Die treibenden Kräfte im Ökosystem der E-Mobilität sind eine Vielzahl von innovativen Start-ups, die in den letzten Jahren entstanden sind. Diese haben naturgemäss einen klaren Fokus auf eine möglichst schnelle Markteinführung und eine hohe Marktdurchdringung. Cyber-Sicherheit steht dabei eher im Weg und hat oft geringe Priorität.
Jedoch lässt sich auch bei diesem gross angelegten Digitalisierungsvorhaben die Sicherheit nicht ausblenden. Im Gegenteil. Die Kernelemente für Vertraulichkeit, Integrität und Verfügbarkeit der Elektromobilität sind standardisierte Sicherheitsanforderungen, sichere Kommunikation und Datenübertragung sowie Authentifizierungen und Zugriffskontrollen. Auch die Resilienz gegenüber Angriffen und Störungen der Ladestationen sowie die Fahrzeugsicherheit sind wesentliche Sicherheitsfaktoren. Im Folgenden werden diese Aspekte kurz beleuchtet.
Standardisierung und Compliance
Standardisierung spielt eine wichtige Rolle, damit alle Akteure – insbesondere in Wachstumsmärkten – ein gemeinsames Verständnis der erforderlichen Sicherheitsmassnahmen haben und folglich ein robustes Sicherheitsniveau gewährleistet werden kann. Darüber hinaus ist die Compliance mit nationalen und internationalen Sicherheits- und Datenschutzvorschriften unerlässlich. In der Schweiz und in Europa haben sich bereits einige Standards und Protokolle etabliert, um eine herstellerübergreifende Kommunikation zur Verwaltung, Abrechnung und Überwachung von Ladestationen zu ermöglichen. So wird OCPP (Open Charge Point Protocol) für die Interaktion zwischen Ladestationen und zentralen Backends eingesetzt.
Seit einigen Jahren steht die Protokollversion 2.0 bereit, die um wichtige Sicherheitsmerkmale erweitert wurde. In der Schweiz operierende Ladeinfrastruktur-Anbieter verwenden jedoch überwiegend das OCPP-Protokoll 1.6 aus dem Jahr 2015, bei welchem wichtige Sicherheitsmerkmale gänzlich fehlen oder optional sind. So ist die Kommunikation zwischen Ladestation und Backend oft unverschlüsselt und die Authentifizierung der Ladestation gegenüber dem Backend nicht ausreichend.
Sichere Kommunikation und Datenübertragung
Zur Stärkung des Vertrauens und zum Schutz der Privatsphäre der personenbezogenen Nutzerdaten gemäss den geltenden Datenschutzgesetzen ist entscheidend, dass die Übertragung von Daten zwischen Fahrzeugen, Ladestationen und Netzwerk-Backends durchgehend verschlüsselt erfolgt. Zudem müssen Sicherheitsmechanismen implementiert werden, um die Systeme vor Man-in-the-Middle-Angriffen zu schützen. Diese Mechanismen sollen in der Lage sein, verdächtige Aktivitäten zu erkennen und zu blockieren, um zu verhindern, dass Angreifer die Kommunikation abfangen oder manipulieren können. Dies würde zu Ladeausfällen, Fehlbuchungen oder gar flächendeckenden Blackouts führen – dazu später mehr.
Authentifizierungs- und Zugriffskontrolle
Sichere Authentifizierungsmechanismen sind essenziell, um sicherzustellen, dass nur autorisierte Fahrzeuge und Nutzende Zugang zu den Ladediensten erhalten. Ausserdem muss sichergestellt sein, dass keine gefälschten – sprich nur autorisierte – Ladestationen im System mitwirken. Durch robuste Authentifizierungsverfahren können potenzielle Angriffspunkte für Cyber-Kriminelle minimiert und die Sicherheit des Ladevorgangs erhöht werden. Dies gewährleistet eine sichere und vertrauenswürdige Verbindung der verbundenen Parteien. Die Authentifizierung in OCPP-Systemen dient dazu, die Identität von Ladestationen und Backends zu überprüfen, bevor sie miteinander kommunizieren können. Dies verhindert unbefugten Zugriff auf das Ladesystem und gewährleistet die Sicherheit der Transaktionen und Datenübertragung. Im OCPP-Standard (1.6 und 2.0) werden zwei Arten von Authentifizierungen beschrieben.
Die HTTP-BASIC-Authentifizierung erfolgt über Benutzername und Passwort sowie eine zertifikatsbasierte Authentifizierung. Es ist zu bedenken, dass die Zugangsdaten bei einer Authentifizierung mittels HTTP-BASIC lediglich codiert, aber nicht verschlüsselt werden. Eine Codierung kann direkt in den Klartext umgewandelt werden. Daher bietet diese Methode keine ausreichende Sicherheit, sofern nicht zusätzlich via TLS verschlüsselt wird. Heute wird die Authentifizierung bei einigen Anbietern nicht oder durch einen eigenen Mechanismus überprüft. So dient bei der Anmeldung an einer Ladestation beispielsweise eine Kundenkarte, deren gespeicherte Kundennummer als einziges Erkennungsmerkmal gilt. Diese sind typischerweise leicht zu erraten oder durch wiederholte Versuche ausfindig zu machen (NTC, 2023: Sicherheitsanalyse der Schweizer Ladeinfrastruktur für Elektromobilität).
Resilienz gegenüber Angriffen und Störungen
Die Sicherheit von Firmware und Software ist für die Integrität der Ladestationen von entscheidender Bedeutung. Diese kann durch regelmässige Sicherheitsüberprüfungen und Updates, Verschlüsselungstechniken und die Implementierung von strengen Signaturprüfungen erhöht werden. Mit strengen Signaturprüfungen kann insbesondere Manipulationen wie dem Einschleusen schädlicher Software entgegengewirkt werden.
Im OCPP-Protokoll (Version 1.6) sind keine Vorschriften für Monitoring- oder Logging-Möglichkeiten vorgeschrieben. Zudem ist der Update-Mechanismus für die Firmware der Ladestationen als unsicher einzustufen.
Ausserdem muss die Verfügbarkeit der Ladeinfrastrukturnetzwerke stets sichergestellt sein. Ladeinfrastrukturnetzwerke müssen gegen verteilte Überlastangriffe (Distributed Denial of Service, DDoS) widerstandsfähig sein. DDoS-Angriffe zielen darauf ab, die Infrastruktur durch eine Ausschöpfung der Ressourcen im Netzwerk oder an den Endpunkten zu überwältigen. Traffic-Filtering oder Intrusion-Detection-Systeme sind geeignete Massnahmen, um die Resilienz gegen solche Angriffe zu stärken. Denkbar ist auch, die Ladeinfrastruktur über moderne Internetarchitekturen (zum Beispiel SCION) abzusichern, in denen eine hohe Verfügbarkeit by design vorgesehen ist.