«Wasserkraft bedeutet viel mehr als nur Strom»

Trotz ihrer klaren Vorzüge ist die Wasserkraft in einer prekären Lage. Wie können EVU und die Politik Abhilfe schaffen? Wir haben Prof. Dr. Hannes Weigt von der Uni Basel dazu befragt, zum Abschluss seiner Studie im Rahmen des Nat. Forschungsprogramms «Energiewende».
04.09.2019

Herr Weigt, eine Paradelösung für die schwierige Lage der Wasserkraft heute scheint es nicht zu geben. Kam Ihr Verbundprojekt «Die Zukunft der Schweizer Wasserkraft» zu einem anderen Schluss?
Nein, denn die Wasserkraft in der Schweiz ist komplex und vielschichtig. Nehmen Sie nur schon die Verflechtung mit der Gesellschaft. Beteiligt sind nicht nur die Investoren und Energieunternehmen, die Renditen erwirtschaften wollen, sondern auch Kantone und Gemeinden als Eigentümer von Kraftwerkanlagen oder Anteilseigner der Energieunternehmen. Einzelne Bergkantone sind zudem finanziell stark von den Vergütungen der Wasserkraft abhängig. Den Wasserzins haben die Kraftwerkseigner zu bezahlen, die ja meist wiederum Kantone und Gemeinden sind. Das wichtigste Fazit daraus: Wasserkraft ist so viel mehr als nur Strom – und sie hat auch einen breiteren Nutzen, etwa als Tourismusfaktor, Hochwasserschutz, Arbeitgeber etc. All diese Dimensionen sind schwierig zu erfassen – und noch schwieriger zu quantifizieren.

Was ist denn die grösste Herausforderung hinsichtlich zukünftiger Rentabilität?
Sie heisst ganz einfach Markt, bzw. freier Markt. Irgendwann wird die Liberalisierung ja auch die letzten Unternehmen in der Schweiz treffen. In der «alten Welt» konnten die EVU aus einem Sicherheitsnetz heraus agieren. Die Risiken wurden letztlich durch einen fixen Kundenstamm und regulierte Preise abgefedert. Diese Sicherheit gibt es in einem Markt nicht mehr und die Unternehmen müssen lernen, mit der neuen Unsicherheit umzugehen. Oder blumiger: Es wird kein Prinz kommen und einen retten – man muss den Drachen selber besiegen. Viele andere Branchen und Investoren, wie etwa Hotellerie oder Transportunternehmen befinden sich diesbezüglich in derselben unsicheren Situation. «Manage your Risks» lautet für all diese Marktteilnehmer das Mantra.

«Wenn die Politik einen klaren Rahmen absteckt und das System lernen lässt, entstehen gangbare Lösungen.»

Die Stärken der Wasserkraft sind aber offenkundig und dürften auch in Zukunft greifen.
Wasserkraft hat natürlich ihre Stärken. Sie ist erneuerbar und klimaneutral, zudem bestens in der Schweiz etabliert. In der Produktion sind Speicherkraftwerke flexibel, Laufwasserkraft ist gut planbar. Sie ist aber auch kapitalintensiv und ihre Langlebigkeit – eigentlich etwas Positives – ist in einem unsicheren Umfeld durchaus nachteilig. Entsprechend kann sie durch Photovoltaik und Windkraft konkurrenziert werden, wo der Investitionshorizont viel kürzer ist und die Kosten tiefer. Auch könnten neue Speichertechnologien der Flexibilität der Wasserkraft Konkurrenz machen. Man kann sich daher auch Zukunftsszenarien ohne Wasserkraft denken. Ich persönlich sehe aber eine reale Chance, dass sie in einer diversifizierten Schweizer Energielandschaft ihre wichtige Rolle beibehält.

Was können Unternehmen und Politik tun, damit die Wasserkraft weiterhin ihre tragende Rolle spielen kann?
Unternehmen könnten zum Beispiel flexibler planen, indem sie Projekte zwar gross auslegen, aber zuerst kleinere Investitionsschritte tätigen – die Politik sollte ihrerseits nicht noch mehr Unsicherheit in das Gefüge reinbringen. Wenn die Politik einen klaren Rahmen absteckt und das System lernen lässt, entstehen gangbare Lösungen. Der Wasserzins, die Konzessionsregeln, lokale Förderpolitiken für Erneuerbare, der Umgang mit CO2-Emissionen sind solche Arbeitsfelder, die klarer, langfristiger und vor dem Hintergrund einer volatilen Marktrealität abgesteckt werden sollten. Dann könnte die Wasserkraft auch ihre Stärken wieder besser ausspielen. Regeln, die sich alle paar Jahre ändern, machen weitsichtige Investitionen hingegen nahezu unmöglich.

- Prof. Dr. Hannes Weigt, Universität Basel