Stromabkommen

Nach dem Entscheid des Bundesrates, die Verhandlungen mit der EU über ein Rahmenabkommen zu beenden, ist der Abschluss eines Stromabkommens in weite Ferne gerückt. Die Netzstabilität in der Schweiz wird dadurch gefährdet und die Importfähigkeit ist grundsätzlich in Frage gestellt. Die Schweiz muss nun die Hürden für den zügigen Ausbau der erneuerbaren Stromproduktion im Inland – vor allem für den Winter – beseitigen, um eine ausreichende Eigenproduktion zu gewährleisten.

Die geografische Lage im Herzen Europas macht die Schweiz zu einer Drehscheibe für den Strom. Sie hat 41 Verbindungspunkte zu ihren Nachbarn – mehr als jedes andere Land auf der Welt – und ist ein wichtiges Transitland, insbesondere für Italien. Der Strom, der jedes Jahr durch unser Stromnetz fliesst, übersteigt unseren Landesverbrauch.

Im Jahr 1958 wurden in Laufenburg die Stromnetze Deutschlands, Frankreichs und der Schweiz auf der 380-Kilovolt-Spannungsebene zusammengeschaltet («Stern von Laufenburg»). Mit dem Zusammenschluss der Stromnetze wurde in Europa erstmals eine grenzübergreifende Leistungs- und Frequenzregelung eingeführt und damit die Basis für einen internationalen Verbundnetzbetrieb gelegt.

Obwohl die Schweiz das europäische Verbundnetz durch den «Stern von Laufenburg» mitbegründet hat, kann sie nicht mehr gleichberechtigt an verschiedenen Marktplattformen teilnehmen und wird von gewissen Handelsmärkten ganz ausgeschlossen. Ohne Stromabkommen mit der EU ist die Stabilität des Stromnetzes gefährdet. Obwohl dieses ein integraler Bestandteil des europäischen Verbundnetzes ist, entgleitet es zunehmend der Hoheit der Schweizer Akteure. Um es stabil halten zu können, muss immer wieder auf die Wasserkraft zurückgegriffen, deren Reserven dadurch allenfalls Ende des Winters fehlen werden.

Die fehlende Stromkooperation mit unseren Nachbarn ist auch ein Problem für die Versorgungssicherheit des Landes. Die Schweiz weist seit jeher im Winter ein strukturelles Stromversorgungsdefizit auf. Dieses wird durch den Ausstieg aus der Kernenergie und die Elektrifizierung, welche im Rahmen der Dekarbonisierung eine zentrale Rolle spielen wird (Wärmepumpen und Elektromobilität), weiter akzentuiert. Gemäss Energieperspektiven 2050+ des Bundes steigen die Importe im Winter Mitte der 2030er-Jahre auf bis zu 15 TWh (Anteil der Importe im Winter würde 40% der Versorgung in der Schweiz ausmachen). Dies liegt über dem vom VSE und der ElCom empfohlenen Wert von ca. 10 TWh.

So oder so ist eine hohe Importabhängigkeit aufgrund von Unsicherheiten bezüglich der Entwicklung der Produktionskapazitäten in den Nachbarländern sowie der verfügbaren Grenzkapazitäten riskant. Gemäss einer neuen EU-Regel müssen ab 2025 alle europäischen Übertragungsnetzbetreiber mindestens 70% der grenzüberschreitenden Netzkapazitäten für den Stromhandel innerhalb der EU freihalten. Das könnte die Importfähigkeit der Schweiz zusätzlich einschränken und sich negativ auf ihre Netzstabilität auswirken. Die im Herbst 2021 veröffentlichte «Frontier-Studie» im Auftrag des Bundesamts für Energie und der ElCom befasst sich ausführlich mit den Auswirkungen der fehlenden Kooperation mit der EU.

Die fehlende Stromkooperation verursacht zusammenfassend gravierende Systemrisiken. Sie wirkt sich negativ auf die Netzstabilität, auf die Importfähigkeit und die Versorgungssicherheit der Schweiz aus und führt zu zunehmenden Mehrkosten für die Schweizer Stromkonsumentinnen und -konsumenten. Es braucht eine geregelte Zusammenarbeit, welche nur durch ein bilaterales Abkommen mit der EU erzielt werden kann. Für die Reduktion von Importrisiken muss dringend die erneuerbare Stromproduktion in der Schweiz weiterentwickelt werden – mit besonderem Fokus auf der Winterstromproduktion.

Interviews mit Spezialisten aus der Branche: "Und wie halten Sie's mit dem Stromabkommen?"