entwicklungen wie den Ausbau von PV-Dächern, geplante Grossprojekte, Netzausbau und die Elektromobilität. Alle derzeit geplanten Grossprojekte, die bis 2050 umgesetzt werden sollen, werden einbezogen – ob sie tatsächlich realisiert werden, ist jedoch noch ungewiss.
- Der Index ist eine einfach nachvollziehbare und eingängige Methode, um die künftige Versorgungssituation darzulegen.
- Es handelt sich um die erste Version; die Methodologie wird in den nächsten Jahren weiterentwickelt. Ziel ist es, den Diskurs über die künftige Versorgung anzustossen.
Index und Indikatoren
Der VSE Stromversorgungs-Index Schweiz gibt den Versorgungsgrad für die Jahre 2035 und 2050 an und basiert auf fünf den Schlüssel-Indikatoren:
- Stromnachfrage
- Erneuerbare Energien
- Flexibilität
- Zusätzliche Stromproduktion (inklusive Reserve)
- Netz
Irit Mandel
Tel. +41 62 825 25 30, irit.mandel@strom.ch
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