Echt jetzt?!

Um gleichzeitig aus der Kernenergie und den fossilen Energien auszusteigen, werden wir jede Kilowattstunde erneuerbaren Strom brauchen. Dass die Wasserkraft dazu beitragen darf? Ungewiss – so unglaublich dies auch erscheinen mag! Denn verschiedene Stimmen wollen sie zur erneuerbaren Energie zweiter Klasse degradieren.
25.08.2020

Einen bedeutenden Beitrag an die Erreichung der Dekarbonisierungs- und Energieziele der EU. Das erwartet Eurelectric gemäss einem kürzlich erschienenen Faktenblatt von der Wasserkraft. Und nicht nur das. Auch Systemstabilität – denn die Wasserkraft liefert Flexibilität und Speicherkapazität, die für eine Systemintegration höherer Anteile fluktuierender Produktion unabdingbar sind.  

Wer wüsste besser um die Bedeutung des «blauen Golds» als die Schweiz, wo die Wasserkraft heute als Rückgrat der Stromversorgung fungiert? Und da ist sogar noch ein Ausbaupotenzial. Der Bund rechnet mit bis zu 3 TWh. Dem stehen allerdings bedeutende Produktionsverluste gegenüber, die im Zug der Ökologisierung der bestehenden Kraftwerke anfallen werden. Andererseits werden aufgrund des Klimawandels neue Gletscherseen und somit neue Potenziale entstehen. 

«Nun muss ein Ruck durch Bundesrat und Parlament gehen, damit wir beim Ausbau aller erneuerbaren Energien endlich die Bremse lösen können. »

Angesichts der kolossalen Herausforderung, der wir uns mit dem gleichzeitigen Ausstieg aus der Kernenergie und den fossilen Energien stellen wollen, werden wir um jede Kilowattstunde inländischen erneuerbaren Stroms dankbar sein. Alle Technologien müssen daher ihren Beitrag leisten – und auch leisten dürfen.  

So unglaublich dies erscheinen mag: Dass die Wasserkraft, unsere bei weitem wichtigste und zuverlässigste einheimische erneuerbare Ressource, auf Akzeptanz und verbesserte Rahmenbedingungen wird zählen dürfen, ist derzeit ungewiss. Aus der Vernehmlassung zum Energiegesetz ist nämlich zu vernehmen, dass sie zur erneuerbaren Energie zweiter Klasse degradiert werden soll. Verschiedene Stakeholder fordern die Streichung ihrer Ausbauziele und die Aufhebung von Unterstützungen – mit nebulösem Verweis auf eine «effiziente Mittelallokation». Und dies, obwohl die Wasserkraft punkto Energieerntefaktor und Wirkungsgrad ihresgleichen sucht.  

Angesichts eines derartigen Rückzugs in veraltete Schützengräben reibt man sich verdutzt die Augen und fragt sich, ob wir allen Ernstes so unsere hoch gesteckten Ziele erreichen wollen. Die Prognose sei gewagt: mit Grabenkämpfen wird es nicht gehen. Eine solche Politik ist nicht nachvollziehbar und mit Blick auf unsere Versorgungssicherheit gar fahrlässig. Nun muss ein Ruck durch Bundesrat und Parlament gehen, damit wir beim Ausbau aller erneuerbaren Energien endlich die Bremse lösen können. 

Siehe auch


Die politische Feder

Unter der Rubrik "Die politische Feder" veröffentlicht Dominique Martin, Bereichsleiter Public Affairs des VSE, regelmässig Kommentare und Einschätzungen zu energiepolitischen Themen.