Ein Bild, zwei Betrachter

Für einen erfolgreichen Umbau des Energiesystems reichen Ziele und technische Machbarkeit allein nicht aus. Im Zentrum von allem steht die Umsetzung. Eine Meinung von VSE Direktor Michael Frank zum Thema Akzeptanz.
02.09.2021

Die Bilder des Schweizer Malers Sandro Del-Prete sind so genial wie verwirrend. Manchmal spottet die Szenerie gar jeglicher Logik. So sieht man etwa ein Steindach auf zwei quadratischen Säulen – wenn man das Gemälde von oben nach unten anschaut. Wer aber unten beginnt, sieht ganz klar drei runde Säulen, die das Dach tragen. Auch das Klimaziel Netto-Null kann man auf zwei Säulen ruhend sehen: ambitionierte Ziele und technische Machbarkeit. Gemäss den Energieperspektiven 2050+ des Bundes müssen die erneuerbaren Energien Sonne, Wind, Biomasse und Geothermie ihre Produktion verzehnfachen. Der zusätzliche Produktionsbedarf entspricht mehr als dem Volumen der heutigen Wasserkraftproduktion.

Die Strombranche sieht die Dinge von der Basis aus. Für einen erfolgreichen Umbau des Energiesystems reichen Ziele und technische Machbarkeit allein nicht aus. Im Zentrum von allem, als dritte Säule, steht die Umsetzung – aufgrund breiter Akzeptanz inländischer erneuerbarer Anlagen. Leider ist es genau darum sehr schlecht bestellt. Ideologische Opposition – oft im Namen des Umweltschutzes – verhindert Erneuerbare aller Art, ebenso wie Netzprojekte.

«100 Jahre wären nötig, um die Zubauziele zu erreichen, wenn es in diesem Schneckentempo weitergeht»

100 Jahre wären nötig, um die Zubauziele zu erreichen, wenn es in diesem Schneckentempo weitergeht. Knapp 30 Jahre bleiben uns. Die Abwägung zwischen Schutz und Nutzung ist zentral, das sieht auch die Branche. Doch den Schutz des Klimas, über Elektrifizierung, gibt es nicht ohne einen schnelleren, pragmatischen Zubau inländischer Erneuerbarer. Stromimporte? Ja, gerne. Denn im Jahr 2035 droht uns im Winter eine Importabhängigkeit von bis zu 40% des Verbrauchs. Unsere europäischen Strom-Handelspartner kämpfen allerdings genauso um die konkrete Umsetzung der Energiewende. Will heissen: Unsere Importsicherheit nimmt in Zukunft eher ab.

Wenn wir Netto-Null erreichen wollen, brauchen wir mehr Produktionsstandorte für Erneuerbare, mehr PV-Panels, mehr Windräder, mehr Wärmenetze, Speicher, höhere Staumauern und den Ausbau der Netze. Sonst bleibt der Klimaschutz schlichtweg eine Illusion – und damit auch der Schutz der Biodiversität. Die zentrale Säule für die Ziele von 2050 heisst deshalb «Umsetzung – dank Akzeptanz». Der Blick von der Basis aus kann sich lohnen.

Michael Frank, Direktor VSE