Lastenübersicht bei unidirektionalem vs. Bidirektionalem Laden.
Das Empa-Modell zeigt: Flexibilität entlastet das Stromnetz
Auch wenn erst ca. 70’000 Elektrofahrzeuge auf Schweizer Strassen unterwegs sind, zeichnet sich schon heute hohe Gleichzeitigkeit im Ladeverhalten der Nutzenden ab. Durch die gesellschaftlichen Routinen stecken am Morgen die Autopendler im gleichen Stundenfenster das Auto bei der Arbeit ein, während am Abend sehr viele im gleichen Stundenfenster ihr Fahrzeug zuhause wieder am Stromnetz anschliessen. Das stellt für Verteilnetzbetreiber eine grosse Herausforderung dar. Mit smarter Steuerung und Echtzeit-Informationen sollen diese Herausforderungen künftig in Chancen umgemünzt werden.
In der «Energiezukunft 2050» wurden in einer konservativen Modellierung unidirektionale Flexibilitätsfenster aus der Elektromobilität zur Optimierung des Energiekonsums zur Verfügung gestellt. Dabei wurde ein Teil der Lastspitze durch die Verschiebung oder Verlängerung der Ladung reduziert. Die Modellierung der Flexibilität erfolgte so, dass die Nutzenden keine Verhaltenseinschränkung erfuhren. Das bedeutet schlussendlich keine Einschränkung in der möglichen Reichweite der Fahrzeuge. Die Resultate zeigen, dass die Spitzenlasten dennoch massgeblich reduziert werden konnten. Durch den Speicher in der Garage entsteht also eine Flexibilität, die eine Entlastung des Netzes möglich macht. Weiterentwicklungen der Technologie Richtung Bidirektionalität und Vernetzungen zwischen den Komponenten können die Ladezyklen noch intelligenter gestalten und dadurch das Flexibilitätspotential in der Elektromobilität ausbauen. Insbesondere intelligentes Energiemanagement könnte unter Einbindung der Autobatterie den Eigenverbrauch bei Solaranlagenbesitzer erhöhen.
Entscheidend bei den angesprochenen Lösungen ist die kurzfristige Senkung oder Erhöhung von Lasten. Dies hat zwar einen Einfluss auf die Ladegeschwindigkeit, aber eine Antizipation des Mobilitätsverhaltens ermöglicht eine Verlängerung oder zeitliche Verschiebung des Ladens ohne Einschränkung des angestrebten Akku- respektive Kilometerstands nach Abschluss der Ladung.
Fehlende Anreize für Paradigmenwechsel
Aktuell ermöglicht der technologische Fortschritt die Implementierung der Vehicle-to-building-Lösungen ab ca. 2025. Weit verbreitete Ladestationsanbieter haben bidirektionale Ladestationen bereits angekündigt und stellen ihre Geschäftsaktivitäten auf den Paradigmenwechsel ein. Ein Teil der zu erwartenden Netzengpässe können durch die Technologie vermieden werden. Um aggregiertes bidirektionales Laden markt-, netz- und systemdienlich anzubieten, fehlen aber aktuell noch klare Anreize wie z.B. flexible Netztarife und Zusammenarbeitsmodelle. Zudem ist die Schnittstelle zwischen Netzbetreiber und Endkunde bezüglich flexibler Lasten nicht standardisiert. Die ISO 15118-20 und der OCPP-Standard decken einen wichtigen Teil der Standardisierung ab und müssen konsequent weiterentwickelt werden. Dies würde beispielsweise eine netzoptimierte Steuerung auf lokaler Basis ermöglichen.
Auch die Politik hat die Chancen des bidirektionalen Ladens erkannt. Ein Postulat mit dem Titel «V2X- ("vehicle to grid") und Smart-Charging-Technologien. Batterien von Elektrofahrzeugen nutzen, um Energie zu speichern und Stromnetze auszugleichen» wurde im Juni 2022 eingereicht und bezieht sich auf die Einspeisung von Energie ins Stromnetz. Die technologische Entwicklung schreitet in dieser Frage jedoch einmal mehr schneller voran als die Anpassung der regulatorischen Vorgaben.