Der Schweizer Herkunftsnachweis – Ein Blick hinter die Kulissen

16.01.2026 PerspectivE
Herkunftsnachweise (HKN) haben sich in den letzten Jahren von einem eher technischen Verwaltungsinstrument zu einem zentralen Baustein der Energiewirtschaft entwickelt. Sie sind essenziell, um Kundinnen und Kunden transparent darzustellen, aus welchen Quellen ihr Strom stammt. Gleichzeitig steigen regulatorische Anforderungen, der Markt wird komplexer und die Erwartungen der Endkunden wachsen.
Gastautor
Christoph Meier
Energieberatung Meier
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Energieversorger (EVU) stehen zunehmend unter Druck: Transparenz, neue Gesetzestexte (Mantelerlass), strategische Beschaffung, verlässliche Prozesse, all das bildet heute die Grundlage eines strukturierten HKN-Managements. Als jemand, der seit Jahren mit Schweizer EVUs zusammenarbeitet, beobachten wir die zunehmende Dynamik im Markt aus nächster Nähe: Die Anforderungen steigen, die Abläufe verdichten sich, und die Fehleranfälligkeit wächst. 

Dieser Artikel soll einen verständlichen, praxisnahen Überblick geben: 

  • Wie funktionieren Herkunftsnachweise? 
  • Wie sieht der Markt heute aus? 
  • Welche Herausforderungen prägen den Alltag der EVUs? 
  • Und vor allem: Welche neuen regulatorischen Vorgaben verändern den Markt in den kommenden Jahren grundlegend, und was kann man dagegen unternehmen?

Was ist ein Herkunftsnachweis?

Herkunftsnachweise sind elektronische Zertifikate, die belegen, aus welcher Energiequelle Strom produziert wurde. Für jede erzeugte Megawattstunde entsteht genau ein HKN, unabhängig davon, wie der Strom physisch fliesst. Diese Entkoppelung ist entscheidend: Strom aus unterschiedlichen Kraftwerken vermischt sich physisch im Netz, doch der HKN dokumentiert die Herkunft der produzierten Energie. 

Die Schweiz verwaltet das System über Pronovo, das alle registrierten Produktionsanlagen sowie Ausstellung, Handel und Entwertung der Zertifikate betreibt. Dadurch ist der gesamte Lebenszyklus eines HKN digitalisiert und international anschlussfähig. Denn HKN können auch über Landesgrenzen hinweg gehandelt werden, ein wesentlicher Faktor für die Beschaffung vieler EVUs.

Der Prozess im Detail

Der HKN-Prozess umfasst mehrere Schritte, die je nach EVU unterschiedlich komplex ausfallen:

  1. Produktion - Erfassung der Erzeugungsmengen
  2. Generierung - Ausstellung der HKN durch Pronovo
  3. Handel - Bilaterale Geschäfte, Händler oder Plattformen
  4. Zuteilung - Zuordnung zu Produkten und Kundensegmenten
  5. Entwertung - Nutzung für Stromkennzeichnung

Der Schweizer Markt heute

Der Markt ist stark geprägt durch die traditionelle Schweizer Wasserkraft. Wasserkraft-HKN dominieren die Mengen, auch wenn der Ausbau der Solarproduktion spürbar zunimmt. Die Nachfrage nach Schweizer Solarenergie wächst allerdings langsamer als das Angebot, da viele Energieversorger Ihren Produktemix hierzu anpassen müssten. Viele Energieversorger decken ihren Bedarf zusätzlich mit europäischen HKN, etwa aus norwegischer Wasserkraft. 

Gleichzeitig machen neue Gesetzestexte den Einkauf europäischer HKN nicht mehr unbeschränkt möglich. Dies dürfte den Preis der Schweizer Herkunftsnachweise voraussichtlich weiter steigen lassen, da nicht mehr so einfach auf oftmals günstigere europäische Möglichkeiten gewechselt werden kann. Man rede von quartalsweiser Beschaffung und dem geforderten Mindestanteil von 2/3 Schweizer Erneuerbar. 

Hinzu kommt eine zunehmende Preisvolatilität: Die Märkte sind dynamischer geworden, Angebot und Nachfrage reagieren sensibel auf Wetterjahre, politische Entwicklungen und regulatorische Änderungen. Kleine und grosse EVUs verfolgen oft sehr unterschiedliche Beschaffungsstrategien, von langfristigen Rahmenverträgen bis hin zu kurzfristigen Marktkäufen.

Abbildung 1: Die Grafik zeigt die monatlichen Stromerzeugungsanteile nach Energieträgern sowie den Landesverbrauch im Kalenderjahr 2024.

Herausforderungen der Energieversorgungsunternehmen

Energieversorgungsunternehmen stehen heute vor einer Vielzahl ineinandergreifender Herausforderungen. Der tiefgreifende Wandel des Energiesystems, getrieben durch Dekarbonisierung, Dezentralisierung und Digitalisierung, verändert Märkte, Prozesse und regulatorische Anforderungen zugleich. Für viele EVUs bedeutet dies, dass gewachsene Strukturen und etablierte Arbeitsweisen zunehmend an ihre Grenzen stossen:

  • Operativ sind viele EVUs nach wie vor mit stark fragmentierten Prozessen konfrontiert: Daten liegen verteilt in Systemen wie Pronovo, in Excel-Listen oder in unterschiedlichen ERP-Lösungen. Diese Medienbrüche führen zu manuellen Einzelschritten und erhöhen die Fehleranfälligkeit – insbesondere in sensiblen Phasen wie der jährlichen Entwertung und der Stromkennzeichnung.
  • Gleichzeitig verschärfen sich die Herausforderungen auf der Marktseite. Der starke Zubau regionaler Photovoltaikanlagen wirft für viele Versorger grundlegende Fragen auf: Sollen Herkunftsnachweise abgenommen werden – und wenn ja, zu welchen Konditionen? Die Integration langfristiger Abnahmeverträge ist für viele EVUs noch ungewohnt und mit erheblicher Komplexität verbunden, insbesondere wenn Marktmechanismen, Risikoverteilung und regulatorische Vorgaben zusammenspielen.
  • Hinzu kommt ein zunehmend anspruchsvolles regulatorisches Umfeld. Verschärfte Dokumentationspflichten, neue Gesetzestexte wie der Mantelerlass sowie komplexere Anforderungen an Stromkennzeichnung und Kontrollen erhöhen den administrativen Aufwand spürbar. Gerade hier zeigt sich die Bedeutung transparenter, nachvollziehbarer Prozesse. Viele kleine und mittelgrosse EVUs verfügen jedoch nicht über die notwendigen personellen oder technischen Kapazitäten, um diese Anforderungen effizient zu erfüllen. Entsprechend werden unterschiedliche Lösungsansätze diskutiert – von Softwarelösungen über Kooperationen bis hin zum Einbezug externer Dienstleister.

Neue Spielregeln für den HKN-Markt: Der Mantelerlass im Überblick

Die kommenden Jahre bringen tiefgreifende Veränderungen. Seit 2025 und ab 2027 und 2028 treten stufenweise neue Vorgaben in Kraft, die den HKN-Markt nachhaltig verändern werden.

Abbildung 2: Die Grafik zeigt die stufenweise Einführung des Mantelerlasses mit zentralen regulatorischen Anforderungen für die Jahre 2025 bis 2028.

Änderungen zur Stromkennzeichnung (seit 2025): Mit der Einführung der gesetzlichen Vorgaben anfang 2025 gelten für die Stromkennzeichnung ab dem Lieferjahr 2025 und in den Folgejahren erweiterte Anforderungen. EVUs sind verpflichtet, den Lieferantenmix sowie den Produktemix exakt auszuweisen und diese Angaben transparent in der Stromkennzeichnung darzustellen. Zusätzlich müssen die entstandenen CO₂-Mengen sowie, bei Kernenergieanteilen, der produzierte Kernabfall ausgewiesen werden.

Pflicht zur Eigenproduktion oder erweiterten Eigenproduktion (ab 2026): Ab 2026 müssen EVUs mindestens 20 Prozent ihrer Grundversorgung über eigene oder erweiterte Eigenproduktion decken. Ziel des Gesetzgebers ist eine gewisse Preisstabilität für Kunden zu gewährleisten. Für EVUs bedeutet dies Investitionen in Anlagen oder Beteiligungsmodelle, bei denen sie sowohl Energie als auch HKN übernehmen. 

Quartalsgenaue Stromkennzeichnung und Beschaffung (ab 2027): Der wohl grösste Einschnitt: Ab 2027 muss jede verbrauchte Kilowattstunde mit einem HKN desselben Quartals gedeckt werden. Der Markt wird dadurch deutlich granularer, die Beschaffung komplexer. Die HKN-Beschaffung rutscht von einem Randthema mehr in den Mittelpunkt, um den neuen Anforderungen gerecht zu werden.

Diese Umstellung vervielfacht die Komplexität:

  • mehr Datenpunkte (ein Produkt muss auf Quartalsebene aufgeteilt werden)
  • der Aufbau einer strukturierten Beschaffungsstrategie wird zur Notwendigkeit
  • höhere HKN-Preise (4 verschiedene Preise anstatt einem)
  • erhöhter Dokumentationsaufwand
  • höhere Transparenzanforderungen
  • fehleranfällige Prozesse, falls sie nicht automatisiert sind

Schweizer Erneuerbare in der Grundversorgung (ab 2028): Ab 2028 müssen mindestens 66 Prozent des Standardproduktes der Grundversorgung durch erneuerbare Schweizer Energie abgedeckt sein. Das erhöht den Druck auf die Inlandproduktion massiv. In Jahren mit wenig Regen oder geringer Solarproduktion können Last-Minute-Einkäufe nicht mehr möglich sein. Strategische Mehrjahresplanung wird wichtiger denn je.

Wachsende Komplexität im HKN-Management: Die quartalsgenaue Deckung erhöht Datenmengen und Fehlerpotenzial. Schweizer HKN,  insbesondere solche mit quartalsscharfer Zuordnung, sind teuer und oftmals gar nicht zu finden auf den Märkten. Fehlkäufe verursachen hohe Kosten, Unterdeckungen bergen Risiken. Das Mengenmanagement wird zu einem anspruchsvollen Balanceakt, der Arbeitsaufwand steigt massiv. Entsprechend gewinnt der Aufbau strukturierter Beschaffungsstrategien stark an Bedeutung.

Zukunftsthemen, Markttrends und verschiedene Lösungsansätze

Die stufenweise Einführung neuer regulatorischer Vorgaben wirkt sich entlang der gesamten HKN-Wertschöpfung aus – von der Verfügbarkeit und Preisbildung über die Beschaffungsstrategie bis hin zu Prozessen, Systemen und Kooperationsmodellen.

Engpässe und steigende Preise für CH-HKN: Die neuen regulatorischen Vorgaben führen zu einer deutlichen Verknappung von Schweizer Zertifikaten. Schweizer erneuerbare und quartalsscharfe HKN werden zu begehrten Premiumprodukten. Preissteigerungen sind fast unausweichlich.

Bedeutungszuwachs von langfristigen Beschaffungsstrategien: PPAs und Beteiligungsmodelle werden essenziell, um Versorgungssicherheit und Preiskontinuität zu gewährleisten. EVUs müssen Szenarien entwickeln, die sowohl 2025 als auch 2027 und 2028 berücksichtigen und die dabei nicht nur HKN, sondern ganze Anlagenportfolios einbeziehen.

Zunehmende Digitalisierung des HKN-Lebenszyklus: Excel war lange das Standardwerkzeug vieler EVUs, doch mit den neuen Anforderungen stösst es endgültig an seine Grenzen:

  • fehlende Prozesssicherheit
  • unklare Historien
  • hoher manueller Aufwand
  • Wissensverlust durch Personalwechsel (dies passiert im Schnitt alle zwei bis drei Jahre)
  • zunehmende Datenmenge (Einkäufe, Lieferungen, Produkte – alles "mal vier")
  • steigende Komplexität durch Zusammenschlüsse von EVUs

Zusammenschlüsse, Kooperationen, und externe Dienstleister: Es entstehen zunehmend Ansätze, bei denen Energieversorger über Kooperationen in unterschiedlichen Themengebieten zusammenarbeiten oder vollständige Übernahmen prüfen. Parallel dazu binden einige Energieversorger externe Dienstleister ein, um beispielsweise das Thema Herkunftsnachweise und Stromkennzeichnung ganz oder teilweise auszulagern.

Fazit

Herkunftsnachweise sind heute ein zentraler Bestandteil der Energieversorgung und werden es in Zukunft noch stärker sein. Mit den kommenden regulatorischen Änderungen stossen viele kleine und mittelgrosse EVUs an ihre Grenzen. Der Markt wird dynamischer, teurer und anspruchsvoller. Für EVUs bedeutet das:

  • Digitalisierung
  • Beschaffungsstrategien
  • Externe Dienstleister
  • Kooperationen mit anderen Energieversorgern

Wer diese Herausforderungen aktiv angeht, kann nicht nur Gesetzeskonformität sicherstellen, sondern auch Kundinnen und Kunden einen echten Mehrwert bieten. Wer weiterhin auf manuelle Abläufe setzt, riskiert steigenden Aufwand, höhere Kosten und operationelle Risiken.

Über die Energieberatung Meier 

Die Energieberatung Meier unterstützt Schweizer Energieversorger und Industriekunden im Bereich Herkunftsnachweise und Stromkennzeichnung. Neben dem klassischen Handel mit HKNs für Strom und Gas hat die Energieberatung Meier eine Plattform entwickelt, welche direkt auf den Schweizer Markt zugeschnitten ist und allen gesetzlichen Anforderungen entspricht. Sie macht den Prozess transparent und nachvollziehbar, ermöglicht eine einfache quartalsscharfe Abdeckung und erstellt die Stromkennzeichnung auf Knopfdruck. Zu guter Letzt unterstützt das Unternehmen seine Kunden auch im Bereich der Energieeffizienz – sei es durch Auskünfte und Beratung oder durch die direkte Abwicklung von Anfragen zum Kauf oder Verkauf von Effizienzbescheinigungen. 

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