Flexibel abrufbarer Strom als Handelsgut

Bei der Energieversorgung wird gern in nationalen Kategorien gedacht. Doch der Stromhandel ist ein internationales Geschäft. Grenzüberschreitende Märkte mit vielen Anbietern bringen finanzielle Vorteile – gerade auch beim Handel mit zeitlich flexibel abrufbaren Stromangeboten. So das Fazit einer transnationalen Studie unter dem Dach des Europäischen Forschungsnetzwerks ‚ERA-NET Smart Energy Systems‘, an der die Universität St. Gallen HSG beteiligt war.
13.02.2026

Das ist eine Medienmitteilung von SSES – die darin publizierten Inhalte geben nicht notwendigerweise die Meinung des VSE wieder.

 

Der Strommarkt ist dynamisch. Zu jedem Zeitpunkt muss in das Netz so viel Strom eingespeist werden, wie in dem Moment gebraucht wird. Die Abstimmung von Nachfrage und Angebot geschieht unter anderem, indem z.B. Wasserkraftwerke ihre Stromproduktion dem aktuellen Bedarf anpassen. In den letzten Jahren sind innovative Anbieter auf dem Markt aktiv geworden, die zeitlich flexibel abrufbare Stromlieferungen zu ihrem Geschäftsmodell erklärt haben. «Früher hatten Pumpspeicherkraftwerke auf den Energiemärkten eine zentrale Stellung. Heute formieren sich neue Akteure, um ebenfalls im Geschäft mit kurzfristig abrufbaren Stromlieferungen und Strombezügen mitzumischen», sagt Karl Frauendorfer, Wirtschaftsprofessor am Institut für Operations Research und Computational Finance der Universität St. Gallen.

Pool schafft Flexibilität

Zu den neuen Anbietern gehört in der Schweiz etwa die FlecoPower AG: Sie verwaltet einen Pool aus zeitlich flexibel einsetzbaren Biogasanlagen, Batteriespeichern, Kleinwasserkraftwerken, aber auch grosse elektrische Verbraucher wie Wärmepumpen. Mit den Kraftwerken produziert FlecoPower zusätzlichen Strom (‚positive Regelenergie‘), wenn der Bedarf für mehr Strom gegeben ist. Das Geschäftsmodell funktioniert auch in der Gegenrichtung: Droht im Netz ein Überangebot an Strom, nimmt FlecoPower gezielt elektrische Lasten in Betrieb, die vorübergehend zusätzlichen Strom verbrauchen (’negative Regelenergie‘).

FlecoPower ist einer von zahlreichen Flexibilitätsanbietern, die sich auf dem nationalen und internationalen Strommarkt zu etablieren versuchen. Die Grundidee ist immer dieselbe: Flexibilitätsanbieter schaffen einen Pool aus Kraftwerken und/oder Verbrauchsgeräten, die sich zeitlich flexibel betreiben lassen, die also nicht dauerhaft oder zu fest vorgegebenen Zeiten in Betrieb sein müssen. Dazu gehören unter anderem gewisse Industrieanlagen, Kehrrichtverbrennungsanlagen, Kühlhäuser, Notstromaggregate oder E-Auto-Ladestationen.

Angebote für Swissgrid oder die Strombörse

Flexibilitätsanbieter haben für ihre Dienstleistung verschiedene Absatzwege: Sie können die temporären Stromlieferungen und -bezüge in der Schweiz der Netzgesellschaft Swissgrid anbieten. Swissgrid kontrolliert das Schweizer Übertragungsnetz und braucht dafür positive und negative Regelenergie externer Anbieter, um das Stromnetz in Balance zu halten. Flexibilitätsanbieter können flexibel abrufbare Strommengen aber auch über den kurzfristigen Stromgrosshandel (Intraday-Markt) vermarkten. Beim Intraday-Markt verständigen sich Stromproduzenten und Stromversorger auf einer Marktplattform der Europäischen Strombörse EPEX SPOT oder ausserbörslich über die kurzfristige Lieferung von Strom.

Ein transnationales Forschungsprojekt mit dem Titel ‘Digital Solutions for Interoperability of Flexibility Platforms’ (abgekürzt DigIPlat) hat nun untersucht, wie Handelsplattformen für die Stromangebote von Flexibilitätsanbietern effizient organisiert werden können bzw. welche Standards erforderlich sind, um Flexibilitätsplattformen interoperabel zu machen. Ein Schweizer Teilprojekt, das an der Universität St. Gallen von Karl Frauendorfer und seinem Forscherteam betreut wurde, untersuchte den ökonomischen Wert dieser Interoperabilität. Das Projekt DigIPlat wurde vom Bundesamt für Energie und weiteren Partnern finanziell unterstützt. (SSES)