Michael Wider, die Branche startet mit viel Gewichtigem ins neue Jahr: Der Mantelerlass geht Ende Januar zur Debatte in die UREK-S, die neue Version des revidierten CO2-Gesetzes ist in Vernehmlassung, ebenso steht die Vernehmlassung zur Verfahrensbeschleunigung vor der Tür. Welche Themen beschäftigen weiter?
Noch einige mehr! Es wird auch 2022 nicht langweilig, das ist gut so. Besonders wichtig scheint mir auch weiterhin das Thema Zusammenarbeit mit der EU. Mittlerweile ist den meisten klar, wie wichtig eine enge Stromkooperation der Schweiz mit der EU für unser Stromsystem ist. Aber es bleibt schwierig. Die Kupferdrähte enden bekanntlich nicht an den politischen Grenzen. Über die 41 Punkte, die uns mit dem europäischen Netz verbindet, fliesst immer Strom, ob wir ein Agreement haben oder nicht. Nur wissen wir eben oft nichts davon, wenn wir nicht Teil der Planung sind.
Mit welchen Folgen?
Es verurteilt uns das dazu, ständig im Reaktionsmodus zu sein. Das gefährdet die Systemstabilität und beansprucht unseren Produktionspark. Wir brauchen aus physikalischer, aber eben auch kommerzieller Sicht eine langfristige, stabile Lösung. Es ist toll, dass Swissgrid einen privatrechtlichen Vertrag mit der Kapazitätsberechnungsregion «Italy North» abschliessen konnte. Doch langfristig braucht es eine politische Lösung mit der EU.
Der Jahreswechsel hat auch rekordhohe Strompreise gebracht – nicht nur in der Schweiz. Was heisst das für uns?
Die Schweiz ist nicht ein price maker, sondern ein price taker. Ob uns das passt oder nicht. Die Preise werden massgeblich von den fossilen Energieträgern, dem CO2-Preis und der Volatilität von Wind und Sonne sowie der Stromnachfrage geprägt. Das macht die Preisbildung unberechenbar. Wir haben diesen Winter eindrücklich gesehen, welchen massiven Einfluss es auf das Preisgefüge hat, wenn planbare Kraftwerke wegfallen, wie z.B. die 15 Kernkraftwerke in Frankreich, oder wenn die Gaspreise explodieren. Wir müssen mit dieser Unberechenbarkeit leben lernen, denn dieser globale, seit 20 Jahren offene Markt ist massgebend für die Preise in der Schweiz.
Die Preisschwankungen beeinflussen auch die Versorgungssicherheit...
Genau. Nämlich dann, wenn man bei inländischer Knappheit im Winter Strom besorgen muss. Gerade deshalb brauchen wir rasch mehr erneuerbare Produktion in der Schweiz. Jede Kilowattstunde zählt! Zu wenig Strom führt zu Verteuerung, Abhängigkeiten und eingeschränkter Handlungsfähigkeit. Vorderhand ist das schwierig für die Akteure im Strommarkt. Mittelfristig wird es sich auch auf den Preis für die Konsumentinnen und Konsumenten auswirken. Gut ist, dass der Wert und die Bedeutung von Strom wieder stärker wahrgenommen wird und entsprechend auch mehr Anreize für Effizienz entstehen.