Herr Orifici, 2019 ist das erste volle Jahr, in dem die Schweiz vom europäischen Intraday-Handel komplett ausgeschlossen war – weil noch kein Stromabkommen mit der EU besteht. Wie hat sich das auf die Strombörse ausgewirkt?
An der EPEX SPOT als Börse für den Schweizer Strommarkt konnten wir vor allem einen Rückgang der Volumen im Intraday-Handel beobachten. Der Schweizer Intraday-Markt hat seine Dynamik verloren, da die Händler nicht mehr die Möglichkeit haben, ihren Strom grenzüberschreitend zu vermarkten. Vor dem Start der neuen paneuropäischen Intraday Lösung XBID war die Schweiz mit ihren Nachbarn Deutschland und Frankreich implizit gekoppelt – d.h. bei der Gebotseingabe war die Grenzkapazität schon Bestandteil des Preises und musste nicht zuvor separat eingekauft werden. Das bedeutete für den kontinuierlichen Intraday-Markt, dass Strom frei über Landesgrenzen hinweg gehandelt wurde. All dies unter der Prämisse, dass genug Kapazitäten an den Grenzkoppelstellen zur Verfügung standen. So hatten Handelsteilnehmer nicht nur viel mehr Möglichkeiten, ihre Portfolios auszugleichen, sondern die Infrastruktur der Interkonnektoren wurde auch optimal genutzt, mit einem positiven Effekt auf das gesamte Stromsystem.
Zum Vergleich: Im Jahr 2017 wurden im Schnitt 173 GWh pro Monat auf dem Schweizer Intraday Markt gehandelt – über 40% davon waren grenzüberschreitend. Von Juli bis Dezember 2018, nach dem XBID-Start, waren es nur noch durchschnittlich 34 GWh pro Monat.
Welchen Ausweg suchen die Schweizer Handelsteilnehmer?
Natürlich haben Händler theoretisch die Möglichkeit, Grenzkapazitäten explizit zu nutzen: Das heisst, sie erwerben die Grenzkapazität separat und im Voraus und nutzen sie dann gezielt für einen grenzüberschreitenden Handel. Praktisch ist dies jedoch nicht von Nutzen, denn der Intraday-Markt zeichnet sich durch seine Kurzfristigkeit und Dynamik aus. Strom wird sogar in 15-Minuten- Tranchen gehandelt und lokal bis zu 5 Minuten vor Lieferung. Auf einem Markt, auf dem fast 20% der Gebote in der letzten Stunde vor Lieferung gesendet werden, bleibt dem Händler kaum Zeit für den kurzfristigen Einkauf der Grenzkapazität
Wie reagiert die Strombörse auf die verzwickte Situation?
Die Börse ist ihren Marktteilnehmern mit einer Erweiterung des Produktportfolios entgegengekommen: Im April 2019 hat die EPEX SPOT neue Intraday Auktionen lanciert, welche mit Italien gekoppelt sind. Diese Auktionen bündeln zwei Mal am Tag die Liquidität und ermöglichen eine grenzüberschreitende Vermarktung des Stroms. Bereits 436 GWh wurden seit dem Start auf diesen Auktionen gehandelt.