Der Pilot von Semax
Um praktische Erfahrungen mit dem SSUN und SCION zu sammeln, startete Semax im April 2025 ein Pilotprojekt. Ziel war eine sichere, zuverlässige und kontrollierbare End-to-End-Kommunikation zwischen Energieversorgungsunternehmen und der Amera-HES-SaaS-Lösung. Im Mittelpunkt stand der Prozess der Smart-Meter-Datenerfassung. Dafür wurden zwei Standorte an das SSUN angebunden: die Amera-HES-SaaS-Umgebung im Datacenter der Green Datacenter AG sowie die Smart-Meter-Umgebung am Standort der Semax AG in Cham.
Die Zielsetzung des Projekts war klar:
- Sicherheitsrisiken und Abhängigkeiten von bestehenden VPN-Konstrukten reduzieren
- Den administrativen Aufwand durch eine zentrale Netzwerkarchitektur minimieren
- Erfahrungen mit dem SSUN-Betriebsmodell sammeln
- Anforderungen an Compliance und Nachvollziehbarkeit unterstützen
- Die Integration einer bestehenden kritischen Anwendung in eine SCION-basierte Infrastruktur erproben
Der Pilot war damit bewusst praxisorientiert. Nicht die Technologie als Selbstzweck stand im Vordergrund, sondern die Frage, wie sie sich in eine bestehende Smart-Meter-Umgebung integrieren lässt.
Was die Einführung tatsächlich bedeutet
Die Aufnahme als SSUN-Teilnehmer erforderte zunächst eine intensive Auseinandersetzung mit den organisatorischen und technischen Anforderungen. Auch die physische Installation der Edges verlief an den beiden Standorten unterschiedlich. In Cham war die Installation vergleichsweise unkompliziert: Edge im Rack montieren, anschliessen und konfigurieren. Die Situation im Datacenter war komplexer. Aufgrund der dort geltenden Sicherheitsanforderungen waren zusätzliche Dokumente und organisatorische Schritte für den physischen Zugang erforderlich.
Auch die Prozesse rund um die Anmeldung und technische Integration befanden sich während des Piloten noch in der Entwicklung. Beim Anmeldeprozess waren mehrere Iterationen notwendig. Gleichzeitig mussten technische Fragen gemeinsam mit dem Netzwerkpartner Cyberlink geklärt werden.
Da das SSUN während der Pilotphase noch nicht vollständig betriebsbereit war, wurden Tests teilweise zunächst in anderen Isolation Domains durchgeführt.
Die Netzwerkkonfiguration wurde durch Cyberlink umgesetzt. Aus Sicht von Semax war dabei insbesondere die Zusammenarbeit zwischen Anwendung, Betreiber und Netzwerkpartner entscheidend.
Diese Erfahrungen zeigen: Der Wechsel auf eine neue Netzwerkarchitektur ist nicht ausschliesslich ein technisches Projekt. Ebenso wichtig sind klare Prozesse für Akkreditierung, Verantwortlichkeiten, Dokumentation, physische Zugänge und die Zusammenarbeit der beteiligten Organisationen.
«No news, good news»
Seit der Aufschaltung im November 2025 zeigt sich im laufenden Betrieb ein bemerkenswert unspektakuläres Bild. Der Prozess der Smart-Meter-Datenerfassung funktioniert. Die übrigen IT-Prozesse von Semax wurden durch die neue Netzwerkanbindung nicht beeinträchtigt. Aus Sicht der Organisation ist die Umstellung damit im Alltag kaum sichtbar. Genau das ist bei einer Infrastrukturkomponente ein positives Signal: Die Technologie muss nicht ständig Aufmerksamkeit erzeugen. Sie soll zuverlässig funktionieren und ihre Aufgabe im Hintergrund erfüllen.
Gleichzeitig ist es noch zu früh für eine abschliessende Bewertung der wirtschaftlichen Auswirkungen. Zum Zeitpunkt der bisherigen Erfahrungen prüften erst die ersten Amera-HES-Kunden eine Teilnahme am SSUN. Eine mögliche wirtschaftliche Wirkung ergibt sich insbesondere aus der Skalierung. Der Aufwand für die technische Erstanbindung eines Verteilnetzbetreibers fällt einmalig an. Danach können weitere Kommunikationsbeziehungen innerhalb der bestehenden SSUN-Infrastruktur aufgebaut werden, ohne für jeden neuen Partner erneut ein individuelles Netzwerk-Konstrukt entwickeln zu müssen.
Eine neue Ebene für die Kommunikation
Die Erfahrungen von Semax zeigen, dass die Diskussion um SSUN und SCION nicht auf die Frage «VPN oder SCION?» reduziert werden sollte. VPNs bleiben eine etablierte Technologie für zahlreiche Anwendungsfälle. Die grundsätzliche Herausforderung liegt vielmehr in der zunehmenden Zahl und Bedeutung digitaler Kommunikationsbeziehungen innerhalb des Energiesystems.
Mit der Energiewende werden immer mehr Komponenten digital eingebunden. Smart Meter, Photovoltaikanlagen, Speicher, Ladestationen und steuerbare Verbraucher erzeugen neue Datenströme und neue Anforderungen an Verfügbarkeit und Sicherheit. Damit verändert sich auch die Aufgabe der Netzwerkinfrastruktur. Statt immer mehr einzelne Verbindungen zu verwalten, kann eine gemeinsame, kontrollierte Kommunikationsinfrastruktur einen Teil dieser Komplexität auf eine höhere Ebene verschieben.
Das SSUN ist genau als solche Infrastruktur für die Schweizer Versorgungsbranche konzipiert. Es basiert auf SCION und bietet eine kontrollierte Umgebung für den sicheren Datenaustausch zwischen teilnehmenden Organisationen. Das SSUN ist seit dem 1. Juli 2025 verfügbar; der VSE sieht zudem eine zunehmende Einbindung von Marktpartnern in das Netzwerk vor.