Netzstabilität: Ein Tag im Leben eines Dispatchers

Näher als Kurt W. ist kaum einer dran – am Puls des Schweizer Übertragungsnetzes. Und wenn dieser aus dem Takt gerät, kennt er die nötigen Gegenmassnahmen. Wir haben dem Senior System Operator eine Schicht lang über die Schulter geschaut.
04.09.2019

«Ich stehe am Montag um 3:45 auf. Nach einer erfrischenden Dusche geniesse ich mein Frühstück. Gleichzeitig überprüfe ich meine Mailbox, um zu schauen ob sich in der Nacht im Netz etwas ereignet hat. Um 4:30 geht es aus dem Haus. Mit dem Auto mache ich mich auf den Weg zur Leitstelle in Aarau, dem Schweizer Hauptsitz der Übertragungsnetzbetreiberin Swissgrid. In Aarau laufen die Fäden zusammen, mit welchen wir die Schweizer Stromversorgung überwachen und steuern – darum läuft auch niemand einfach so in diese Leitstelle rein. Am Eingang kann ich dank dem Badge die Drehtüre betätigen, vor dem Kontrollraum grüsse ich den Sicherheitsmann, bevor mein Kollege von der Nachtschicht mich über die Geschehnisse der vergangenen Nacht orientiert.

Wir haben einen 24-Stunden-Betrieb; jeweils ein Schichtleiter, ein Steuermann für das Netz und ein Mann für Netzregelung und Intraday-Fahrplanabwicklung. Der Steuermann schaltet die Leitungen und Kuppeltransformatoren und bietet Pikettleute auf, wenn es auf Leitungen oder in Schaltanlagen Störungen gibt. Mein Kollege von Netzregelung ist zuständig für den Netzregler, überwacht Frequenz und Spannung – und hat die Verantwortung für den korrekten Energieaustausch. Eine zweite Steuerstelle ist in Prilly, sie ist ebenfalls 24 Stunden besetzt.

Der Montagmorgen ist meistens unser strengster Tag, da die meisten Ausserbetriebnahmen von Hochspannungsleitungen und Kuppeltrafos dann beginnen. An einer Skype-Konferenz um ca. 06:15 bespreche ich mit meinen Kollegen in Aarau und unserer Steuerstelle in Prilly den Arbeitstag. Während der Nacht gab es auf der 220kV-Leitung Bickigen-Innertkirchen 1 eine automatische Abschaltung, vermutlich durch eine Gewitterfront. Diese Leitung ist jetzt noch ungeplant ausser Betrieb und muss durch den Leitungspikett visuell kontrolliert werden. Zudem hat schon unerwartet viel Intradayhandel stattgefunden. Diese zwei Tatsachen prägen unsere Konferenz. Ich überprüfe danach mittels Simulationen auf dem Leitsystem, ob das Netz unter diesen Bedingungen überhaupt «fahrbar» ist, oder ob wir Verschiebungen, vielleicht sogar Annullationen von geplanten Ausserbetriebnahmen vornehmen müssen.

«Wenn wir eine 'Arterie der Stromversorgung' vorübergehend stilllegen, involvieren wir zwingend alle Beteiligten.»

Die 220KV-Leitung zwischen Laufenburg und Münchwilen können wir planmässig ausser Betrieb nehmen. Dafür spricht sich mein Steuermann mit den Verteilnetzbetreibern vorgängig ab. Wenn wir eine «Arterie der Stromversorgung» temporär stilllegen, involvieren wir zwingend alle Beteiligten. Man kann sich das Netz wirklich wie ein Geflecht aus Blutgefässen vorstellen. Puls – also Frequenz – und Blutdruck – also Spannung – müssen jederzeit stimmen. Und was in den grossen Gefässen, den Hochspannungsleitungen, geschieht, wirkt sich auf das ganze System aus. Zum Glück können wir die Netztopologie ändern, zum Beispiel aus einem Knotenpunkt in einem Unterwerk zwei Knoten machen. Ganz so, als würden wir an gewissen Orten eine Umleitung schaffen, damit das Blut – oder eben der Strom – einen anderen Weg findet.

Reguläre Pausenzeiten kennen wir nicht. Mittagessen gibt es natürlich trotzdem. Direkt angrenzend an unsere Leitstelle befindet sich unsere Schichtküche. Ich verpflege mich aber immer vor oder nach den Schichten zu Hause. Während der Arbeit genügen mir ein Apfel oder eine Banane, ein bis zwei Kaffees sowie Wasser aus unserem Wasserspender.

Nachdem wir alle geplanten Schaltungen abgewickelt haben, gönnen wir uns eine kleine Kaffeepause. Nach dem Imbiss informiert mich der Steuermann, dass die Kommunikation ins Unterwerk Breite nähe Winterthur gestört ist – und daher keine gültigen Daten mehr liefert. Ein Anlage-Pikettingenieur wird dort vorbeigehen, um die Störung zu beheben.

Wenig später meldet mir eine Person aus Weinfelden ein Abdeckflies von einem Gemüseacker, das vom Wind in die Hochspannungsleitung geblasen wurde und nun wie eine Fahne dort oben weht. Ich nehme die Daten auf und organisiere zusammen mit meiner Steuerstelle, dass sich der Leitungspikett auf den Weg macht, um sich der Sache vor Ort anzunehmen. Zum Glück war es kein Gleitschirmflieger, auch das ist schon vorgekommen...

«Nichts zu tun» habe ich eigentlich nie. Auch wenn sich nichts Besonderes ereignet, müssen wir immer alle Lastflüsse und den Netzregler beobachten. Unser Leitsystem berechnet mir alle fünf Minuten den Netzzustand, zudem kalkuliert es für die nächsten vier Stunden eine Vorschau, damit ich die Tendenzen kenne. Gibt es irgendwo Engpässe im Netz, d.h. eine Leitung oder ein Trafo gerät in Überlast, muss ich rasch reagieren, entweder mit einer Umschaltung (topologische Massnahme) oder mittels Anweisungen an Kraftwerke, ihre Produktion zu drosseln, respektive sie in einem anderen Kraftwerk hochzufahren

Um 12 Uhr ist Schichtende. Ich übergebe an meinen Kollegen von der Mittagsschicht und schildere ihm, was am Morgen gelaufen ist und was noch ansteht. Nach der Frühschicht gehe ich nicht schlafen, sondern nutze den freien Nachmittag für Familie und Hobbies. Ich fahre oft mit dem Rennrad in den nahen Schwarzwald, wo ich gut abschalten und mich erholen kann. Man trifft mich auch häufig im Garten ums Haus, oder ich schraube an meinen Oldtimer-Motorrädern herum. Hie und da unternehme ich eine «Feierabendfahrt» mit einem meiner Oldies.»

- Übertragungsnetzbetreiberin Swissgrid: www.swissgrid.ch

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