Glasfasernetze entlang von Pipelines erhöhen die Resilienz des Versorgungssektors mit dem SSUN

10.02.2026 PerspectivE
Die Schweizer Versorgungsunternehmen wurden dezentral und unabhängig aufgebaut – doch die zunehmende digitale Vernetzung stellt diese Grundlagen auf die Probe. Mit wachsendem regulatorischem Druck und steigenden Cyberrisiken bietet das Secure Swiss Utility Network (SSUN) eine konsequent auf Resilienz ausgerichtete Alternative zu Standleitungen und internetbasierter Konnektivität.
Gastautor
Sergio Milesi
CEO von GAS&COM
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Versorgungsunternehmen sind das Rückgrat unserer Gesellschaft. Strom, Gas, Wasser und Fernwärme versorgen Krankenhäuser, Schulen, Finanzsysteme, den öffentlichen Verkehr, Rettungsdienste und staatliche Einrichtungen. Wenn diese Systeme wie vorgesehen funktionieren, sind sie der Inbegriff «nahtloser Lösungen». Wenn sie versagen, sind die Folgen unmittelbar und weitreichend – mit finanziellen Auswirkungen und realen Folgen für Menschen.

Ich bin seit Jahrzehnten in diesem Sektor tätig, heute als Teil des sichersten und schnellsten Glasfasernetzbetreibers der Schweiz. Was ich tagtäglich sehe, ist eine stark dezentralisierte Versorgungslandschaft mit Hunderten von Betreibern, die kritische Systeme betreiben und sicherstellen, dass essenzielle Dienstleistungen für Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen verfügbar bleiben.

Diese Dezentralisierung war historisch gesehen eine Stärke, da sie Verantwortlichkeit und operative Sicherheit fördert. Gleichzeitig zeigt sich jedoch, dass sich die dezentrale Struktur der Versorgungsbetriebe auch in den Cybersicherheitsstrategien des Sektors widerspiegelt: isoliert und privat.

Doch ein entscheidender Faktor verändert derzeit die Spielregeln: die zunehmende Vernetzung. Diese setzt private Leitungen unter enormen Druck, da sie nicht für ein solches Mass an Interkonnektivität ausgelegt sind. In der Folge greifen Versorgungsunternehmen vermehrt auf Internet-basierte Konnektivität zurück.

Es überrascht daher nicht, dass die regulatorischen Erwartungen parallel zur Digitalisierung und Vernetzung steigen. In der Schweiz verschärfen Rahmenwerke wie der ITK-Minimalstandard die Anforderungen an Cybersicherheit und Resilienz kritischer Infrastrukturen. International spiegeln Regulierungen wie NIS2 denselben Trend wider: höhere Anforderungen an die Cyberresilienz von Betreibern kritischer Dienste.

Kurz gesagt: Behörden erwarten von Strom-, Gas- und Wasserversorgern nachweisbare Resilienz – auch auf der Konnektivitätsebene. Genau hier bietet das Secure Swiss Utility Network (SSUN) aus meiner Sicht eine bessere Alternative zu bestehenden Lösungen.

Der Bedarf nach einem neuen Netzwerkmodell im digitalen Versorgungssektor

Traditionell setzten Betreiber kritischer Infrastrukturen zur Sicherstellung der Resilienz des Energiesystems auf private Leitungen (Punkt-zu-Punkt-Verbindungen), um Umspannwerke, Leitsysteme und Betriebstechnologie (OT) zu verbinden.

Der klare Vorteil dieses Ansatzes liegt in der Isolation vom öffentlichen Internet, was ein hohes Mass an Sicherheit bietet. Private Leitungen können jedoch den wachsenden Anforderungen eines zunehmend verteilten Versorgungssektors nicht mehr gerecht werden – eines Sektors, der heute IoT-Geräte, Smart Meter sowie einen steigenden Bedarf an Fernzugriffen für Mitarbeitende und Feldeinsatzkräfte umfasst. Auf den ersten Blick erscheint das Internet als einzige praktikable Alternative.

Doch während das Internet Offenheit und globale Reichweite bietet, erzeugen genau diese Eigenschaften eine massive Angriffsfläche. Dienste, die für alle und überall erreichbar sind, lassen sich grundsätzlich schwerer absichern – unabhängig davon, wie ausgereift die Sicherheitsmassnahmen auf Anwendungsebene sind.

Kritische Infrastrukturen sind von Grund auf nicht dafür gedacht, für diese Anwendungsfälle auf das Internet angewiesen zu sein. Der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen erkannte daher den Bedarf nach einer Alternative: einem Netzwerkmodell, das hohe Resilienz und Sicherheit bietet und gleichzeitig moderne digitale Betriebsmodelle ermöglicht. Genau dafür wurde das Secure Swiss Utility Network (SSUN) konzipiert.

SCION SSUN – eine Koalition für die Anforderungen moderner Versorger

Zunächst ist festzuhalten: Das SSUN ist ein koalitionsbasiertes Netzwerk, aufgebaut auf dem SCION-Internet und mit klarer Governance, die definiert, wer Teil des Netzwerks sein darf. Diese Governance regelt nicht nur, welche Konnektivitätsanbieter teilnehmen können, sondern auch, welche Nutzer – konkret Strom-, Gas- und Wasserversorger – Zugang erhalten.

SSUN-Netzarchitektur mit Core-, Gate- und Edge-Anbindungen

Das SSUN ist halb-offen und ermöglicht es den Nutzern, diese Infrastruktur für unterschiedliche Anwendungsfälle zu nutzen. So wird beispielsweise die nationale Datenplattform gemäss der Stromversorgungsverordnung (StromVV) im Einklang mit den VSE Richtlinien zum standardisierten Datenaustausch über das SSUN betrieben. Darüber hinaus können Nutzer ihre eigenen kritischen Systeme auf dem SSUN betreiben und von folgenden Vorteilen profitieren:

  • Höhere Sicherheit: Das SSUN reduziert die Angriffsfläche im Vergleich zum Internet um bis zu 99,9%. Die Unsichtbarkeit für Angreifer senkt das Risiko von DDoS- und Ransomware-Angriffen erheblich.
  • Cyberresilienz: Nutzer profitieren von redundanter Konnektivität durch verschiedene Anbieter. Zusätzlich ermöglicht die Multi-Path-Funktion von SCION einen schnellen Failover: Fällt ein Pfad aus oder ist überlastet, wird der Datenverkehr innerhalb von weniger als einer Sekunde umgeleitet.
  • Souveränität: Das SSUN befindet sich ausschliesslich in der Schweiz und wird nur von Schweizer Nutzern und Dienstleistern betrieben. Sensible Daten werden somit nicht über ausländische oder nicht genehmigte ISPs oder Staaten geroutet.

Wie unser Glasfasernetz das SSUN zusätzlich resilient macht

Unsere Rolle im SSUN ist die eines Konnektivitätsanbieters – wir tragen damit insbesondere zur Anbietervielfalt bei, einem der zentralen Resilienzpfeiler des SSUN. Gemeinsam mit Axpo Systems, Cyberlink, Litecom, Sunrise und Swisscom bilden wir die Föderation der Konnektivitätsanbieter. Unser Beitrag zu diesem Verbund ist zusätzliche physische Resilienz.

Als Betreiber essenzieller physischer Netze in der Schweiz sind wir in einer einzigartigen Position, die Resilienzziele des SSUN zu stärken. Unsere Glasfaserinfrastruktur ist geografisch verteilt und bietet eine landesweite Abdeckung mit einem rund 6.000 km langen «Backbone». Dieses Kernnetz verläuft unabhängig von anderen ISP-Trassen entlang von Pipelines und unterliegt strengen Sicherheits- und Regulierungsauflagen. Dadurch zählt es zu den sichersten Glasfasernetzen der Schweiz.

Schweizweites Glasfasernetz von GAS&COM mit Haupttrassen und eigenen Repeater-Stationen

Besonders stolz sind wir darauf, dass unser Glasfaser-Backbone alle zwei Wochen inspiziert wird – zu Fuss, mit Fahrzeugen und per Luftüberwachung. Zusätzlich setzen wir klare Regeln um, um das Risiko von absichtlichen oder unbeabsichtigten Störungen weiter zu reduzieren: Leitungen Dritter halten einen Mindestabstand von zehn Metern zu Pipelines und Kabelschutzrohren ein, während Strassen, Bahnlinien und Wasserwege einen Mindestabstand von zwei Metern einhalten.

Auf dieser physischen Grundlage entwickeln, betreiben und liefern wir kundenzentrierte Glasfaser-Konnektivitätslösungen für Verbindungen in der Schweiz, Liechtenstein und den angrenzenden Ländern. Diese Infrastruktur steht nun auch dem Secure Swiss Utility Network zur Verfügung. Das SSUN bietet bereits Resilienz durch Anbietervielfalt und redundante Konnektivität. Unser Beitrag ergänzt dies um eine zusätzliche Ebene: besonders geschützte physische Infrastruktur, die selbst in Energiemangellagen betriebsfähig bleibt. Dank Backup-Systemen können wir Konnektivität bei Störungen sofort wiederherstellen und so die Resilienz der kritischen Kommunikationsprozesse im SSUN weiter stärken.

Quelle: Erdgas Ostschweiz AG
Schematische Darstellung von einem Fernmeldekabel im Bereich unterirdischer Infrastrukturen
Quelle: Erdgas Ostschweiz AG

Reale Anwendungsfälle für Versorgungsunternehmen ermöglichen

Der Mehrwert des SSUN wird besonders deutlich im Kontext eines Versorgungssektors, der sich zunehmend digitalisiert.

Typische Einsatzszenarien des SSUN für kritische Infrastrukturen und digitale Services

Im Rahmen der Energiestrategie 2050 des Bundes müssen beispielsweise bis Ende 2027 80% aller Messsysteme in einem Netzgebiet Smart Meter sein. Dadurch entstehen neue Bedrohungsszenarien: Angreifer könnten Schwachstellen in Head-End-Systemen ausnutzen, um Kundendaten zu stehlen oder den Netzbetrieb zu stören. Ebenso sind DDoS-Angriffe auf Smart-Meter-Head-End-Systeme denkbar, die die gesamte Energieinfrastruktur lahmlegen könnten. Angesichts von Millionen von Endgeräten ist es kaum möglich, jedes einzelne vollständig abzusichern Versorgungsunternehmen können stattdessen das Head-End-System schützen, indem sie es auf dem SSUN betreiben. Dadurch wird die Angriffsfläche automatisch reduziert und die Cyberresilienz erhöht.

Weitere Anwendungsfälle sind IoT-Geräte, kritische Web-Services für den Fernzugriff durch Mitarbeitende im Homeoffice und im Feldeinsatz sowie die Anbindung von Leitstellen. All diese profitieren von einem Netzwerk mit klarer Governance, reduzierter Angriffsfläche und Anbietervielfalt.

Mit dem Ausbau digitaler Dienste und der Integration neuer Technologien wird die Nutzung eines sicheren, sektorspezifischen Netzwerks zu einem strategischen Vorteil. Das SSUN ermöglicht die natürliche digitale Weiterentwicklung des Versorgungssektors, ohne Kompromisse bei Sicherheit oder Compliance einzugehen.

Besonders wichtig ist dabei die Resilienz eines Netzwerks, das speziell für Schweizer Versorgungsunternehmen entwickelt wurde. Gleichzeitig ermöglicht das SSUN eine sichere Zusammenarbeit innerhalb eines hochgradig dezentralisierten Ökosystems, ohne die Kontrolle an ausländische Infrastrukturen abzugeben. In einem geopolitischen Umfeld, in dem Netze und Daten zunehmend als strategische Mittel eingesetzt werden, ist diese Kontrolle von zentraler Bedeutung.

Ein Modell für die Schweiz von morgen

Die Schweiz gilt bereits heute als internationales Referenzbeispiel für SCION-basierte kritische Netzwerke mit hoher Resilienz gegenüber Cyberangriffen. Über das Secure Swiss Finance Network tauschen mehr als 300 Finanzinstitute täglich bis zu 300 Milliarden Schweizer Franken aus – bislang ohne Ausfälle oder Sicherheitsvorfälle. Das SSUN überträgt diese Führungsrolle nun auf den Versorgungssektor und unterstützt dessen Transformation in die Zukunft bei gleichbleibend hohen Sicherheits- und Resilienzstandards.

Das Vertrauen in das SSUN als tragende Säule der Cybersicherheitsstrategie des Schweizer Versorgungssektors wurde jüngst auch von der Eidgenössischen Elektrizitätskommission ElCom bestätigt. Sie hat entschieden, dass die Integrations- und Betriebskosten des SSUN als anrechenbare Netzkosten gelten.

Wir sind stolz darauf, mit unserem Glasfasernetz Teil des SSUN zu sein und Entscheidungsträgern im Versorgungssektor Sicherheit zu geben – nicht nur bei der Erfüllung regulatorischer Anforderungen, sondern vor allem beim Erhalt des gesellschaftlichen Vertrauens in die Versorgungsinfrastruktur. Mit dem SSUN zeigt die Schweiz bereits heute, wie diese Zukunft aussehen kann – und wir sind ein wesentlicher Teil dieser Geschichte.

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