Die Vorzüge der Wasserkraft unterstützen und fördern

In der Stunde der Wahrheit für die Stromversorgungssicherheit unseres Landes sind die Erwartungen an die Wasserkraft hoch. Zwischen Enttäuschung und Optimismus nach dem Runden Tisch Wasserkraft ruft der Walliser Nationalrat Benjamin Roduit zu einer breiten Allianz auf, um endlich eine nachhaltige Versorgung zu ermöglichen.
01.02.2022

Die Wasserkraft liegt Ihnen besonders am Herzen…

Benjamin Roduit: Als Walliser Abgeordneter stamme ich aus einem Strom produzierenden Alpenkanton und bin tatsächlich ein grosser Anhänger der Wasserkraft. Es ist daher nichts als logisch, dass ich mit der Aufnahme meines Mandats in Bundesbern den Vorsitz von Swiss Small Hydro übernommen habe. Unser Verband umfasst über 400 Mitglieder, die mit 1400 Kleinkraftwerken fast 6,5 Prozent des Stromverbrauchs in der Schweiz abdecken, im Moment also mehr als die Photovoltaik.

Welches sind die Vorzüge der Wasserkraft?

Die Wasserkraft, treffenderweise auch blaues Gold genannt, ist für die Stromversorgung unseres Landes von grundlegender Bedeutung. Es handelt sich bisher um die einzige saubere, erneuerbare und einheimische Energie, die im Winter gespeichert werden kann, wenn der Verbrauch am höchsten ist. Ziel des Bundes ist eine zusätzliche Speicherproduktion im Winter von 2 TWh bis 2040. Dies unterstreicht nicht nur die Bedeutung, sondern auch das Potenzial der Wasserkraft.

Die Wasserkraftanlagen sind multifunktional, insbesondere die Stauanlagen. Auch das müssen wir anerkennen. Die Stauanlagen gewährleisten eine umfangreiche Verfügbarkeit von Wasser für Haushalte, Landwirtschaft und Wirtschaft. Sie tragen dank ihrer Infrastruktur zur Entwicklung des Tourismus bei und erlauben insbesondere, die Bevölkerung und ihre Bauten gegen Naturgefahren im Zusammenhang mit dem Wasser zu schützen.

Sie haben diesbezüglich auch einen parlamentarischen Vorstoss eingereicht…

Ich habe den Bundesrat an der Wintersession 2021 mittels Interpellation aufgefordert, die Rolle der Stauseen im Hochwasserschutz anzuerkennen. Mit dem Klimawandel ist mit häufigeren Extremereignissen zu rechnen, insbesondere in den kleinen und mittleren Einzugsgebieten sowie punkto Abflüsse. Ich habe das Hochwasser im Jahr 2000 erlebt. Als Gemeindepräsident von Saillon musste ich nach einem Dammbruch nachts die Evakuierung eines grossen Teils der in der Rhone-Ebene ansässigen Bevölkerung anordnen. Ich möchte mir lieber nicht ausmalen, wie viel schlimmer die Situation nach mehrtägigen sintflutartigen Niederschlägen gewesen wäre, wenn die Stauseen ihre Speicherfunktion nicht erfüllt hätten. Man kann sich daher mit Fug und Recht die Frage stellen, weshalb die Alpenkantone im Juni 2021 von den Überschwemmungen verschont geblieben sind, während andere Gebiete in der Schweiz verwüstet wurden.

Worin besteht die Herausforderung bei der Erhöhung von Staumauern?

Es ist offensichtlich, dass die Erhöhung von Staumauern und die Nutzung von Gletscherseen, die infolge der Klimaerwärmung entstehen, sowohl zur Versorgungssicherheit als auch zu einem wirksamen Schutz vor Naturkatastrophen beitragen. Der Runde Tisch Wasserkraft, an dem ich persönlich teilgenommen habe, hat übrigens 13 vielversprechende Projekte (von insgesamt 15) identifiziert, bei denen Staumauern erhöht werden sollen.

Doch in den Bewilligungsverfahren wurde häufig Umweltinteressen (Biodiversität, Landschaft, Heimatschutz) Vorrang gegeben, und die lebenswichtigen Funktionen, die die Stauseen für die Bevölkerung übernehmen, wurden vernachlässigt. Der Bundesrat ist nun gefordert, Verfahren anzustreben, die eine echte Interessenabwägung umfassen.

Wie blicken Sie auf die Arbeiten des Runden Tisches Wasserkraft zurück?

Das Glas ist halb voll. Als Bundesrätin Simonetta Sommaruga uns zu diesem Runden Tisch einlud, sozusagen in Fortführung einer meiner Vorstösse im Nationalrat, hatte ich grosse Erwartungen. Es gibt zwar eine gemeinsame Erklärung mit dem erwähnten Ziel einer Winterspeicherung von 2 TWh und der Erstellung einer Liste mit 15 Grossprojekten, die energetisch vielversprechend sind und nur geringe Auswirkungen auf Biodiversität und Landschaft haben, doch die Treffen mit den wichtigsten Akteuren aus der Wasserkraft und den Umweltverbänden hätten zu ehrgeizigeren Vereinbarungen führen können und müssen.

Weshalb war dieser Runde Tisch so wichtig?

Weil sich die Situation aus Sicht der Energiepolitik sehr rasch wandelt. Innert weniger Monate wurde das Rahmenabkommen mit der EU beerdigt, das CO2-Gesetz wurde an der Urne abgelehnt und Covid-19 hat zu einer starken Preissteigerung geführt, mit dem Schreckgespenst einer Energieknappheit! Zudem müssen wir mit dem Atomausstieg klarkommen, ausser wir treten in die Fussstapfen Frankreichs… Die Energiewende wird bis 2050 zu einem steigenden Stromverbrauch führen. Um auf eine Erreichung der Netto-Null-Ziele hoffen zu können, war es daher an der Zeit, alle Beteiligten an einen Tisch zu holen, damit sie sich endlich der Lage bewusst werden.

Man spricht von einer fragilen gemeinsamen Erklärung. Sind Sie optimistischer?

Die Erklärung steht auf wackligen Beinen, da man eines der grössten Hindernisse für die Projekte nicht anpacken wollte oder konnte, nämlich die unendlich langen juristischen und administrativen Verfahren. Es gibt keine Priorisierung, und ich befürchte, dass die Schutzinteressen weiterhin gegen die Interessen an der Produktion ausgespielt werden. Als Politiker bleibe ich jedoch optimistisch und glaube an unsere Kompromissfähigkeit.

Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Die Debatten zum Mantelerlass sind in der zuständigen Kommission des Ständerats, der Urek, angelaufen, und es gilt, Bestimmungen zur Beilegung von Zielkonflikten vorzuschlagen und eine Obergrenze für Importe festzulegen. Parallel dazu müssen die Verfahren für Projekte vereinfacht werden. Gleichzeitig muss die Bevölkerung sensibilisiert werden, und zwar hinsichtlich der sich uns stellenden Herausforderungen und der Tatsache, dass bei den erneuerbaren Energien jede Kilowattstunde zählt.

2 TWh bis 2040. Ist das wirklich realistisch?

Wir haben keine Wahl. Der Bundesrat befürchtet ja eine Strommangellage, die bis zu 47 Stunden anhalten könnte. Die Realität hat uns also schon eingeholt.

Alleine schaffen wir es nicht. Nun gilt es, eine breite Allianz zu schaffen für eine nachhaltige Versorgungssicherheit, die alle Akteure einbindet. Es braucht eine breite gesellschaftliche Debatte über unsere Prioritäten. Dieses Interview ist die Gelegenheit, unter diesem Blickwinkel die wichtige und einende Rolle des VSE hervorzuheben.

Benjamin Roduit

Benjamin Roduit, 1962 geboren, ist seit 2018 Walliser Nationalrat der Mitte. Sport, Bergsteigen und die Natur sind wichtige Pfeiler für seine Life Balance. Nach seinem Studium der Geisteswissenschaften unterrichtete er Französisch und Geschichte und war Rektor des Lycée-Collège des Creusets in Sitten. Die Wasserkraft ist ihm als Präsident von Swiss Small Hydro, dem Schweizer Verband der Kleinwasserkraft, ein Herzensanliegen.