Der wachsende Bedarf an Flexibilität auf Verteilnetzebene
Das Verteilnetz wurde für ein weitgehend vorhersehbares Muster ausgelegt: Zentrale Erzeugung versorgt einen Verbrauch, der innerhalb bekannter, berechenbarer Grenzen schwankt. Die Realität sieht heute schon anders aus und Erzeugung und Verbrauch werden sich auch in den kommenden Jahren weiter verändern. Lokale Solarerzeugung, Wärmepumpen, Batterien und das Laden von Elektrofahrzeugen (EV) erzeugen Last- und Einspeisespitzen, die grösser und schwerer vorhersehbar sind als jene, für die das Netz ausgelegt wurde – eine Folge der Volatilität erneuerbarer Energien. Die Schweizer Regulierung reagiert bereits auf diesen Wandel. Eine neue Flexibilitätsregulierung, die seit 2026 in Kraft ist, gibt Lieferanten und Verbrauchern neue Möglichkeiten, Flexibilität vermehrt zum Nutzen des Netzes einzusetzen [1].
Auch europaweit ist die zunehmende Netzüberlastung längst kein Randphänomen mehr. Eine im Mai 2025 veröffentlichte Studie von Beyond Fossil Fuels, E3G, Ember und IEEFA zeigt, dass Netzkapazitätsengpässe allein in sieben europäischen Ländern im Jahr 2024 zu geschätzten 7,2 Milliarden Euro an abgeregelter erneuerbarer Energie führten, während rund 1'700 GW an Erneuerbaren-Projekten weiterhin auf einen Netzanschluss warten [2].
Der Netzausbau ist eine mögliche Antwort, aber kapitalintensiv und langsam im Vergleich zum Tempo, in dem dezentrale Anlagen installiert werden. Der ergänzende Hebel ist die nachfrageseitige Flexibilität. Gebäude und EV-Ladestationen verschieben den Zeitpunkt, zu dem sie Strom beziehen oder einspeisen. So bedient die bestehende Netzkapazität mehr Nachfrage, ohne dass lokale Engpässe entstehen. Das senkt zugleich den Investitionsbedarf für die Netzinfrastruktur [3,4].
Drei Rollen koordinieren: Netzbetreiber, Gebäudebetreiber, Orchestrator
Um nachfrageseitige Flexibilität in der Praxis nutzbar zu machen, müssen drei Parteien miteinander verbunden werden:
- Netzbetreiber wissen, wo und wann lokale Engpässe auftreten.
- Gebäude- und Flottenbetreiber verfügen über die dezentralen Energieressourcen, wie Batterien, EV-Ladestationen, Wärmepumpen und Solaranlagen. Zugleich verantworten sie den Komfort und das Serviceniveau, das ihre eigenen Nutzerinnen und Nutzer erwarten.
- Dazwischen liegt eine Orchestrierungsebene. Sie prognostiziert die Nachfrage, optimiert den lokalen Einsatz der Anlagen und übersetzt die Anfrage eines Netzbetreibers in eine Steuerungsmassnahme. Anschliessend meldet sie ein überprüfbares Signal zurück, auf das sich der Netzbetreiber verlassen kann.
Den Nachweis für das optimierte Zusammenspiel dieser drei Rollen sollten die beiden folgenden Pilotprojekte erbringen: das eine von kuafu mit Energie 360° und Smart Energy Link, das andere von kuafu mit Energie 360°, ewz und SmartGridReady. Sie gingen zwei Fragen nach. Erstens: Können die Energieressourcen eines Gebäudebetreibers auf Netztarife reagieren, ohne den Service für die Nutzerinnen und Nutzer zu beeinträchtigen? Zweitens: Lässt sich die daraus resultierende Flexibilität einem Netzbetreiber in Echtzeit melden und von diesem begrenzen, um Engpässe zu bewältigen?
Erkenntnisse aus der Praxis
Im ersten Pilotprojekt, einer Zusammenarbeit zwischen kuafu, Energie 360° und Smart Energy Link, wurden zwei Standorte genutzt. Bei der Wohnüberbauung Arrivo in Kloten wurde eine 40-kW-/80-kWh-Batterie in Kombination mit einer 120-kWp-Solaranlage mit der prädiktiven Steuerung von kuafu betrieben. Ziel war es, über einen Testzeitraum von Juni bis September 2025 den Eigenverbrauch zu optimieren und Lastspitzen zu glätten. Smart Energy Link stellte die Gateways bereit, über die kuafu mit den Anlagen im Gebäude kommunizierte, und lieferte Echtzeitdaten zur Energiebilanz, zum Verbrauch und zur Produktion des Standorts. Zudem stellte das Unternehmen sicher, dass ein Kommunikationsausfall den Netzanschluss nicht überlasten konnte.
Abbildung 1 zeigt den resultierenden Betrieb an einem einzelnen, repräsentativen Tag. Die prädiktive Steuerung von kuafu prognostiziert das Lastprofil des Standorts (rote Kurve, obere Abbildung), einschliesslich der abendlichen Spitzenlast. Sobald Solarstrom verfügbar ist, lädt sie die Batterie schon früher am Tag vor (orange Linie) und maximiert so den Eigenverbrauch. Konventionelle Spitzenlastregler stützen sich in der Regel auf einen fest vorkonfigurierten Schwellenwert. Die Steuerung von kuafu prognostiziert die Spitze hingegen im Voraus und steuert die Entladung der Batterie automatisch, was den Netzbezug reduziert. Im Vergleich zur Standard-Benchmark-Steuerung verbesserte dies die Kostenreduktion im Testzeitraum um 72%.