Für ein Netz mit Köpfchen

Stromversorgung ohne Netz? Geht gar nicht! Und der Umbau der Energieversorgung noch weniger. Das Netz muss mit Köpfchen die Basis für die Energiezukunft legen. Lesen Sie dazu mehr in unserer «politischen Feder».
29.10.2019

Stellen Sie sich die Stromversorgung als Organismus vor. Im Zentrum stehen Kraftwerke und Speicher wie Organe und versorgen den gesamten Körper mit Blut – oder Strom – bis hin zu den kleinsten Kapillaren. Dieser Organismus funktionierte bisher vorbildlich und mit allergrösster Zuverlässigkeit.
 
Nun steht ein grundlegender Umbau der Energieversorgung an: Der starke Ausbau erneuerbarer Energien und die Elektrifizierung unterziehen den Energie-Organismus einer Operation von noch nie dagewesenem Ausmass: Die Organe liegen künftig nicht mehr nur zentral, sondern auch dezentral. So pulsieren künftig von den Zehen bis zu den Ohrläppchen überall verteilt Tausende kleiner Kraftwerke und Speicher.

«Damit Netzbetreiber und Netznutzer Hand in Hand arbeiten können, brauchen beide mehr Handlungsspielraum. »

In der Praxis stellt dies vor allem die Stromnetze auf den Kopf. Im Verteilnetz fliesst Strom nicht mehr nur von oben nach unten, sondern auch von unten nach oben und innerhalb der Spannungsebenen. Mit Photovoltaik und Ladestationen für die Elektromobilität treten zudem hohe Leistungsspitzen auf, wenn in kurzer Zeit grosse Mengen Strom an das Verteilnetz abgegeben oder aus diesem bezogen werden – und dies just in den Kapillaren, die so konzipiert wurden, dass der Strom über längere Zeit gemütlich aus der Steckdose tröpfelt, und nicht, um einen Hochdruckstrahl zu liefern. Zudem werden sich vermehrt Kunden selber mit Strom versorgen. Trotzdem müssen auch sie jederzeit vollumfänglich und zuverlässig mit Strom aus dem Netz versorgt werden können, um allfällige Lücken der eigenen Produktion zu überbrücken.

Die Weichen für die «Operation» Energiezukunft wurden produktionsseitig bereits gestellt. Nun müssen auch seitens Netz die Voraussetzungen geschaffen werden, damit der neue Energie-Organismus funktionieren kann. Dazu braucht es mehr Intelligenz und einen stärkeren Einbezug der Kunden. Deren Investitionsentscheidungen und Nutzerverhalten beeinflussen nämlich massgeblich Bereitstellung und Betrieb des Netzes.
 
Damit Netzbetreiber und Netznutzer Hand in Hand arbeiten können, brauchen beide mehr Handlungsspielraum. Steigt der Preis bei hoher Netzbelastung und sinkt er bei tiefer Belastung, werden kluge dezentrale Lösungen möglich – und ein effizientes Netz mit Köpfchen.

Siehe auch


Die politische Feder

Unter der Rubrik "Die politische Feder" veröffentlicht Dominique Martin, Bereichsleiter Public Affairs des VSE, im Branchenmagazin Bulletin regelmässig Kommentare und Einschätzungen zu energiepolitischen Themen.