Die Umsetzungsphase wurde durch ein grosses Kick-Off-Event eingeläutet, zu welchem alle Mitarbeitenden eingeladen wurden. Dabei ging es vor allem darum, die Zusammengehörigkeit zu stärken und dem Ziel, die Zusammenarbeit auf eine neue Ebene zu bringen, zu dienen. In der Umsetzungsphase wurden in Workshops das gemeinsame Verständnis für die Zuteilung von Ressourcen, die Zusammenarbeit mit den anderen Bereichen der Unternehmung sowie eine Basis für ein neues Führungsverständnis erarbeitet.
Die Steuerung der Umsetzung wurde per 1. Januar 2025 an ein internes Führungsgremium, das durch eine interne Stabsabteilung unterstützt wird, übertragen. Ein gemeinsamer Workshop Ende März 2025 stellte die Übergabe der Verantwortung vom Projekt an die Linie / Führung sicher und beendete gleichzeitig den Auftrag der externen Prozessbegleitung.
Lessons learned
Der Zeitfaktor:
Die Zeitvorgabe war äusserst eng (Start des Projektes Anfang 2024, Umsetzung der Organisation per 1. Juli 2024). Es zeigte sich, dass diese Zeitvorgabe innerhalb der direkt betroffenen Bereiche – unter grossem Druck und Anstrengung – einzuhalten war, der Einbezug und die Abstimmung mit dem Rest der Unternehmung allerdings mehr Zeit brauchte, als anfänglich durch die Auftraggeber veranschlagt. Diese Zeit konnte das Projektteam gut nutzen, um die Messung der Zielerreichung («Kompass») und die Leitgedanken für die Umsetzung mit den Auftraggebern zu erarbeiten sowie einen professionellen Kick-Off mit allen Mitarbeitenden zu organisieren. Gleichzeitig gab dies etwas Ruhe, um die Umsetzungsphase zu planen.
Die verfügbare Zeit der Auftraggeber und des Projektteams, insbesondere auch im Hinblick auf die Dokumentation / PMO, war während der gesamten Dauer des Projektes eine Herausforderung. Eine für alle zufriedenstellende Abstimmung mit den Auftraggebern konnte erst bei der Planung der Umsetzung gefunden werden. Eine noch stärkere Einbindung der Auftraggeber bzw. ein engerer Austausch wäre wünschenswert gewesen. Die Abstimmung zwischen den beiden Auftraggebern, welche zwei sehr unterschiedliche Bereiche vertraten, bedingte ein sehr gutes Ausbalancieren der Interessen von Seiten der Berater:innen. Schliesslich zeigte sich ebenfalls, dass das Verständnis von Prozessberatung mit einem systemischen Ansatz, welches sich von einer Expertenberatung stark unterscheidet, eine noch klarere Rollenklärung zwischen Projektleitung / Dokumentation und Prozessberatung benötigt hätte.
Information:
Der Informationsprozess wurde in den Projektsitzungen immer wieder angesprochen und geplant. Die Umsetzung erwies sich allerdings als schwierig. Möglich ist, dass die Informationsmenge in der Unternehmung heute schon so gross ist, dass keine weitere Information verarbeitet werden kann. Möglich ist ebenfalls, dass in einer sehr stark strukturierten Organisation nur wirklich gesicherte Informationen kommunizierbar sind und «work in progress» schwierig zu vermitteln ist.
Partizipatives Vorgehen:
Das Projekt war die grösste Organisationsentwicklung der Firma, seitdem es sie gibt. Die Anzahl betroffener Personen war mit ca. 500 Menschen sehr gross. Das sehr stark partizipative Verfahren, der konstante Dialog und das Aufnehmen der Inputs der Mitarbeitenden waren Erfolgsfaktoren für die ruhige Umsetzung sowie das Gelingen eines neuen Verständnisses der Zusammenarbeit.
Kultur:
Die beiden betroffenen Bereiche waren in sehr unterschiedlichen Entwicklungsphasen. Dies bedeutet, dass diese beiden Bereiche ein komplett anderes Verständnis der Arbeit hatten. Am Anfang des Projektes wurde sehr viel zwischen «wir» und «die anderen» unterschieden. Indem viele sozialkünstlerische und partizipative Methoden angewendet wurden, entstand vermehrt ein übergreifendes «Wir-Gefühl». Gewisse Unterschiede sind weiterhin vorhanden, welche auch den unterschiedlichen Kontexten der Bereiche geschuldet sind. Dennoch konnte durch das regelmässige Zusammenkommen ein gegenseitiges Verständnis geschaffen werden, welches es möglich macht, dass nun Querschnittsfunktionen für beide Bereiche arbeiten können. Ob und wieviel Annäherung / Einheitlichkeit aufgrund der unterschiedlichen Rahmenbedingungen notwendig ist, wird weiterhin ein laufendes Thema in der Umsetzungsphase – welche aus der neu definierten Struktur heraus weitergeführt wird – sein. Aus Sicht systemischer Organisationsentwicklung ist ein Reorganisationsprojekt nicht damit abgeschlossen, dass die neue Organisation definiert ist und die Mitarbeitenden ihre neue Position innehaben, sondern wenn das gesamte System wieder in einem eingeschwungenen Zustand ist. Dies braucht aufgrund von Lern- oder psychosozialen Prozessen Zeit – beispielsweise um sich neue Gewohnheiten anzueignen, Prozesse nach einer neuen Logik zu leben, ein neues Führungsverständnis zu entwickeln, usw. Oder anders formuliert: mit der «Umsetzung» in die neue Organisationsstruktur fängt die (Führungs-)Arbeit erst an.
Zusammenfassend sehen wir folgende Erfolgsfaktoren für ein Projekt einer solchen Grösse und Komplexität:
- Gute Abstimmung der Ziele mit den Auftraggebern. Herleitung eines klaren Vorgehenskonzepts auf Basis dieser Ziele. Flexibilität im Vorgehen aufgrund der Ergebnisse der Workshops.
- Offenheit der Auftraggeber für die Ergebnisse, insofern sie den Zielen zugutekommen. Keine vorgegebene Lösung im Kopf, sondern mit allen Inputs das Bestmögliche aufbauen. Unterstützende Auftraggeber zu einem offenen, partizipativen Vorgehen.
- Partizipatives Vorgehen: Einbindung der Betroffenen in Workshops und Resonanzgruppen. Hohes Engagement und Partizipation der Mitarbeitenden (mind. 20% waren bis Kick-Off in der einen oder anderen Form beteiligt), dadurch auch hohe Akzeptanz der Ergebnisse und Wille zur Umsetzung.
- Sehr engagierte Projektleiterin und engagiertes Projektteam. Klare und gut geführte Übergabe für die Umsetzung an ein internes Steuergremium mit Unterstützung durch einen Stab. Fokus auf die Ziele des Projektes und Vermeiden von zusätzlichen, über den Scope des Projektes hinausgehenden Wünschen («wenn ihr schon dran seid...»).
Fazit
Das Vorgehen mit der starken Partizipation hat es ermöglicht, eine grosse Reorganisation sehr ruhig und geordnet durchzuführen. Die sozialkünstlerischen Methoden, welche das Wissen der Mitarbeitenden nutzbar machen und die kognitiven Aspekte gut komplettieren, waren ein starker Erfolgsfaktor für das Projekt. Diese Methoden haben es auch ermöglicht, Aspekte der Zusammenarbeit klar zu adressieren und somit zu einem neuen Verständnis des gemeinsamen Wirkens beizutragen. Die Umsetzung bis in den eingeschwungenen Zustand liegt nun in der Verantwortung der Führungskräfte.