Die momentanen Frühlingstemperaturen erwärmen Herz und Gemüt. Sie lassen hoffen, dass die COVID-19-Gesundheitskrise bald vorüber ist, und drängen die Kälte und das graue Wetter von Anfang Jahr in den Hintergrund. Das Einzige, was daran erinnert: die arktische Kaltwetterfront von Mitte Februar in Texas. Dieser historische polare Kälteeinbruch hat den amerikanischen Bundesstaat an den Rand einer humanitären Krise gebracht und die Mängel im Stromversorgungssystem zutage gefördert. Abgesehen von den Produktionsverlusten waren die Netzstrukturen nicht in der Lage, eine übermässige Energienachfrage zu bewältigen, was in Texas zu Stromknappheit geführt hat. Könnte eine Krise dieses Ausmasses auch in unserem Land eintreten?
Die Schweiz hat bisher keine so schwerwiegende Situation erlebt, u. a. weil sie sich mitten im Markt sowie im europäischen Verbundnetz befindet und vom Gleichgewicht dieses grossen Systems profitiert. Es dient ihr als Sicherheitsnetz, das allfällige nationale Probleme auffangen kann. Aber eins ist sicher: Sollte eine bisher noch nie dagewesene grössere Krise eintreten, würde es sich nicht um ein einzelnes Ereignis in der Schweiz, sondern um eine europäische Krise handeln. Da niemand vor einer solchen Extremsituation gefeit ist, sind Vorkehrungen zu treffen. Die Schweiz hält sich also bereit: Die vom VSE gegründete Organisation für Stromversorgung in Ausserordentlichen Lagen (OSTRAL) kümmert sich um die notwendigen Vorbereitungen, um Krisensituationen bewältigen zu können. Bei einer längeren Stromknappheit führt die OSTRAL zum entscheidenden Zeitpunkt die vom Bundesrat angeordneten Massnahmen aus.
Ein europäisches System mitten im Wandel
Die Auswirkungen einer solchen Krise – auch wenn diese dank der OSTRAL beherrscht werden kann – wären verheerend. Daher sind sie um jeden Preis zu vermeiden. Die Herausforderung ist gross, denn die von der Kernenergie sichergestellte Kapazität wird gemäss der Energiestrategie 2050 schrittweise zurückgefahren. Diese Strategie zeichnet im Gegenzug den Weg vor, um die Produktion von erneuerbarem Strom zu pushen, die die Kernkraft ablösen soll. Allerdings bleibt der Winter aus Sicht der Versorgung eine besonders schwierige Jahreszeit. Die momentane Entwicklungsgeschwindigkeit der erneuerbaren Energien reicht noch nicht aus, damit sich die Schweiz von einer zunehmenden Abhängigkeit von Stromimporten befreien kann.
Ist diese Situation ein Einzelfall und typisch für unser Land? Nein. Denn unseren europäischen Nachbarn geht es genau gleich. Frankreich möchte seine Kernkraftwerke bis 2035 beträchtlich reduzieren und Deutschland hat mit dem Ausstieg aus Kern- und Kohlekraft ebenfalls eine Umstellung seiner Produktion in Angriff genommen.
Können wir uns also für unsere Versorgung künftig blind auf unsere europäischen Nachbarn verlassen? Das steht in den Sternen. Frankreich fürchtet schon heute um seine eigene Versorgung. Im Februar 2021 wäre es dort zu einer äusserst heiklen Situation gekommen, falls eine Kältewelle eingetreten wäre. Das war nicht der Fall, aber die französische Bevölkerung wurde seit letztem Sommer vor allfälligen Verbrauchsbeschränkungen gewarnt (ökologisches Verhalten, unterbrechbare Verbrauchseinrichtungen oder als letzte Möglichkeit gar eine Abschaltung).