Kräfte bündeln und Synergien nutzen: das Modell enersuisse

24.02.2026 PerspectivE
Gemeinsam statt isoliert: enersuisse zeigt, wie Energieversorger regulatorische Komplexität, IT-Investitionen und operative Prozesse über eine gemeinsame Plattform effizient beherrschen – und sich dadurch Freiräume für ihre eigentlichen Kernaufgaben schaffen.
Gastautor
Martin Leuenberger
CEO enersuisse AG
Gastautor
Viktor Sammain
PR-Chefredaktor bei Primeo Energie
Disclaimer
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Im Jahr 2019 entschieden die Energieversorger EKZ aus Zürich, Primeo Energie aus Münchenstein (BL) und Romande Energie aus Morges (VD), ihre Kräfte entlang der Wertschöpfungskette Meter-to-Customer (M2C) zu bündeln und zu professionalisieren. Als gemeinsames Gefäss wurde dafür die enersuisse AG gegründet. Romande Energie schied nach der Gründungsphase aus. Heute ist enersuisse ein etablierter Player auf dem Markt, der zentrale Dienstleistungen für Schweizer Energieversorger erbringt – vom Messwesen über die Datenvalidierung und Abrechnung bis hin zu Kundenservice, Output Management und SAP-Betrieb.

Technische Infrastruktur für Meter-to-Customer-Dienstleistungen: automatisierte Mess- und Datenerfassung im operativen Betrieb

Von diesen Synergien profitieren Energieversorger aller Grössen. Steigende Anforderungen in Bereichen wie Smart Metering, Prosumer-Abwicklung oder Self-Service erfordern spezialisiertes Know-how sowie Investitionen, die nicht für jedes EVU gleich wirtschaftlich sind. Als gemeinsame Plattform übernimmt enersuisse zentrale Aufgaben im Bereich Meter-to-Cash, setzt regulatorische Vorgaben automatisiert um und stellt standardisierte Abrechnungsmodelle bereit. So können EVU ihre eigenen Stärken gezielt einsetzen, während komplexe Anforderungen zentral abgewickelt werden. Die Umsetzungssicherheit steigt, regulatorische Anpassungen erfolgen zeitgerecht und fachlich korrekt, und alle Beteiligten profitieren von technologischen und organisatorischen Skaleneffekten, die im Alleingang kaum realisierbar wären. Gleichzeitig lassen sich Fixkosten senken, Investitionen besser verteilen und die Gesamtkosten nachhaltig optimieren.

Die strategische Ambition, Synergien zu nutzen, hat sich seit der Gründung von enersuisse mehrfach ausbezahlt. Die Dienstleistungen können im Paket oder modular bezogen werden und werden inzwischen nicht nur von den Gründungsunternehmen EKZ und Primeo Energie, sondern auch von weiteren Energieversorgern genutzt.

Skalierung über eine gemeinsam genutzte SAP-Plattform

Eine der stärksten Wirkungen des gemeinsamen Vorgehens entfaltet sich dabei in der IT-Landschaft. Die gemeinsam betriebene SAP-IS-U-Plattform bildet das Herzstück der gesamten Verarbeitung von Kundendaten, Messwerten und Abrechnungsprozessen entlang der Meter-to-Cash-Kette. Da der Betrieb einer solchen Plattform mit hohen Fixkosten verbunden ist, lohnt sich ein gemeinsamer Ansatz besonders. Heute verwaltet enersuisse bereits über 600’000 Messpunkte und erzielt damit die grössten Skaleneffekte im Schweizer Markt.

Die Vorteile zeigen sich besonders deutlich bei Investitionen in Unterhalt und Weiterentwicklung. Notwendige Aufwände können auf mehrere Plattformteilnehmer verteilt werden. Dies betrifft unter anderem die Umsetzung neuer gesetzlicher Anforderungen wie lokaler Elektrizitätsgemeinschaften (LEG), die Anbindung an die nationale Datenplattform für den Stromsektor oder die Integration digitaler Kundenservices. Statt paralleler Einzellösungen profitieren alle angeschlossenen EVU von zentral entwickelten und betriebenen Funktionen.

Mit dem Projekt «One IS-U», das 2025 realisiert wurde, sind die SAP-Systeme von Primeo Energie, EKZ und enersuisse zusammengeführt worden. Sämtliche Stammdaten und Netzprozesse wurden migriert, wodurch eine harmonisierte, stabile und zukunftsfähige Systemlandschaft entstanden ist. Diese bildet die Grundlage für weitere Skaleneffekte, eine hohe Betriebssicherheit sowie eine koordinierte Weiterentwicklung der Plattform.

Jeder Energieversorger arbeitet in einem eigenen, logisch getrennten SAP-Mandanten mit separaten Daten und individuellen Konfigurationen, nutzt jedoch die gemeinsam betriebene technische Plattform und standardisierte Kernfunktionen. Dadurch lassen sich Effizienz und Standardisierung mit der notwendigen Flexibilität für individuelle Produkte, Tarife oder kundenspezifische Self-Services verbinden.

Bündelung der Kräfte bei der Umsetzung des Mantelerlasses

Ebenfalls deutlich wird der Wert der Zusammenarbeit beim Umgang mit neuen regulatorischen Anforderungen. Das revidierte Stromversorgungsgesetz markiert einen grundlegenden Wandel im Bereich der Vermarktung von dezentral produziertem Strom: Neben dem bekannten Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV) gibt es nun den virtuellen ZEV (vZEV) und seit Anfang dieses Jahres die lokale Elektrizitätsgemeinschaft (LEG). Damit können Produzierende und Verbrauchende lokal erzeugten Strom dezentral verkaufen.

Um diese komplexen Modelle effizient abzuwickeln, verfolgt enersuisse eine konsequente «Digital-First»-Strategie. Sämtliche Schritte von der Anmeldung über Messung, Verrechnung bis hin zu Mutationen werden vollständig digitalisiert und in eine konsistente Customer Journey eingebettet. Dies reduziert administrative Aufwände und Betriebskosten erheblich und sorgt für transparente, nachvollziehbare Abläufe.

enersuisse übernimmt hierbei die technische und organisatorische Umsetzung: Zählerdaten werden zentral erfasst, Verbrauch und Produktion zuverlässig verrechnet, Stammdaten verwaltet und Anmeldungsprozesse standardisiert. Auch bei komplexen Modellen wie vZEV und LEG wird die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben sichergestellt. Für EVU bedeutet das: deutlich weniger Aufwand, hohe Rechtssicherheit und stabile Prozesse, ohne die Notwendigkeit einer eigenen Infrastruktur.

Die Kundschaft im Zentrum

Im Rahmen des Output Management übernimmt enersuisse für EKZ, Primeo Energie, Romande Energie, ewb und Certum die vollständige Aufbereitung von jährlich mehr als 3 Millionen Kundenschreiben. Das Unternehmen deckt die gesamte Customer Journey ab, von Begrüssungsschreiben über Rechnungen und Zählerwechsel bis hin zu Ratenplänen. Rechnungen und Mahnungen bleiben die häufigsten Kontaktanlässe.

Professionalisierter Kundendienst als Teil integrierter Meter-to-Customer-Dienstleistungen

Seit Anfang 2026 setzt enersuisse ein neues, optimiertes und generisches Rechnungstemplate ein, das konsequent auf Transparenz, Verständlichkeit und reale Kundenbedürfnisse ausgerichtet ist. Entstanden ist es in enger Zusammenarbeit mit mehr als 200 Kundinnen und Kunden, die konkrete Rückmeldungen einbrachten. Das Ergebnis ist eine Rechnung, die sich klar an den Erwartungen der Nutzerinnen und Nutzer orientiert und deren Aufbau für spürbar mehr Verständlichkeit und Transparenz und dadurch auch weniger Rückfragen führt.

Parallel zur Modernisierung des Rechnungswesens wird der gesamte Kundenservice systematisch weiterentwickelt. Digitale und zunehmend KI-gestützte Self-Services stehen rund um die Uhr zur Verfügung. Sie ermöglichen es Kundinnen und Kunden, Standardanliegen wie Fristverlängerungen, Beleganforderungen oder Stammdatenmutationen jederzeit selbstständig zu erledigen. enersuisse setzt dabei auf Human-Centered-Design-Methoden und bezieht sowohl Kundinnen und Kunden als auch Mitarbeitende frühzeitig in die Gestaltung neuer Abläufe ein. Kundenfeedback wird kontinuierlich gesammelt, ausgewertet und in Optimierungen überführt. Und dies nicht nur für enersuisse selbst, sondern auch zugunsten der beteiligten EVU, die so wichtige Erkenntnisse zur Verbesserung ihrer eigenen Kundenerlebnisse erhalten.

KI hält Einzug

Wer die digitale Zukunft des Kundenservice gestalten will, kommt an innovativen Technologien nicht vorbei. Datenmengen wachsen rasant, und moderne Dateninfrastrukturen sowie KI-gestützte Sprachmodelle sind teuer und komplex im Aufbau. Durch geteilte Investitionen und gebündeltes Know-how erhalten auch kleinere EVU Zugang zu Technologien, die sonst nur Grossunternehmen einsetzen können. Ein sichtbares Beispiel ist die Weiterentwicklung des Kundenservice durch KI-gestützte Sprachassistenz. enersuisse hat neben der Einführung eines eigenen Chatbots schon früh mit Voice-Interaktionen experimentiert und diesen Ansatz zu einem modernen KI-Service ausgebaut.

Seit 2025 unterstützt eine digitale Assistentin den telefonischen Kundendialog. Sie ergänzt die Mitarbeitenden, beschleunigt Prozesse und erleichtert Kundinnen und Kunden den Zugang zu Services. Die KI versteht Schweizerdeutsch (sogar unterschiedliche Dialekte), erkennt Anliegen kontextuell und kann einfache Anfragen vollständig selbst abwickeln, etwa Fristverlängerungen oder den Versand von Dokumenten. Technisch entscheidend ist die enge Anbindung an die SAP Business Technology Plattform. Dadurch sind Authentifizierung, Datenabgleich und Transaktionen in Echtzeit möglich.

Das System findet Kundendaten auch dann zuverlässig, wenn Namen oder Adressen unterschiedlich geschrieben sind. Gleichzeitig erkennt es selbstständig, wann eine Anfrage besser von einem Menschen bearbeitet werden sollte, zum Beispiel bei sensiblen oder emotionalen Anliegen. In solchen Fällen wird das Gespräch gezielt an den passenden Mitarbeitenden weitergeleitet, der bereits alle relevanten Informationen zur Hand hat.

Parallel entwickelt enersuisse gemeinsam mit einem Technologiepartner ihre KI-gestützten Services kontinuierlich weiter. Neue digitale Selbstbedienungsangebote, verbesserte Gesprächsabläufe und eine immer bessere Nutzung vorhandenen Wissens sorgen dafür, dass Kundinnen und Kunden schneller, einfacher und gezielter Unterstützung erhalten. So entsteht eine moderne Servicearchitektur, in der digitale Lösungen und menschliche Kompetenz nahtlos zusammenwirken.

Das Beispiel enersuisse zeigt, wie sich steigende Anforderungen, regulatorische Komplexität und technologische Entwicklungen durch Zusammenarbeit bewältigen lassen. So entsteht ein gemeinsames Fundament, das Effizienz, Qualität und Innovationsfähigkeit verbindet und Energieversorger dabei unterstützt, den Wandel der Branche wirtschaftlich, verlässlich und zukunftsgerichtet zu gestalten.

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