Urs Bieri, was sticht für Sie bei den Wahlen 2023 heraus?
Jede Wahl bringt Unerwartetes. Für mich sticht unter anderem die Abwahl der Grünen Ständerätin Lisa Mazzone aus Genf heraus. Die grösste Überraschung war aber etwas, das gar nicht eingetroffen ist: Die Covid-Pandemie, ein Jahrhundertereignis, hatte keinen Einfluss auf die Wahl. Von den massnahmen- und systemkritischen Stimmen ist nichts geblieben. Das zeigt, wie schnelllebig die heutige Zeit ist. Ein Ereignis kann heute prägend und morgen schon vergessen sein.
Trifft das auch auf die Sorge um das Klima zu?
Ja und Nein. Die Klimakrise wird weiterhin als grosses Problem in der Bevölkerung wahrgenommen, das sehen wir im Sorgenbarometer. Das Klima ist nach wie vor sehr präsent und wichtig. Es war aber definitiv keine Klimawahl wie vor vier Jahren. Andere, vor allem auch emotional diskutierte Themen wie Zuwanderung, Gesundheitskosten oder Kaufkraft prägten den öffentlichen Diskurs im Wahljahr und rückten das Klima in den Hintergrund.
Sie sprechen von einer «Stabilitätswahl». Verändert sich die Energiepolitik unter dem neuen Parlament?
Das ist schwierig abzuschätzen. Im Parlament haben wir weiterhin die beiden Pole, die sich in vielen Fragen konträr gegenüberstehen. Das rechtskonservative, bürgerliche Lager hat insgesamt bei den Wahlen zugelegt, ist aber klar von einer Mehrheit entfernt. Vieles wird also wie bis anhin von der gestärkten Mitte abhängen, und diese ist nicht bekannt für eine rechtsbürgerliche Energiepolitik. Was wir in den Befragungen deutlich sehen, ist, dass die Bevölkerung Lösungen erwartet. Die Energiewende voranzutreiben, wird als zentrale Aufgabe des neuen Parlaments gesehen. Wichtiger ist nur, die steigenden Gesundheitskosten in den Griff zu kriegen.
Die Bevölkerung möchte mehr Tempo bei der Energiewende. Trotzdem fehlt oft Akzeptanz beim Ausbau der erneuerbaren Energie. Warum?
Im Grundsatz besteht eine hohe Akzeptanz für die erneuerbaren Energien und deren Ausbau. Im Einzelfall zeigen sich aber unterschiedliche Konfliktlinien, die es schon länger gibt und die bleiben werden. Seien es Kosten, die das eigene Portemonnaie belasten, Widerstand aus dem grün-ökologischen Lager oder rechtskonservative Opposition etwa in Form des Landschaftsschutzes, die die Heimat partout nicht verbaut sehen will. Sie bleiben Stolpersteine für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Wir sehen auch immer wieder in verschiedenen Abstimmungen, dass Verbote in der Regel auf wenig Zustimmung stossen.