«Produziert oder eingespart, jede Kilowattstunde zählt»: Dieser Spruch steht auf einem Roll-Up, das der VSE regelmässig an seinen Veranstaltungen und Kursen aufstellt. So stand dieses auch an seiner Fachtagung «Alpine PV: Wo steht der Solarexpress?» Mitte März im Zürcher Kongresshaus – und es hätte nicht treffender sein können. Denn beim Solarexpress zählt tatsächlich jede produzierte Kilowattstunde. Schliesslich müssen die Anlagen bis Ende 2025 in Betrieb genommen werden und mindestens 10% der erwarteten Jahresproduktion oder 10 Gigawattstunden ins Netz speisen, um von den Privilegien des Gesetzes profitieren zu können, wie der Vorrang gegenüber anderen Interessen und die Einmalvergütung von maximal 60% der anrechenbaren Investitionskosten.
Für die Projektanten ist es ein Wettlauf gegen die Zeit. Der Solarexpress stiess zwar viele Alpen-PV-Projekte an. Doch die Praxis hat bisher gezeigt, dass die Realisierung kein Selbstläufer ist. Sie gestaltet sich schwierig aufgrund des knappen Zeitrahmens und der mangelnden Erfahrung im Umgang mit der alpinen PV. «Sie alle leisten Pionierarbeit. Es liegt in der Natur der Sache, dass Unwegsamkeiten und Herausforderungen auftreten. Aber Sie können sie überwinden», begrüsste Michael Frank die rund 200 Teilnehmenden im Zürcher Kongresshaus. Die Bewilligung und Realisierung von Alpen-PV sei für alle Involvierten Neuland. Darum wollte der VSE mit seiner Fachtagung einen Erfahrungsaustausch ermöglichen, um in Zukunft die Bewilligungsfähigkeit und Akzeptanz von alpiner PV zu steigern.
Grosse Mengen günstiger Winterstrom
Warum braucht es diese Pionierarbeit? Die alpine PV wird als Lösung für die Winterstromlücke betrachtet. Ruedi Kriesi, Präsident von IG Solalpine, rechnete vor, dass sich die bis 2050 öffnende Winterstromlücke von bis zu 15 Terawattstunden (Annahme: 50 GWp Dach-PV) dank Alpen-PV-Anlagen mit 22 GWp zusammen mit 35 GWp-Dach-PV-Anlagen fast vollständig füllen liess. Der Winterstrom aus Alpen-PV sei günstiger im Vergleich, weil der Ertrag über das Jahr gesehen doppelt so hoch und im Winter sogar um den Faktor 3-4 höher ist wie bei einer PV-Anlage im Mittelland. Ausserdem haben alpine PV-Anlagen einen überschaubaren Flächenbedarf und weisen eine vergleichbare CO2-Bilanz wie eine PV-Dachanlage auf, so Ruedi Kriesi.
Spätestens seit der Energiekriese ist die Erkenntnis gewachsen, dass vor allem im Winter mehr Strom Not tut. Dies bewegte den Kanton Bern dazu, rasch nach Inkrafttreten des Solarexpresses das Potenzial von alpinen PV-Anlagen abzuklären und dabei Kriterien wie Erschliessung, Umweltverträglichkeit und Netzkapazitäten zu berücksichtigen, erklärte Ulrich Nyffenegger. Er steht dem kantonalen Amt für Umwelt und Energie vor. An runden Tischen mit Gemeinden, Eigentümern, Fachämtern, Umweltverbänden, Energieversorgern und Netzbetreibern habe man seither versucht, gemeinsam die «besten» Projekte ausfindig zu machen. Aus diesem Prozess laufen aktuell 12 Projekte. Bei 4 Projekten liege bereits eine Baueingabe vor, was Ulrich Nyffenegger zum Fazit brachte: Der Solarexpress in Bern rollt.