Solarausbau: Gemeinsame Ziele, abweichende Wege

Photovoltaik ist gemäss Nationalrat Roger Nordmann (SP/VD) der Schlüssel zur Energie- und Klimazukunft. Langfristig könne nur PV den Wegfall der Kernenergie kompensieren, den Zusatz-Strombedarf zur Dekarbonisierung und Elektrifizierung des Gebäude- und Verkehrssektors liefern – und als Ergänzung zur Wasserkraft die zweite «Stromsäule» der Schweiz bilden. Die VSE-Einschätzung zu Nordmanns Plänen.
05.08.2019

In seinem Buch «Sonne für den Klimaschutz» beschreibt Nordmann, wie die Photovoltaik ihre Leistung von heute knapp 2 GW auf 50 GW im Jahr 2050 erhöhen kann. Dabei soll die Schweiz im Jahr 2050 im Mehrjahresschnitt die gesamte Elektrizität, die sie verbraucht, selbst produzieren. Dazu sollen im grossen Stil Dächer, Strassenränder, Parkplätze, Lärmschutzwände entlang von Autobahnen, Gleisböschungen und gar Alpweiden mit Solarpanels versehen werden. Um diesen Zubau zu realisieren, setzt Nordmann auf bekannte Instrumente wie die Einmalvergütung, kombiniert mit Eigenverbrauchslösungen für kleinere Anlagen und Ausschreibungen für grössere. Zur Finanzierung reichen gemäss Nordmann die Mittel aus dem heutigen Netzzuschlag von 2,3 Rappen. Um Netzüberlastungen zu vermeiden, schlägt Nordmann ein dynamisches Einspeisemanagement («Peak-Shaving») vor.

Um die saisonalen und Tages-Schwankungen der Photovoltaik auszugleichen, muss gemäss Nordmann vermehrt Strom gespeichert werden. Dies soll etwa über die Erweiterung von Wasserspeichern, die Installation leistungsstärkerer und neuer Pumpspeicherkraftwerke, den Einsatz von «Power-to-Gas», den Einbau von Batterien im Verteilnetz und über dezentrale Batterien für den Eigenverbrauch geschehen. Um die Versorgungssicherheit auch im Winter zu gewährleisten, erachtet Nordmann einen Ausbau der Wärme-Kraft-Kopplung (WKK) als nötig. Die erforderlichen WKK-Anlagen sollen aber nur dann produzieren, wenn ihr Strom tatsächlich gebraucht wird. Um Gaskraftwerke zu vermeiden, soll frühzeitig eine WKK-Strategie ausgearbeitet werden.

Nordmann

Roger Nordmann: Sonne für den Klimaschutz
Ein Solarplan für die Schweiz.

Zytglogge Verlag. ISBN 978-3-7296-5028-2

Photovoltaik für die Klimapolitik und die Energiestrategie 2050

Roger Nordmanns Absichten sind im Gesamtkontext des Pariser Klimaabkommens und der Schweizer Energiestrategie 2050 zu verstehen. Zu beiden bekennt sich auch der VSE. Somit stimmen die Ziele Nordmanns mit jenen des VSE grundsätzlich überein. Auch hinsichtlich der künftigen Zusammensetzung des Produktionsparks weichen die Erwartungen des VSE nicht wesentlich von den Vorstellungen Nordmanns ab. Der VSE geht ebenfalls davon aus, dass sich aufgrund der aktuellen Gesetzgebung, der technischen Entwicklung und der gesellschaftlichen Realität neben der bereits bestehenden Wasserkraft vor allem die Photovoltaik durchsetzen wird. Der VSE ist auch der Meinung, dass Gas (zunehmend erneuerbar) künftig eine Rolle spielen wird. Nebst Wärme-Kraft-Kopplung sieht der VSE jedoch auch Gasturbinen und Gaskombikraftwerke zur Überbrückung im Winter als Option.

In Bezug auf die Instrumente, respektive den Ordnungsrahmen, wie dieses Zielbild erreicht werden soll, weichen die Vorstellungen des VSE jedoch in verschiedenen Bereichen von jenen Nordmanns ab.

Abweichende Vorstellungen in Bezug auf die Umsetzung

Der VSE setzt sich für technologieoffene, möglichst marktbasierte Instrumente ein, welche für effiziente Märkte und Innovation sorgen sollen. Der VSE ist der Meinung, dass es neben der Weiterführung und Verbesserung des «Energy-Only-Marktes» grundsätzlich einen wirksamen, europaweit abgestimmten CO2-Markt braucht. Durch eine Vereinfachung der Laststeuerung («Demand-Side-Management») sollen zudem auch die Kunden verstärkt in den Markt eingebunden werden. Neben diesen kurz- bis mittelfristigen Märkten braucht es Mechanismen, welche langfristige Investitionsanreize für bestehende und neue Produktionsanlagen setzen.

«Es braucht Mechanismen, welche langfristige Investitionsanreize für bestehende und neue Produktionsanlagen setzen.»
Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE

Investitionen in Substanzerhalt der Wasserkraft sind notwendig

Ein Trugschluss ist dabei, dass der Bestand der Wasserkraft unter den aktuellen Rahmenbedingungen gesichert sei. Die Investitionen in die bestehende Wasserkraft wurden in den vergangenen Jahren auf ein Minimum beschränkt und werden unter den aktuell gegebenen Rahmenbedingungen tief bleiben. Für eine starke Wasserkraft braucht es mehr als nur die Fortführung der Investitionsbeiträge für Ausbau und Erweiterungen. Es braucht Investitionsanreize in den Bestand, welcher für knapp 60% der Stromversorgung aufkommt. Bei langanhaltend nicht kostendeckenden Marktpreisen muss zudem auch die Marktprämie weiter- respektive wiedereingeführt werden. Zudem ist eine Reduktion der Abgabebelastung der Wasserkraft, insbesondere durch den hohen und starren Wasserzins, unumgänglich, um ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.

Kosten dürfen nicht auf Kunden ohne Eigenverbrauch abgewälzt werden

Für die Finanzierung des Ausbaus der Photovoltaik rechnet Nordmann einerseits mit jährlich 550 Mio. Franken an Bundesfördergeldern aus dem Netzzuschlag für die Einmalvergütung. Diese Gelder sollen gemäss seinen Vorschlägen ohne die Erhöhung des Netzzuschlags und nur durch die Umverteilung der Fondsmittel erreicht werden. Z.B. will er die im Jahr 2022 frei werdenden Mittel für die Marktprämie der Grosswasserkraft zur Finanzierung der Photovoltaik verwenden. Des Weiteren geht er von jährlich 2 Mrd. Franken (0,3% des BIP) an privaten Investitionen aus, welche zu grossen Teilen für Anlagen auf Dachflächen und damit namhaft durch Privatpersonen geleistet werden müssten. Als Anreiz soll dazu das «Geschäftsmodell Eigenverbrauch» dienen. Teil dieses Geschäftsmodells sind gemäss Nordmann ausdrücklich weiterhin Einsparungen beim Netzentgelt. Damit werden die Kosten des Netzes auf immer weniger Kunden abgewälzt, die keine Möglichkeit haben, Eigenverbrauch zu nutzen.

Der VSE kritisiert seit Langem die veralteten und rigiden Rahmenbedingungen bei der Netztarifierung, welche vor allem auf den bezogenen Kilowattstunden basieren und nicht auf dem Leistungsbedarf. Dieser ist jedoch gerade bei zunehmendem Eigenverbrauch und sich verbreitender Elektromobilität die für die Netzkosten bestimmende Grösse. Eine höhere Gewichtung der Leistungskomponente ist unausweichlich, um den für die Umsetzung der energie- und klimapolitischen Ziele notwendigen Um- und Ausbau der Netze effizient und verursachergerecht gestalten zu können. Ein Festhalten am heutigen «Geschäftsmodell Eigenverbrauch» leistet der stossenden Entsolidarisierung stattdessen weiteren Vorschub – zudem ist es keine gute Voraussetzung für die Sektorkopplung.

«Eine höhere Gewichtung der Leistungskomponente bei den Netztarifen ist für die Erreichung der energie- und klimapolitischen Ziele unausweichlich. »
Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE

Andererseits fordert Nordmann die Weiterführung der Abnahme- und Vergütungspflicht mit einem hohen Rückliefertarif – auch unter Annahme einer vollständigen Marktöffnung. Auch gegen diese verdeckte Subventionierung wehrt sich der VSE bereits seit Längerem. Die Abnahme- und Vergütungspflicht ist nach Ansicht des VSE mit einer Marktöffnung inkompatibel, da sie die unternehmerische Freiheit der Grundversorger einschränkt und mit finanziellen Risiken verbunden ist, wenn die abgenommene Energie nicht kostendeckend abgesetzt werden kann.

Netzverstärkungen werden trotz Einspeisemanagement und Batterien notwendig

Ferner unterschätzt Nordmann gemäss dem VSE auch die technischen Herausforderungen für das Netz. Um die stark wachsende Leistung anzuschliessen, sind umfangreiche Netzverstärkungen notwendig. Das Einspeisemanagement («Peak-Shaving») ist ein guter und richtiger Ansatz, welchen der VSE ebenfalls unterstützt. Mit dem Einspeisemanagement übernehmen die dezentralen PV-Stromproduzenten letztlich auch einen Teil der Verantwortung für die Versorgungssicherheit.

«Das Einspeisemanagement («Peak-Shaving») ist ein guter und richtiger Ansatz, welchen der VSE ebenfalls unterstützt.»
Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE

Vor dem Hintergrund der Dimension des von Nordmann geplanten Ausbaus reicht das Einspeisemanagement allein aber nicht aus, um eine stärkere Photovoltaikeinspeisung zu bewältigen. Mit steigender Leistung wird auch ein Ausbau des Netzes nötig sein, wie eine im Juni dieses Jahres veröffentlichte EMPA-Studie nahelegt. Auch die zusätzliche Installation von Batterien im Netz erübrigt einen Netzausbau noch nicht. Als Anhaltspunkt dient ein vom BFE im Oktober 2017 veröffentlichter Bericht, welcher zum Schluss kommt, dass ein Speicherbetrieb in fast allen Fällen für die Schweiz keine wirtschaftliche Alternative zum Einspeisemanagement oder Netzausbau darstellt – dies unter den bis zum Jahr 2035 prognostizierten Speicherkosten.

Gesamtsystembetrachtung für künftige Energieversorgung steht noch aus

So ähnlich Nordmanns Zielbild für die Photovoltaik in der Schweiz aussehen mag, so unterschiedlich sieht der VSE die nötigen Massnahmen in Bezug auf die Umsetzung. Es scheint, als betrachte Nordmann vor allem die allgemeine technische Machbarkeit betreffend Erhöhung der erneuerbaren Produktion. Netztechnische, regulatorische, energiewirtschaftliche und auch gesellschaftliche Wechselwirkungen berücksichtigt er zu wenig - dazu bräuchte es eine gesamtheitlichere Betrachtung. Was bleibt, ist der gemeinsame Wille, mit einem Bekenntnis zur Energiestrategie 2050 die Schweiz in eine Zukunft zu führen, in welcher die Versorgungssicherheit gewährleistet ist und die Klimaziele erreicht werden. Ausserdem bleibt die angeregte Diskussion, welche uns hoffentlich gemeinsam einen Schritt weiterbringt.

- Interview mit Nationalrat Roger Nordmann zum Thema