Überteuertes Stromnetz?

Die politische Feder 2/2019
01.02.2019

Teuer sei das Schweizer Stromnetz im internationalen Vergleich, kritisierte der Bundesrat bei der Eröffnung der Vernehmlassung zur Revision des StromVG und drohte gar mit der Einführung einer Anreizregulierung.

Es ist unbestritten, dass im Netzbereich Handlungsbedarf besteht: Das heutige, weitgehend auf den Strom- statt auf den Leistungsbedarf ausgerichtete Tarifierungsmodell wird der Realität schon lange nicht mehr gerecht. Das Regulierungssystem dagegen funktioniert und gewährleistet ein sicheres, leistungsfähiges und effizientes Netz. Die Schweizer Stromversorgung weist dank dessen eine hohe Versorgungsqualität auf, und es werden erhebliche Investitionen getätigt – bei weitgehend stabilen Netztarifen.

«Soll der Umbau der Stromversorgung gemäss Energiestrategie 2050 gelingen, brauchen die Netzbetreiber nicht ein engeres Korsett, sondern mehr Gestaltungsfreiraum.»

Der vom Bundesrat zitierte internationale Vergleich ist mangelhaft und deshalb nicht statthaft. Allein unter Berücksichtigung der Kaufkraftunterschiede zeigt sich, dass die Kosten des Schweizer Verteilnetzes mit denen in Deutschland oder Österreich absolut vergleichbar sind. Daneben können höhere Kosten Folge der Topografie, des Verkabelungsgrades und der hohen Versorgungszuverlässigkeit sein, welche beispielsweise mit Italien mitnichten vergleichbar sind. Bezüglich der Versorgungssicherheit belegt die Schweiz seit Jahren einen internationalen Spitzenplatz, wie dies die Berichte der ElCom über die Versorgungsunterbrüche alljährlich ausweisen.

Schliesslich ist zu bedenken, dass auf politischer Ebene Massnahmen beschlossen wurden, welche künftig keine Kosteneinsparungen erwarten lassen – im Gegenteil: Zu nennen sind beispielsweise der Smart-Meter-Rollout oder der Verkabelungsgrundsatz im Verteilnetz. Zudem werden vermehrt netzfremde Kosten über das Netz abgerechnet, wie die Kosten für Systemdienstleistungen oder künftig allenfalls der Speicherreserve. Andererseits bleibt abzuwarten, wie sich die demnächst in Kraft tretende Strategie Stromnetze auswirken wird, welche unter anderem verlangt, dass das Netz zuerst optimiert wird, bevor es verstärkt oder ausgebaut wird.

Einfach einen Pauschalvorwurf zu erheben und daraus einen Bedarf nach neuen Regulierungen abzuleiten, ist verfehlt. Stattdessen braucht es den Blick aufs Ganze: Soll der Umbau der Stromversorgung gemäss Energiestrategie 2050 gelingen, brauchen die Netzbetreiber nicht ein engeres Korsett, sondern mehr Gestaltungsfreiraum.

Siehe auch


Die politische Feder

Unter der Rubrik "Die politische Feder" veröffentlicht Dominique Martin, Bereichsleiter Public Affairs des VSE, im Branchenmagazin Bulletin regelmässig Kommentare und Einschätzungen zu energiepolitischen Themen.