Vom Energieversorger zum Energiedienstleister

11.01.2024
Die Transformation der Energiewirtschaft ist in vollem Gang und beschleunigt sich weiter. Energieversorgungsunternehmen müssen sich den neuen Gegebenheiten stellen und einen Wandel vom klassischen Energieversorger zum umfassenden Energiedienstleister ernsthaft prüfen. EWA-energieUri geht diesen Weg seit Jahren.
Gastautor
Ronny Arnold
Leiter Kommunikation und Marketing bei EWA-energieUri
Disclaimer
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Energiedienstleistungen spielen für EWA-energieUri seit der Gründung im Jahr 1895 eine zentrale Rolle. «Bereits zu Beginn unserer Unternehmensgeschichte haben wir nicht nur Strom produziert und verteilt, sondern auch für unsere Kundinnen und Kunden Energiedienstleistungen erbracht», erklärt Werner Jauch, Vorsitzender der Geschäftsleitung, und ergänzt: «Dieser damals visionäre Ansatz eines integrierten Geschäftsmodells wird noch heute verfolgt und konsequent weiterentwickelt.»

Die 10 Gesellschaften der EWA-energieUri-Gruppe beschäftigen 369 Mitarbeitende, darunter 75 Lernende in 14 Berufsbildern. Neben der Energieversorgung mit Strom aus lokaler Wasserkraft und Photovoltaik sowie erneuerbarer Wärme/Kälte bietet das Unternehmen seinen Kunden auch integrierte Gesamtenergielösungen sowie Elektrogebäudetechnik, Kraftwerks- und Netzdienstleistungen und ICT-Services an. Das Unternehmen sieht sich aufgrund dieses Produkt- und Dienstleistungsportfolios für die künftigen Herausforderungen gewappnet: «Wir sind dank diesem integrierten Geschäftsmodel optimal aufgestellt. Nicht nur für die Energiewende, sondern auch die Wärme- und die Mobilitätswende.» Ausserdem stärke dieses integrierte Geschäftsmodell auch die Resilienz des Unternehmens gegenüber Marktpreisschwankungen.»

Dieser Ansatz eines diversifizierten Produkt- und Dienstleistungsportfolios rückt auch für viele andere Energieversorgungsunternehmen (EVU) mehr und mehr in den Fokus. Grund dafür sind die Megatrends der Energiewirtschaft: Dezentralisierung (die Stromproduktion erfolgt zunehmend dezentral), Digitalisierung (Prozesse und Anwendungen werden digitalisiert) und Dekarbonisierung (fossile Energieträger werden durch erneuerbare Energien ersetzt). Diese Trends sind für EVU neben allen Chancen auch mit Risiken verbunden und haben verschiedene Auswirkungen:

  • Druck auf traditionelle Geschäftsmodelle (Wertschöpfung erfolgt mehr und mehr «behind the Meter», Neudefinition der herkömmlichen Versorgerrolle ist gefragt, Dienstleistungsgeschäft gewinnt an Bedeutung)
  • Versorgungssicherheit und zuverlässige Lieferketten rücken in den Fokus
  • Aus- und Weiterbildung und Gewinnung von Mitarbeitenden als Erfolgsfaktor
Das neue Kraftwerk Palanggenbach ist eines von 12 Kraftwerksprojekten, welches EWA-energieUri in den vergangenen Jahren mit Partnern umgesetzt hat.

Herausforderung Dekarbonisierung

Das «Netto-Null-Ziel», das die nationale Energie- beziehungsweise Wärmestrategie 2050 und die «Roadmap Elektromobilität» des Bundes erreichen wollen, ist ambitioniert. Dies unterstreicht allein ein Blick auf die Schweizer Gesamtenergiebilanz: Heute stammen rund 60% des Energieverbrauchs aus fossilen Energieträgern. Bis 2050 muss dieser Anteil der nicht regenerativen Energien wegen der Vorgaben des Bundes massiv reduziert werden. Der Ersatz von fossilen Energieträgern ist jedoch nur mit einer umfassenden Elektrifizierung möglich. Konkret gehen Studien davon aus, dass der Stromverbrauch von heute 57 TWh bis 2050 auf etwa 80 bis 90 TWh ansteigen wird. Der Grund dafür ist vor allem die Elektrifizierung von Mobilität, Wärme und Industrie. «Weil bis dann gemäss der Energiestrategie 2050 auch die Schweizer Kernkraftwerke stillgelegt werden sollen, droht eine Stromproduktionslücke von 37 bis 47 TWh», erklärt Werner Jauch. Diese Lücke lässt sich im Inland nur durch den Zubau von erneuerbaren Energien und – nur zu einem sehr kleinen Teil – durch die Verbesserung der Energieeffizienz schliessen.

Werner Jauch, CEO EWA-energieUri

Ausbau muss forciert werden

Strom spielt für eine erfolgreiche Dekarbonisierung also eine Schlüsselrolle. Für EVU bieten sich dadurch verschiedene neue Geschäftsmöglichkeiten. Beispielsweise durch den Ausbau der erneuerbaren Energien wie Wasserkraft, Windenergie und alpine Photovoltaik. Gerade erst sind mit dem vom Parlament beschlossenen Mantelerlass die Weichen für einen forcierten Ausbau gestellt worden. Trotz dieser Massnahmen bleibt der Zubau anspruchsvoll. Bei der Umsetzung sind EVU immer wieder mit dem sogenannten Nimby-Effekt konfrontiert, ganz nach dem Motto: «Ausbau Erneuerbare ja, aber nicht in meiner Nähe» oder eben auf Englisch: «Not in my backyard.» «Deshalb braucht es in der Gesellschaft ein Umdenken und auf allen Seiten die Bereitschaft für Kompromisse», sagt Werner Jauch. Gefragt sind neben dem Ausbau der erneuerbaren Stromproduktion auch Energielösungen für Gebäude, Industrie-Areale und ganze Wohnquartiere. Diese benötigen zukünftig umfassende CO2-freie Lösungen für die Sektoren Strom, Wärme/Kälte und Mobilität. Hier können EVU mit der Verknüpfung der Sektoren nicht nur einen Beitrag zur Optimierung der Gesamtenergiebilanz leisten, sondern auch neue Märkte erschliessen.

Anforderungen steigen

Bei allen Chancen stellen sich grosse unternehmerische Herausforderungen: Mit der Stilllegung der Kernkraftwerke wird eine für die Schweiz bedeutende inländische Bandenergiequelle wegfallen. Dies wird die Gewährleistung der Versorgungssicherheit sehr viel anspruchsvoller machen. Grund dafür ist das Produktionsprofil der erneuerbaren Energien mit viel Sommer- und wenig Winterenergie. Auch die Integration der stark wachsenden dezentralen Produktion in Form vieler privater und industrieller Photovoltaikanlagen in das Stromnetz schafft schon heute Probleme für die Aufrechterhaltung der Netzstabilität – eine Aufgabe, die mit dem weiteren Ausbau der dezentralen Produktion noch anspruchsvoller wird. Und schliesslich müssen EVU substanzielle Investitionen tätigen und Kompetenzen aufbauen, um mit der Digitalisierung in allen Bereichen der Wertschöpfungskette Schritt zu halten.

Lösungsansätze sind vorhanden

Da die finanziellen und personellen Ressourcen der EVU limitiert sind, ist es essenziell, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien energiewirtschaftlich sinnvoll erfolgt. Hier sind unter anderem die Volllaststunden der Anlagen von Relevanz. Kernkraftwerke überzeugen hier mit einem Wert von 8000 Volllaststunden pro Jahr. Bei erneuerbaren Energiequellen ist dieser Wert deutlich tiefer und selbst innerhalb der Technologien gibt es grosse Unterschiede: Laufwasserkraftwerke haben mit jährlich rund 4000 Volllaststunden den besten Wert, gefolgt von der Windkraft und der Alpinen Photovoltaik mit 1800 respektive 1700 Volllaststunden. Photovoltaikanlagen im Flachland kommen noch auf 950 Volllaststunden. Zudem fällt bei fast allen Erneuerbaren der Grossteil der Stromproduktion im Sommer an. Entscheidend für die Versorgungssicherheit ist jedoch der forcierte Zubau der schon heute knappen inländischen Winterenergie. Hier haben Speicherkraftwerke und die alpine Photovoltaik mit dem vergleichsweise hohen Winterstromanteil grosses Potenzial. Daneben eignen sich für die saisonale Energieumlagerung im grossen Stil nur Power-to-Gas-Technologien.

Jahressvolllaststunden nach Energieträgern

Game Changer Sektorkopplung

Power-to-Gas-Technologien ermöglichen die Sektorkopplung. Diese bezeichnet die intelligente Verbindung der Sektoren Strom, Wärme/Kälte und Mobilität über Energiespeicher und Energiewandler. Damit wird es möglich, Strom beispielsweise zur Herstellung von speicherbarem Gas zu nutzen und aus grünem Gas Strom zu produzieren. Die Sektorkopplung ist entscheidend für die erfolgreiche Dekarbonisierung: Im Gegensatz zum in der Schweiz weitgehend CO2-freien Stromsektor dominieren bei der Wärme/Kälte und Mobilität bis heute die fossilen Energieträger. Mobilität und Wärme sind deshalb für den Grossteil der Schweizer CO2-Emissionen verantwortlich. Technologien, welche die Netze koppeln und zusammenwachsen lassen, sind bereits heute vorhanden. Sie heissen Power-to-Gas, Power-to-Heat und Power-to-Mobility. Bei Power-to-Gas wird mittels Elektrolyse aus Strom Wasserstoff (H2) produziert, der im Transport- oder Wärmesektor verwendet werden kann. Für Werner Jauch ist klar: «Wasserstoff ist ein Schlüsselfaktor für die Dekarbonisierung.» Wird für die Produktion ausschliesslich erneuerbarer Strom genutzt, ist Wasserstroff CO2-frei und kann als grüner Brennstoff im Transportsektor oder als CO2-freies Gas für die Wärmeerzeugung genutzt werden. Wasserstoff hat zudem einen weiteren Vorteil: Auch die Speicherung und die Wiederverstromung sind möglich, sodass er sich auch für die saisonale Energieumlagerung eignet. Damit grüner Wasserstoff sein Potenzial in der Schweiz flächendeckend entfalten kann, sind verschiedene Hürden zu meistern: Einerseits gilt es, die hohen Erzeugungskosten (Energieintensität) zu reduzieren, andererseits muss eine schweizweite Transport- und Speicherinfrastruktur aufgebaut werden.

So funktioniert die Sektorkopplung.

Integrierte Gesamtlösungen

EWA-energieUri ist sich der grossen Chance bewusst, welche die Sektorkopplung bietet. Bereits seit vielen Jahren bietet der Urner Energiedienstleister integrierte Gesamtenergielösungen. Das Unternehmen betrachtet die verschiedenen Anwendungen nicht einzeln, sondern als intelligent vernetzte Gesamtenergielösungen, die den Kunden eine optimale Energienutzung ermöglichen. Eine andere Möglichkeit – insbesondere bei grösseren Infrastrukturen – bilden die Contracting-Lösungen, bei denen sich EWA-energieUri um den Betrieb und Unterhalt kümmert und die Kunden keine Investitionskosten und keine technischen Risiken (Ausfall, Schäden etc.) tragen müssen. Das Produkt- und Dienstleistungsportfolio rund um integrierte Gesamtenergielösungen wird laufend erweitert. «Aktuell beschäftigen wir uns damit, wie wir Strom und Wärme optimal verknüpfen und einen Beitrag zum Schliessen der Winterstromlücke leisten können», erklärt Werner Jauch. Die Themen seien Wärme-Kraft-Kopplungsanlagen (BHKW) mit erneuerbarer Biomasse, unterschiedliche Energieträger zur Wärme-/Kälte-Erzeugung im Winter (Biomasse) und Sommer (Strom/Photovoltaik/Wärmepumpen) sowie die Rückgewinnung von Wärme/Kälte. Ein weiteres Beispiel für die stetige Weiterentwicklung der Sektorkopplung ist die «SmartMetering Systemplattform Uri», eine kantonsweite Systemplattform zur Erfassung von Strom, Wärme/Kälte und Wasser (Mehrspartenfähigkeit). Die Plattform entstand in Zusammenarbeit mit vier anderen Energieversorgern sowie mit Abwasser Uri (Einbindung Wasserzähler) und weiteren Werkbetreibern.

Herausforderungen als Chance sehen

Die Transformation der Energiebranche lässt sich nicht aufhalten und ihre Dynamik wird – getrieben durch die Digitalisierung – weiter zunehmen. Jedes EVU muss vor diesem Hintergrund seine Rolle auf dem Energiemarkt überdenken und sich die Frage stellen: «Wollen wir ein klassischer Versorger bleiben oder uns zum innovativen Energiedienstleister entwickeln?» Was klar ist: Die Nachfrage nach Gesamtenergielösungen wird stark zunehmen, weil das Bewusstsein für nachhaltige Energielösungen in der Bevölkerung gestiegen ist. Für Werner Jauch ist klar: «Dass wir konsequent auf integrierte Gesamtenergielösungen setzen, hat sich mehr als bewährt. Unsere Kundinnen und Kunden wollen heute keine Produkte, sondern Energielösungen kaufen oder mieten – und diese müssen CO2-frei und innovativ sein.»

Carte blanche – Die Branche hat das Wort

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Haben Sie ein interessantes Projekt, eine aufschlussreiche Studie oder eine bahnbrechende Lösung, welche andere Energieversorgungsunternehmen, die Politik oder die Forschung interessieren? Dann melden Sie sich bei Julien Duc, der Ihre Fragen gerne beantwortet.