Sturm überstanden – jetzt den Kurs für die Zukunft setzen

Die Corona-Pandemie hat unseren Alltag auf den Kopf gestellt – und die Wirtschaft wird sich erst noch davon erholen müssen. Doch unser System hat weiter funktioniert. Auf unsere Stromversorgung, die dafür zentral war, konnten wir uns stets verlassen. Was können wir heute tun, damit diese hohe Versorgungssicherheit auch morgen garantiert ist?
25.06.2020

Wie zentral Strom für unseren Alltag ist – das dürfte während dieser von Home-Office und Telekommunikation geprägten Zeit einmal mehr klar geworden sein. Die Stromversorger und Netzbetreiber haben dafür gesorgt, dass die Versorgungssicherheit der Schweiz jederzeit gegeben war. Doch die Krise hat uns eindrücklich vor Augen geführt, dass wir für den zukünftig noch steigenden Strombedarf gewappnet sein müssen.

Gesicherte Kapazität aus Kernkraft fällt bei uns sukzessive weg. Die Energiestrategie 2050, die 2017 klar vom Volk angenommen wurde, ebnet zwar politisch den Weg, um derweil die Produktion aus Erneuerbaren hochzufahren. Doch genau diese Entwicklung ist arg ins Stocken geraten. Abgesehen von der Solarenergie, die unsere Dächer erobert, sind die meisten Projekte in Schwierigkeiten. Wir wollten die Energiestrategie, ja, aber wir zögern, sie vor Ort umzusetzen.

«Wir wollten die Energiestrategie, aber wir zögern, sie vor Ort umzusetzen.»

Administrative Hindernisse und die mangelnde Akzeptanz von Projekten für erneuerbare Energien verlangsamen systematisch die Umsetzung. Rechtsverfahren gegen Windparks, den Ausbau der Wasserkraft und die Erweiterung des Netzes sind nicht nur häufig, sondern schon fast die Regel. Dazu kommt, dass der Markt nicht in der Lage ist, die richtigen wirtschaftlichen Anreize zu setzen und die Planungssicherheit zu gewährleisten, die für Investoren zentral ist. Kein Wunder, dass Schweizer Investitionen unter diesen Umständen eher im Ausland stattfinden. Werden wir dereinst blind auf unsere europäischen Nachbarn zählen können, um uns mit Strom zu versorgen? Nichts ist weniger sicher. Deutschland ändert seine Stromproduktion mit dem Ausstieg aus Kohle und Kernkraft grundlegend und könnte Eigenbedarf anmelden. Frankreich, das plant, seinen Nuklearpark bis 2035 erheblich zu reduzieren, sorgt sich bereits um den Winter 2020/21. All das ist der Industrie ebenso bekannt wie der Eidgenössischen Elektrizitätskommission (ElCom), die regelmässig vor den Risiken einer Importabhängigkeit warnt.

«Ausschreibungen sind als wettbewerbliches Instrument vielversprechend, um Investoren zu gewinnen.»

Die vollständige Öffnung des Strommarktes kann als Inkubator für Innovationen dienen. Das wird jedoch keine ausreichenden Anreize für Investitionen und die Nutzung des Potenzials erneuerbarer Energien schaffen. Weitere Massnahmen sind unabdingbar. Langfristige Anreize sind für den Bau neuer Anlagen in der Schweiz und vor allem für die Erneuerung bestehender Wasserkraftwerke erforderlich, wobei der Winterproduktion besondere Aufmerksamkeit zukommen muss. Ausschreibungen sind als wettbewerbliches Instrument vielversprechend, um Investoren zu gewinnen. Sie sollten vor allem bei grossen Kraftwerken und bei allen Technologien genutzt werden. Es ist jetzt an der Zeit, pragmatisch und mutig unsere Optionen zu analysieren und unverzüglich die richtigen Meilensteine ​​zu setzen. Nur ein gesellschaftlicher Konsens wird es ermöglichen, die Ziele der Energiestrategie 2050 zu erreichen – und die Versorgungssicherheit durch ausreichende einheimische Produktion zu stärken.

Wir haben den Sturm überstanden – seien wir jetzt mutig. Die Branche ist präsent und bereit für interessante und innovative Projekte.

Michael Frank, Direktor VSE

(französischer Artikel publiziert in Agefi, 23.06.2020)