Messkonzept-Matcher: Die verpflichtende Speichervorgabe des VSE digital gelöst

22.09.2026
Adrian Alioski
Head of Arctive Energy, Arctive AG
Dr. Damian Iltgen
Senior Software Engineer, Arctive AG
Manuel Graf
Teamleiter Meldewesen, AEW Energie AG
Neue regulatorische Vorgaben machen die Wahl des passenden Messkonzepts für Batteriespeicher komplex. AEW Energie AG und Arctive AG zeigen die digitale Lösung: Mit dem «Messkonzept-Matcher» wird das richtige Schema direkt und fehlerfrei in den Anschlussprozess integriert.
Disclaimer
PerspectivE ist eine Plattform innerhalb der Website des VSE, auf welcher der Verband Branche, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft die kostenlose Möglichkeit bietet, für die Branche relevante Fachbeiträge und Analysen zu publizieren. Externe Autorinnen und Autoren äussern in diesen Beiträgen ihre persönliche Meinung. Diese gibt nicht zwingend die Ansichten und Haltung des VSE wieder.

Mit dem überarbeiteten «Handbuch Speicher» (HBSP – CH 2025) hat der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) die Regeln für den Anschluss und Betrieb von Speichern an den Netzebenen 3 bis 7 neu geordnet. Hintergrund ist das Bundesgesetz über eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien, dessen Vorgaben für Speicher ab dem 1. Januar 2026 gelten. Für jeden Batteriespeicher ist seither – abhängig von seiner Konstellation – das passende Messkonzept festzulegen.

Worum es beim Messkonzept geht

Ein Messkonzept legt fest, an welchen Stellen und mit wie vielen Zählern die Energieflüsse einer Speicheranlage erfasst werden. Das ist anspruchsvoller, als es klingt: Das Handbuch hält fest, dass sich ein Speicher beim Laden «aus Netzsicht wie ein Endverbraucher» verhält und beim Entladen wie eine Energieerzeugungsanlage (EEA). Je nachdem, ob zusätzlich eine Produktionsanlage und ein Endverbrauch vorhanden sind und ob der Speicher aus dem Netz geladen bzw. ins Netz entladen wird, ändert sich die erforderliche Messanordnung.

Genau diese Fragen bildet der Entscheidungsbaum des Handbuchs ab – getrennt für AC- und DC-gekoppelte Speicher. Er führt zu klar definierten Fällen, von einem einzigen bidirektionalen Zähler beim reinen Speicher bis zu Anordnungen mit zwei oder drei Zählern, wenn Produktion, Verbrauch und Speicher zusammentreffen. Vom gewählten Messkonzept hängt Einiges ab: die Berechnung der abrechnungsrelevanten Daten, das Netznutzungsentgelt und dessen mögliche Rückerstattung, die Ausstellung von Herkunftsnachweisen (HKN) sowie die Vergütung der ins Netz eingespeisten Energie. Wird das falsche Konzept gewählt, fehlen womöglich Zähler – mit Folgen für Abrechnung und Bewilligung. Das richtige Messkonzept zu treffen, ist deshalb keine blosse Formalität.

Abb. 1: Entscheidungsbaum des VSE Handbuchs für DC-gekoppelte Speicher (Quelle: Handbuch Speicher, VSE, 2025)
Abb. 2: Entscheidungsbaum des VSE Handbuchs für AC-gekoppelte Speicher (Quelle: Handbuch Speicher, VSE, 2025)

Vom Prototypen zur produktiven Lösung

Genau hier setzt der Messkonzept-Matcher an, den AEW Energie AG gemeinsam mit Arctive AG entwickelt hat. Am Anfang stand ein schlanker Prototyp: In enger Abstimmung mit AEW bildete Arctive die Logik des Entscheidungsbaums in einer kleinen Applikation ab. Anwender:innen werden Schritt für Schritt durch dynamisch eingeblendete Fragen geführt – je nach Position im Entscheidungsbaum erscheinen nur die jeweils relevanten Fragen. Am Ende wird das passende Messkonzept samt offiziellem Schema aus dem VSE Handbuch angezeigt.

AEW war überzeugt und entschied, den Matcher in den laufenden Prozess für das Technische Anschlussgesuch (TAG) zu überführen. Dieser läuft – wie viele Geschäftsprozesse der AEW – auf der Plattform ServiceNow, mit Arctive als Schweizer ServiceNow-Partner an ihrer Seite. Damit gehört AEW zu den ersten Elektrizitätswerken, welche die neue Messkonzept-Vorgabe direkt und digital in einen bestehenden TAG-Prozess integriert haben. Die Platzierung war rasch gefunden, denn einige der entscheidenden Fragen werden im Formular für Batteriespeicher ohnehin bereits erfasst.

Abb. 3: Das erforderliche Messkonzept wird direkt beim Erfassen eines technischen Anschlussgesuchs für Speicher ermittelt (Quelle: Digitale TAG-Erfassung der AEW Energie AG auf ServiceNow, realisiert durch Arctive AG)

Integriert in Plattform und Prozesse

Heute fügt sich der Messkonzept-Matcher natürlich in die Meldewesen-Prozesse der AEW ein. Gesuchsteller:innen erfassen zunächst die Angaben zum Batteriespeicher via AEW Meldewesen-Portal und beantworten anschliessend im neuen Abschnitt «Berechnung Messkonzept» die verbleibenden Fragen – erneut dynamisch, abhängig von den zuvor gemachten Angaben. Ist alles ausgefüllt, erscheint das ermittelte Messkonzept mit dem offiziellen VSE Schema und einer verständlichen Beschreibung. Diese beruht auf dem «Handbuch Speicher» und wurde von den Fachexpert:innen der AEW geprüft und ausformuliert.

Abb. 4: Das bestätigte Messkonzept ist auch auf dem Bewilligungsschreiben des TAGs ersichtlich (Quelle: AEW-Bewilligungsschreiben für TAG erstellt von Arctive AG mit ServiceNow)

Damit das Messkonzept nicht untergeht, ist eine bewusste Leitplanke eingebaut: Gesuchsteller:innen müssen das angezeigte Konzept per Knopfdruck bestätigen – ohne diese Bestätigung lässt sich das TAG nicht einreichen. So wird das Messkonzept verbindlich und Gesuchsteller:innen prüfen ein zweites Mal, ob tatsächlich das richtige Konzept gewählt wurde. Schliesslich entscheidet sich daran, welche Zähler später benötigt werden.

Durchgängig bis zur Bewilligung und Installationsanzeige

Der Mehrwert endet nicht beim Absenden. Bei einem eingereichten TAG sehen die Fachspezialist:innen des Meldewesens das bestätigte Messkonzept direkt im Backend und können die getroffene Wahl nachvollziehen und überprüfen. Wird das Gesuch bewilligt, weist neu auch das Bewilligungsschreiben das Messkonzept für den Batteriespeicher aus.

Abb. 5: Einsehen des bestätigten Messkonzepts innerhalb des TAG-Prozesses (Quelle: Digitale TAG-Erfassung der AEW Energie AG auf ServiceNow, realisiert durch Arctive AG)

Weil AEW ihre Anschlussgesuche und Installationsanzeigen bereits durchgängig auf ServiceNow abwickelt – ebenfalls digitalisiert und umgesetzt durch Arctive –, liess sich das bestätigte Messkonzept ohne grossen Aufwand auf die verknüpfte Installationsanzeige übertragen. Dort wird abschliessend kontrolliert, dass alle erforderlichen Zähler erfasst und in die nachgelagerten Stammdaten-Systeme übernommen wurden.

Wissen für alle

Zusätzlich hat Arctive den Messkonzept-Matcher als öffentliches, eigenständiges Widget auf ServiceNow umgesetzt und für AEW personalisiert. Dort kann jede interessierte Person den Entscheidungsbaum kostenlos durchlaufen und erfährt, welches Messkonzept für die jeweilige Speicherkonstellation gilt – ein informatives und lehrreiches Angebot der AEW, das in Kürze live geht. Ebenfalls ist der öffentliche Messkonzept-Matcher von Arctive AG bereits zum Ausprobieren verfügbar.

Positive Resonanz aus der Praxis

Seit der Einführung im Frühling 2026 wurden bereits mehrere Hundert Anschlussgesuche mit bestätigtem Messkonzept erfolgreich eingereicht und bewilligt. Um die Erfahrungen der Anwender:innen systematisch zu erfassen, befragt AEW derzeit Gesuchsteller:innen, die bereits ein oder mehrere TAG mit Messkonzept eingereicht haben.

Abb. 6: Resultierendes Messkonzept im Kundenportal (Quelle: Digitale TAG-Erfassung der AEW Energie AG auf ServiceNow, realisiert durch Arctive AG)

Die Rückmeldungen fallen durchwegs positiv aus. Die Gesuchsteller:innen beschreiben die Funktion zur Ermittlung des Messkonzepts als verständlich und angenehm einfach zu bedienen. Auch die gestellten Fragen werden als klar und gut nachvollziehbar wahrgenommen. Auf die Frage nach fehlenden Funktionen oder Verbesserungspotenzial gab es keine wesentlichen Hinweise – die Anwender:innen erleben den Matcher als eine rundum stimmige, sauber in den Prozess eingebettete Lösung. Es gibt bereits Ideen für einen Ausbau der Lösung zur dynamischen Visualisierung von Messkonzepten.

Vom Handbuch zur erweiterbaren Lösung

Dieses Beispiel zeigt, wie das VSE Handbuch als Grundlage für Digitalisierung und Automatisierung dient, wodurch Fachexpert:innen bei geringer Individualisierung schnell praxistaugliche und vereinfachende Lösungen realisieren.

Der Matcher ist bewusst erweiterbar gebaut: Wächst der Entscheidungsbaum, kommen neue Vorgaben hinzu oder soll dieselbe Logik künftig auch für andere Anlagen – etwa Photovoltaikanlagen – genutzt werden, lässt er sich ohne Neuentwicklung ausbauen. Aus einer konkreten regulatorischen Anforderung ist so ein Werkzeug entstanden, das Installateur:innen, Solarteur:innen, Kontrolleur:innen und Sicherheitsberater:innen gleichermassen dient – und das mit den Anforderungen mitwächst.

Die Branche hat das Wort

Spannende Themen, unterschiedliche Blickwinkel, innovative Ideen: PerspectivE bietet Fachbeiträge und Analysen von der Branche für die Branche. Entdecken Sie hier neue Perspektiven für die Energiewelt von morgen.

Autor:in werden

Analytics settings

We use Google Analytics to measure website usage without advertising personalization. Analytics cookies are enabled by default for visitors in Switzerland unless you previously declined. Elsewhere, they remain disabled until you enable them. You can change your choice here. This choice applies to this browser; the page will reload.