Der VSE Stromversorgungs-Index Schweiz 2026
- Der VSE bewertet den Stromversorgungsgrad mithilfe des am 12. Januar 2026 erstmals veröffentlichten VSE Stromversorgungs-Index Schweiz.
- Der Zielwert des Index liegt bei 100 Punkten und leitet sich aus dem VSE-Zielbild der Stromversorgung bis 2050, abgestützt auf der Energie- und Klimastrategie sowie dem Stromgesetz, ab. Da die Versorgung insbesondere im Winter kritisch ist, konzentriert sich der Index auf das Winterhalbjahr.
- Die Berechnungen des VSE zeigen, dass der Zielwert von 100 Punkten kritisch unterschritten wird: Für das Jahr 2050 liegt VSE Stromversorgungs-Index Schweiz bei 69 Punkten. Damit ist die Versorgungssicherheit 2050 aus heutiger Sicht nicht gewährleistet.
Die Hauptgründe für den niedrigen Wert sind:
- Der langsame Ausbau der Winterstromproduktion aus erneuerbaren Energien, vor allem Wind und Wasserkraft
- Die schleppende Erweiterung der Netzinfrastruktur sowie erwartete Einschränkungen bei den Stromimporten
- Fehlende gesellschaftlich tragfähige Lösungen zur Deckung des zusätzlichen Strombedarfs im Winter
VSE fordert Handeln
- Konsequente Umsetzung der gesetzlich festgelegten Stromproduktion aus erneuerbaren Energien mit Fokus auf Winterproduktion
- Konsequente Ausrichtung der Förderung auf Winterproduktion
- Beschleunigung des Ausbaus der Stromnetze
- Abschluss eines Stromabkommens mit der EU und Verzicht auf Swiss Finish bei innerstaatlicher Umsetzung
- Ausbau und Nutzung von Flexibilitäten, insbesondere Speicher
- Vorbereitungen für Langzeitbetrieb Kernkraftwerke und Option Gaskraftwerke treffen
VSE Stromversorgungs-Index Schweiz 2026: Ziel & Methodik
Ziel
Der VSE Stromversorgungs-Index Schweiz bildet die zukünftige Versorgungslage einfach und verständlich ab. Er zeigt den aus heutiger Sicht erwarteten Versorgungsgrad der kommenden Jahre und dient als Frühwarnsystem. Der Index wird regelmässig erhoben und erstmals am 12. Januar 2026 veröffentlicht. Auf dieser Grundlage schlägt der VSE Massnahmen vor – mit dem Ziel, einen Wert von mindestens 100 Punkten zu erreichen.
Methode
Basis: Die Studie Energiezukunft 2050 definiert das VSE Zielbild der Stromversorgung bis 2050, abgestützt auf der Energie- und Klimastrategie sowie dem Stromgesetz. Daraus leitet sich der Zielwert des Index von 100 Punkten ab.
Messung: Der Index bewertet den erwarteten Versorgungsgrad anhand relevanter Indikatoren, mit Fokus auf das Winterhalbjahr. Der Index wird laufend weiterentwickelt, indem die Indikatoren durch Hinzufügen weiterer Subindikatoren konkretisiert werden.
Einordnung: Der Index zeigt den aus heutiger Sicht erwarteten Versorgungsgrad der kommenden Jahre. Die Werte der Indikatoren basieren auf wissenschaftlichen Studien, Erhebungen und quantitativen Daten und Analysen. Die Indikatoren sind per se jedoch nicht wissenschaftlich hergeleitet und ersetzen keine System Adequacy-Studien.
Indexberechnung mit 5 Indikatoren
Der VSE Stromversorgungs-Index Schweiz misst den erwarteten Versorgungsgrad anhand der fünf Indikatoren:
Stromnachfrage
Erneuerbare Energien
Flexibilität
Zusätzliche Stromproduktion (inkl. Reserve)
Netz
Indikatoren und Resultate
1. Stromnachfrage 2. Erneuerbare Energien 3. Flexibilität
Indikator 1: Stromnachfrage
Stromverbrauch steigt deutlich – auch durch mehr Elektromobilität.
IST
- Der Indikator Stromverbrauch liegt im Jahr 2050 bei 86 Punkten.
- Der Stromverbrauch befindet sich aktuell noch auf Zielpfad.
- Der VSE geht davon aus, dass in den kommenden Jahren die Elektromobilität und Rechenzentren zu einem wesentlich höheren Verbrauch führen.
SOLL
- Stromeffizienz konsequent steigern
- Intelligentes Lastmanagement und digitale Steuerungssysteme, um den Verbrauch zu optimieren und Verbrauchsspitzen zu glätten
- Verbrauchsprognosen müssen neue Entwicklungen mitberücksichtigen.
Indikator 2: Erneuerbare Energien
Winterproduktion ist am stärksten vom schleppenden Ausbau betroffen.
IST
- Der Indikator Erneuerbare Energien liegt im Jahr 2050 bei 83 Punkten.
- Der Ausbau der Grossprojekte (Wind, Wasserkraft und PV-alpin) verläuft schleppend.
- PV auf Dächern und Infrastruktur liefert nicht ausreichend Strom zur Winterversorgung. Die Vorgaben des Stromgesetzes werden deutlich verfehlt.
SOLL
- Realisierung von Winterproduktion wie Wind- und Wasserkraft braucht stärkere Akzeptanz.
- Weitere Ausbauprojekte erforderlich – insbesondere Windenergie kann substanziellen Beitrag zur Winterproduktion leisten.
- Auch PV konsequent auf Winterproduktion ausrichten.
Fokus einzelne Technologien
Alle Technologien bleiben hinter den gesetzten Zielen zurück.
- Der Zubau PV Dach + Infrastruktur basiert auf den Annahmen der VSE Energiezukunft 2050.
- Die Grossprojekte berücksichtigen alle aktuell von den Unternehmen gemeldeten Projekte, die bis 2050 umgesetzt sein sollten.
- Die Produktionsverluste bei der Wasserkraft durch Restwasserbestimmungen basieren auf Abschätzungen des BFE.
- Der Ausbau von Wind liegt deutlich unter dem Zielwert von 4000 GWh/Winter. Dieser Zielwert erforderte rund 600 Windanlagen (Turbinen). Aktuell liegen Projekte für rund 200 Windturbinen vor. Ihre Realisierung setzt die Akzeptanz der Bevölkerung voraus.
- Selbst wenn alle auch undatierten Projekte realisiert werden, sind die Ziele der Erneuerbaren Energien (ohne Wasserkraft) nicht erreichbar.
Indikator 3: Flexibilität
Subindikator Zusätzliche saisonale Speicher
Wasserkraftwerke mit saisonaler Speicherung verzögern sich.
IST
- Der Indikator Flexibilität liegt im Bereich des Subindikators Zusätzliche saisonale Speicher im Jahr 2050 bei 52 Punkten (ein Subindikator kurzfristige Flexibilitäten ist noch zu entwickeln (z.B. Batterien, E-Mobilität, Abregelung PV).
- Die Speicherseen liefern mit 9 TWh Inhalt einen wesentlichen Beitrag zur Winterproduktion.
- Der Bund hat das Ziel gesetzt, bis 2040 im Winter 2 TWh steuerbare, erneuerbare Energien zuzubauen und dazu Wasserkraftprojekte im Stromgesetz verankert. Nach aktuellem Stand werden rund 1 TWh erreicht.
SOLL
- Die Realisierung dieser Projekte ist zentral.
- Alternativ steht nur der Zubau von thermischen Kraftwerken zur Verfügung.
- Es braucht Preissignale, um Anreize in Investitionen in die Flexibilität zu schaffen.
Indikator 4: Zusätzliche Stromproduktion (zuzüglich Reserve)
Ab 2045 braucht es rund 50 Prozent zusätzliche Produktion im Winter.
IST
- Der Indikator Zusätzliche Stromproduktion liegt im Jahr 2050 bei 63 Punkten.
- Ab 2040 braucht es zusätzliche inländische Produktion: mehr Wind, Gaskraftwerke oder Langzeitbetrieb bestehender Kernkraftwerke.
- Mehr Importe wären mit einem Stromabkommen auch möglich, verletzen allerdings den Anspruch nach mehr Unabhängigkeit (Importrichtwert). Zudem setzt dies voraus, dass die Nachbarländer exportfähig sind.
- Für kurzfristige Versorgungsengpässe sind Reservekraftwerke vorgesehen.
SOLL
- Anstrengungen Bund und Branche, um Akzeptanz für Windkraft (hohe Winterproduktion) zu erhöhen.
- Zusätzliche Stromproduktion (Gaskraftwerke, Langzeitbetrieb KKW) realisieren.
- Stromabkommen mit schlanker innerstaatlicher Ausgestaltung verabschieden.
Fokus Sommerhalbjahr
Überschüsse von bis zu 40 Prozent müssen sinnvoll genutzt werden.
- Um Überschüsse zu minimieren, braucht es eine Optimierung des Eigenverbrauchs, Flexibilitäten und Speicher. Für den optimalen Einsatz von Eigenverbrauch, Speichern und Flexibilitäten sind entsprechende Preisanreize notwendig.
- Die Sommerüberschüsse nehmen als Folge des starken Zubaus von PV-Anlagen vor allem in den Jahren 2030 und 2035 deutlich zu.
- Es braucht Lösungen für die Nutzung dieser Überschüsse.
- Die Überschüsse können nach Möglichkeit exportiert werden. Es braucht das Stromabkommen zur Sicherung der Exportmöglichkeiten.
- Ein Teil des überschüssigen Stroms muss abgeregelt werden: zur Entlastung der Verteilnetze und zur Begrenzung der Kosten des Netzausbaus.
Indikator 5: Netz
Subindikator Verfügbarkeit Grenzkapazitäten
Genügend Grenzkapazitäten sind nur mit Stromabkommen sichergestellt.
IST
- Der Indikator Netz liegt im Jahr 2050 bei 57 Punkten; der Subindikator Verfügbarkeit Grenzkapazitäten bei 41 Punkten.
- Die Verfügbarkeit der Grenzkapazitäten (kritische Netzelemente) sind ohne Stromabkommen eingeschränkt; ein Abkommen würde den Indikator deutlich verbessern.
- Ob das Stromabkommen und die entsprechende innerstaatliche Ausgestaltung von der Bevölkerung angenommen wird, wird sich erst 2027/28 zeigen.
SOLL
- Ein Stromabkommen mit einer schlanken und diskriminierungsfreien innerstaatlichen Ausgestaltung vom Parlament verabschieden, das der Schweiz u.a. Grenzkapazitäten sichert und von der Bevölkerung an der Urne angenommen wird (voraussichtlich im 2027/28).
Subindikator Übertragungsnetz
Fast die Hälfte der Übertragungsnetz-Projekte ist verzögert.
IST
- Der Indikator Netz liegt im Jahr 2050 bei 57 Punkten; der Subindikator Übertragungsnetz bei 73 Punkten.
- Die Hälfte der Projekte ist verzögert. Der Um- und Ausbau der Stromnetze geht nur langsam vorwärts.
- Auch die Projekte im Bereich der Verteilnetze sind verzögert durch Einsprachen und aufwändige Verfahren.
SOLL
- Der Netzumbau und -ausbau ist zu beschleunigen und zu vereinfachen. Dabei ist insbesondere auch das Verteilnetz zu berücksichtigen, um den zukünftigen Anforderungen (PV-Dach, Elektromobilität) gerecht zu werden.
- Der Netzexpress ist zeitnah vom Parlament zu verabschieden und Massnahmen auf allen Ebenen – auch auf Ebene Verteilnetz – beinhalten.
Take-Aways
Der VSE Stromversorgungs-Index Schweiz 2026 fällt bis 2050 auf 69 Punkte – das Ziel von 100 wird deutlich verfehlt.
Keiner der fünf Indikatoren ist auf Zielkurs
- Indikator 1 - Stromnachfrage: 86 Punkte (2050) – Verbrauch steigt stärker als die Zielvorgabe vom Bund.
- Indikator 2 - Erneuerbare Energien: 83 Punkte – PV-Dach reicht nicht für Winter.
- Indikator 3 - Flexibilität: 52 Punkte – Ausbau Zusätzliche Saisonale Speicher bleibt hinter den Zielen zurück.
- Indikator 4 - Zusätzliche Stromproduktion: 68 Punkte – Akzeptierte Lösungen fehlen.
- Indikator 5 - Netz: 57 Punkte – Netzausbau zu langsam und Stromabkommen offen
Was tun?
- Konsequente Umsetzung der gesetzlich festgelegten Stromproduktion aus erneuerbaren Energien mit Fokus auf Winterproduktion
- Konsequente Ausrichtung der Förderung von Produktionsarten auf Winterproduktion
- Beschleunigung des Ausbaus der Stromnetze
- Abschluss eines Stromabkommens mit der EU und Verzicht auf Swiss Finish bei innerstaatlicher Umsetzung
- Ausbau und Nutzung Flexibilität, insbesondere Speicher
- Vorbereitungen für Langzeitbetrieb Kernkraftwerke und Option Gaskraftwerke treffen.
Handlungsempfehlungen für Strombranche, Politik & Verwaltung, Bevölkerung
SOLL- Zustand 2050 (Zielbild)
- Indikator 1 - Stromnachfrage: Effizient und flexibel, die Nachfrage der E-Mobilität und von Rechenzentren werden gedeckt, Verbrauchsspitzen werden intelligent gemanagt.
- Indikator 2 - Erneuerbare Energien: Winterstromproduktion ist durch gezielten Ausbau von Wasserkraft, Wind und winteroptimierter Photovoltaik gesichert.
- Indikator 3 - Flexibilität: Speicher sind ausreichend ausgebaut und werden optimal genutzt.
- Indikator 4 - Zusätzliche Stromproduktion: Ergänzende Kapazitäten (Gaskraftwerke, Langzeitbetrieb bestehender Kernkraftwerke) stehen bereit.
- Indikator 5 - Netz: Das Stromnetz ist modernisiert, ausgebaut und erfüllt die Anforderungen der Energiewende; Verfügbarkeit Grenzkapazitäten ist gesichert.