Mit der Energiestrategie 2050 und ihrem Bekenntnis zum Klimaschutz hat die Schweiz die Weichen neu gestellt. Dazu muss das Energiesystem in den kommenden Jahrzehnten grundlegend umgebaut werden. Nebst der Wasserkraft müssen künftig weitere erneuerbare Energien, allen voran die Photovoltaik, eine tragende Rolle übernehmen, um die Versorgung durch eine angemessene inländische Stromproduktion über das ganze Jahr und insbesondere im Winter sicherzustellen.
Der Wille zur Dekarbonisierung bedeutet vor allem auch eins: Elektrifizierung. Das heisst, elektrische Anwendungen werden bisherige Technologien ergänzen oder ablösen, so zum Beispiel im Gebäudebereich, wo durch den Einsatz von Wärmepumpen und Gebäudetechnik fossile Energie eingespart und die Gesamtenergieeffizienz gesteigert werden. Vor allem aber auch im Verkehr, wo Elektro- und Wasserstofffahrzeuge für eine klimafreundlichere Mobilität sorgen werden. Konkret könnte aus klimapolitischen Gründen die Nachfrage nach Strom bis 2035 um 40% zunehmen. Es ist nur logisch, dass dieser erhöhte Bedarf auch durch eine klimafreundliche Produktion gedeckt werden muss.
Grundlagen werden auf den Kopf gestellt
In der Praxis wird dies das heutige System der Stromversorgung auf den Kopf stellen: Vereinfacht gesagt wird in der bisherigen Welt Strom in grossen Kraftwerken produziert und zu den Endkunden transportiert. In Zukunft sind die Kraftwerke und Speicher aber nicht mehr nur zentral, sondern auch dezentral. Überall verteilt werden so künftig Tausende kleine Kraftwerke direkt bei den Endkunden stehen, die von ihnen produzierte Energie direkt vor Ort wieder abgeben oder anderen Nutzern zur Verfügung stellen.
Für das Stromnetz bedeutet dies zunächst veränderte Lastflüsse. Neu herrscht im Verteilnetz nicht mehr Einbahn-, sondern Gegenverkehr: Der Strom fliesst nicht mehr nur von oben, von den hohen Spannungsebenen mit den grossen Kraftwerken, nach unten zu den tiefen Spannungsebenen mit den Verbrauchern. Vielmehr treten Flüsse auch innerhalb einer Spannungsebene, von dezentralen Kraftwerken zu den Verbrauchern auf, oder der Strom fliesst sogar umgekehrt von unten nach oben. Mit dem massiven Ausbau von Photovoltaik und Ladestationen für die Elektromobilität treten zudem höhere Leistungen auf. Wo also der Strom, bildlich gesprochen, bisher über eine längere Dauer gemütlich aus der Steckdose tröpfelte, um den Fernseher oder die Spülmaschine zum Leben zu erwecken, muss künftig die gleiche Strommenge zusätzlich innert kürzester Zeit auch die Batterie des Elektroautos aufladen – Tröpfchen reichen hierzu nicht mehr, es braucht vielmehr einen Hochdruckstrahl.