Wieso mehr Bananen zu neuen AKW führen

20.02.2026
Eine stabile und bezahlbare Versorgung mit Strom ist in der Schweiz mittelfristig nicht mehr sichergestellt. Gelingt es nicht, die erneuerbare Stromproduktion im Winterhalbjahr massiv auszubauen, werden wir zwangsläufig über Gas- oder Atomkraftwerke sprechen müssen.

Anfang des Jahres hat der VSE den Schweizer Stromversorgungsindex lanciert. Dieser zeigt klar: Wir sind punkto Versorgungssicherheit 2050 nicht auf Kurs! Dies betrifft vor allem die Versorgung im Winterhalbjahr. Die Gründe dafür sind vielfältig: Der Stromverbrauch wird trotz aller Effizienzgewinne stärker steigen als bei der Verabschiedung der Energiestrategie angenommen. Treiber dafür ist, neben der Elektrifizierung des Verkehrs und des Wärmebedarfs, die starke Zunahme von Rechenzentren mit hohem Strombedarf.

Gleichzeitig harzt es mit der Stromproduktion im Inland. Der Ausbau der grossen Wasserkraftwerke kommt, trotz Verankerung im neuen Stromgesetz, nicht vom Fleck. Die Kleinwasserkraft wird – wie aktuell im Kanton Bern zu sehen – zugunsten der Grosswasserkraft geopfert. Bedauerlicherweise ohne Einbezug der betroffenen Gemeinden und Betreiber und unabhängig davon, ob der Umwelt damit wirklich geholfen wird oder nicht.

Von NIMBY zu BANANA

Ein Windkraftwerk in der Schweiz zu bauen, kommt einem 20-jährigen Spiessrutenlauf gleich – mit ungewissem Ausgang. Dabei wäre gerade die Windkraft mit ihrem hohen Produktionsanteil im Winterhalbjahr ein entscheidender Baustein für die erneuerbare Stromversorgung. Hätten unsere Vorfahren sich so gegen Infrastrukturbauten gewehrt, wie die Windkraftgegner heute, hätten wir kein einziges Wasserkraftwerk, keine Autobahn keinen Flughafen und auch keine Eisenbahn gebaut.

Man spricht in diesem Zusammenhang gerne vom NIMBY-Phänomen. Alle möchten, dass ihr Strom zuverlässig aus der Steckdose kommt, aber Anlagen zur Stromproduktion sollten möglichst nicht sichtbar sein, schon gar nicht vor der eigenen Haustür – «Not In My Backyard». Während dieses Phänomen schon länger bekannt ist, gibt es davon noch eine Steigerungsform: «Build Absolutely Nothing Anywhere Near Anything» – kurz BANANA.

Demnächst werden zwei solche Bananen-Initiativen zur Abstimmung kommen, lanciert von den Windkraftgegnern. Vordergründig geht es dabei um den Schutz der Gemeinden und des Waldes. Faktisch hätte deren Annahme zur Folge, dass in der Schweiz kein einziges Windkraftwerk mehr gebaut werden würde. Bereits bestehende Anlagen müssten teils sogar zurückgebaut werden. Totally bananas!

«Hätten unsere Vorfahren sich so gegen Infrastrukturbauten gewehrt, wie die Windkraftgegner heute, hätten wir kein einziges Wasserkraftwerk, keine Autobahn, keinen Flughafen und auch keine Eisenbahn gebaut.» 

Zu stark auf Importe zu setzen, ist riskant 

Die einzige Technologie, bei deren Ausbau die Schweiz einigermassen auf Kurs ist, ist die Photovoltaik auf Dächern und bestehenden Infrastrukturen. Das ist erfreulich, löst aber das Problem der Unterversorgung im Winterhalbjahr nicht. Zwar trägt auch die Photovoltaik inzwischen einen substanziellen Teil zur Winterproduktion bei, vor allem gegen Ende des Winters. Aber damit allein stopfen wir die strukturelle Winterstromlücke bestimmt nicht. 

Bleiben noch die Importe aus dem Ausland. Die Schweiz war immer schon Netto-Importeur im Winterhalbjahr. Also alles kein Problem? So einfach ist es leider nicht. Erstens kämpfen auch unsere Nachbarländer mit den Folgen des Ausstiegs aus Kohle, Gas und Atom. Zweitens ist das Übertragungsnetz, das benötigt wird, um den Windstrom aus Nordeuropa und den Sonnenstrom aus Südeuropa abzutransportieren, chronisch am Anschlag. Und drittens hat die Schweiz derzeit kein Stromabkommen mit der EU, was Importe künftig erschweren und verteuern dürfte. 

Ob mit oder ohne Stromabkommen: Sich zu stark aufs Ausland zu verlassen, wäre viel zu riskant. Das bedeutet im Endeffekt, dass wir für die Versorgungssicherheit auch fossile und/oder nukleare Optionen in Betracht ziehen müssen. Gaskraftwerke waren ursprünglich Teil der Energiestrategie, über die die Bevölkerung im Jahr 2017 abgestimmt hat. Nur sind sie schon vor der Abstimmung wie von Zauberhand aus der öffentlichen Debatte verschwunden. 

Nuklear ist beliebter als Gas 

Gaskraftwerke wären eine passende, da flexibel einsetzbare Ergänzung zu den Erneuerbaren. Sie sind zudem relativ kostengünstig und wären schnell gebaut. Leider emittieren sie CO2 und sind in der Bevölkerung eher unbeliebt. Zudem erhöhen die für den Betrieb notwendigen Gasimporte wiederum die Abhängigkeit vom Ausland. 

Die Akzeptanz von Gaskraftwerken in der Bevölkerung ist noch tiefer als die Akzeptanz von neuen Kernkraftwerken. Zu diesem Schluss kommt die jährliche Umfrage des VSE zur Versorgungssicherheit: Vor die Wahl gestellt, würde sich die Schweizer Bevölkerung viel eher für Kernkraftwerke (49 Prozent) als für Gaskraftwerke (26 Prozent) aussprechen. 

Damit sind wir mitten in der aktuellen Diskussion rund um die Blackout-Initiative angekommen. Sie wird in der kommenden Frühlingssession im Ständerat behandelt. Die Initiative sowie der indirekte Gegenvorschlag, der vom VSE unterstützt wird, möchten das Verbot zum Bau neuer Kernkraftwerke in der Schweiz aufheben. 

Angesichts der prekären Ausgangslage wäre es verantwortungslos, eine etablierte Technologie zur Stromproduktion, die weltweit laufend weiterentwickelt wird, kategorisch auszuschliessen. Doch auch wenn das Technologieverbot fällt, wird nicht sofort ein neues AKW gebaut. Realistischerweise würde ein neues AKW kaum vor 2050 stehen. Wenn überhaupt jemand eins bauen und finanzieren möchte. Letztere Frage stellt sich insbesondere unter der Annahme, dass die neuen AKW im Sommer ihren Strom kaum gewinnbringend verkaufen könnten. 

«Gaskraftwerke wären eine passende, da flexibel einsetzbare Ergänzung zu den Erneuerbaren. Leider emittieren sie CO2 und sind in der Bevölkerung eher unbeliebt.» 

Am Ende entscheidet das Volk 

Unabhängig davon gilt: Praktisch in jedem Szenario sind wir auf den Langzeitbetrieb der bestehenden Kernkraftwerke angewiesen. Dies allein ist ein Grund, dem Gegenvorschlag zur Blackout-Initiative zuzustimmen. Denn es wird zunehmend schwieriger, hierzulande qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen und auszubilden für eine Technologie mit Ablaufdatum. 

Was heisst das jetzt für die kommenden Jahre? Damit wir bis 2050 nicht in ein gröberes Problem laufen, müssen wir: 

  • den Ausbau der Windkraft massiv beschleunigen und die beiden Anti-Wind-Initiativen ablehnen, 
  • die Wasserkraft, insbesondere Speicherkraftwerke, ausbauen und dabei die Kleinwasserkraft nicht vergessen, 
  • ein Stromabkommen mit der EU abschliessen, um die Importe abzusichern, 
  • Vorbereitungen für den Langzeitbetrieb der bestehenden Kernkraftwerke treffen, 
  • den Bau und Betrieb von (möglichst klimaneutral betriebenen) Gaskraftwerken, die am Markt teilnehmen dürfen, prüfen. 

Am Ende wird die Bevölkerung entscheiden, in welche Richtung es geht – sei es lokal, bei der Akzeptanz von Windkraftprojekten oder national bei Abstimmungen über die Anti-Wind-Initiativen, die Blackout-Initiative, das Stromabkommen und künftige politische Weichenstellungen. Klar ist: Mit einer BANANA-Einstellung bleiben am Ende tatsächlich nur noch neue Kernkraftwerke. 

Jan Flückiger
Bereichsleiter Public Affairs des VSE

Jan Flückiger

Unter der Rubrik «Die politische Feder» veröffentlicht Jan Flückiger regelmässig Kommentare und Einschätzungen zu energiepolitischen Themen. 

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