Das Selbstverständliche sei nicht mehr selbstverständlich. Mit dieser Aussage setzt Michael Frank gleich zu Beginn den Ton der VR-Tagung 2022, die sich primär an Verwaltungsratsmitglieder aus der Energiebranche richtet, um ihnen ein Update über die wichtigsten Themenbereiche der Branche zu vermitteln. Die gespielte Note passt zum wechselhaften Wetter an jenem Juni-Tag in Zürich. Es sei die Zeit der «bösen Überraschungen», fährt der VSE Direktor fort. Zu diesen gehören das Scheitern des Rahmenabkommens Ende Mai letzten Jahres, die vom Bund im Herbst präsentierte Frontier-Studie, die vor gravierenden Versorgungsengpässen ab 2025 warnt, und natürlich die Covid-19-Pandemie sowie der Ukrainekrieg.
Die Versorgungssicherheit, und vor allem ihr Wert, ist durch diese Entwicklungen ins Zentrum gerückt, wie eine Analyse von gfs.bern im Auftrag des VSE bestätigt. Die Mehrheit ist bereit, wenn nötig für die Versorgungssicherheit Abstriche beim Umweltschutz und Beschwerderechten zu akzeptieren. Michael Frank wertet das Ergebnis als klaren Auftrag an alle involvierten Akteurinnen und Akteure, Prinzipien zu überdenken und Kompromissbereitschaft zu erhöhen. «Wir stehen am energiepolitischen Scheideweg und müssen jetzt Verantwortung übernehmen. Versorgungssicherheit ist die Benchmark unseres Schaffens.»
Einheitliche Spielregeln für die grösste «menschengemachte Maschine»
Nachdem Ulrich Schmid, Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands an der Universität St. Gallen, den russischen Angriffskrieg eingeordnet und dessen Auswirkungen auf die europäische Energieversorgung erläutert hat, zählt Jörg Spicker (Swissgrid) auf, was im Sinne der Versorgungssicherheit zu tun sei. Die To-Do-Liste ist seit Langem bekannt: Anreize zum Ausbau und Erhalt der inländischen erneuerbaren Stromproduktion setzen, Bewilligungsverfahren beschleunigen und damit den Ausbau von Produktionsanlagen und Netzinfrastruktur deblockieren sowie strategische Reserven für Engpässe schaffen. Spicker betonte insbesondere auch die Notwendigkeit eines Stromabkommens, damit das Schweizer Stromnetz, das eng mit der grössten «menschengemachten Maschine», nämlich dem europäischen Stromsystem, weiterhin zuverlässig und konstant funktionieren kann. Strom kenne keine Grenzen, erklärt der Physiker, weshalb es gemeinsame Spielregeln und deren Einhaltung für alle brauche. Ohne Stromabkommen werde die Schweiz sukzessive ausgeschlossen, wodurch der Systemstress zunehme.