Am Scheideweg

Im heutigen Tempo bräuchten wir 100 Jahre, bis wir die erneuerbaren Energien für die Dekarbonisierung so weit haben. Für die Stromversorgungssicherheit wird es schon ab 2025 eng. Trotz der zunehmenden Dringlichkeit verstrickt sich die Schweiz in Wenn und Aber.
26.04.2022

Die Branche wiederholt es nicht erst seit gestern: die Bremsen für den Ausbau der erneuerbaren Energien müssen dringend gelöst werden. Im heutigen Tempo bräuchten wir 100 Jahre, bis wir die erneuerbaren Energien für die Dekarbonisierung so weit haben. Netto null CO2 bis 2050 wird so toter Buchstabe bleiben.

Bundesrat Parmelin und Bundesrätin Sommaruga haben im vergangenen Jahr unmissverständlich gewarnt: Wir müssen uns auf die Eventualität einer Strommangellage vorbereiten, und das schon ab 2025. Der Ukrainekrieg erhöht die Dringlichkeit nun noch mehr.

Und was tut die Schweiz? Sie zögert und zögert und wird so im Winter noch viel stärker von Stromimporten abhängig werden. Dass unsere Nachbarn weiterhin exportieren können, ist jedoch alles andere als sicher. Der Rückgang der Kernenergie- und Kohlestromproduktion, kurzfristig unter dem Siegel geringerer Russlandabhängigkeit auch jene aus Gaskraftwerken, wird zu einem riesigen Abbau gesicherter Kapazitäten führen. Die grenzüberschreitenden Netzkapazitäten der Schweiz werden ihrerseits mangels Stromabkommen eingeschränkt werden.

«Die Zeit des Ausruhens auf den Lorbeeren unserer Vorfahren ist nun endgültig vorbei.»

Die Zeit des Ausruhens auf den Lorbeeren unserer Vorfahren, den Wasserkraftpionieren, ist nun endgültig vorbei. Wir müssen uns endlich unserer Verantwortung stellen und unsere Prioritäten neu ordnen: Klären wir die Zusammenarbeit mit unseren europäischen Partnern, investieren wir massiv in alle erneuerbaren Energien – jede kWh zählt! – und in die Speicherung im Inland, setzen wir auf Energieeffizienz und stellen wir robuste und moderne Netze bereit, denn die Produktion ist nur eine Seite der Medaille. Und beschleunigen wir endlich die Bewilligungsverfahren und wägen wir pragmatisch ab zwischen Schutz und Nutzung.

Ob vor diesem Hintergrund ein Moratorium für alpine Winterstrom-Solaranlagen, wie es gewisse Stimmen fordern, eine so gute Lösung ist? Nein, denn bleiben wir weiter auf der Bremse stehen, kommen wir auf den Holzweg.

Die Schweiz steht am Scheideweg: Schaffen wir es, uns zusammenzuraufen und endlich den Turbo zu zünden beim Zubau der erneuerbaren Energien, den wir so dringend brauchen… oder verstricken wir uns tiefer und tiefer in Wenn und Aber und fahren so unsere Energieversorgung direkt an die Wand? Entscheiden wir uns jetzt für den einzig richtigen Weg, für die Stromversorgungssicherheit der Schweiz.

Siehe auch


Die politische Feder

Unter der Rubrik "Die politische Feder" veröffentlicht Dominique Martin, Bereichsleiter Public Affairs des VSE, regelmässig Kommentare und Einschätzungen zu energiepolitischen Themen.