Jahresbericht VSE 2015

 

Mit «Energiewelten» vorbereitet für die Zukunft

Ein Berg an Herausforderungen: Die Energiebranche sieht sich mit einer zunehmend komplexeren und dynamischeren Energiewelt konfrontiert. Bestehende Geschäftsmodelle geraten unter Druck – Innovation ist keine Option mehr, sondern ein Muss. Darum arbeitet der VSE mit dem Projekt «Energiewelten» an einer Vision für die Welt von morgen.

 

Die Unsicherheit für die Energieversorger hat zugenommen – denn die Rahmenbedingungen in der Schweizer Energiewirtschaft haben sich in wenigen Jahren grundlegend geändert. Bisherige Geschäftsmodelle, die sich während Jahren bewährten, stehen heute unter Druck. Konkret sind Grosswasserkraftwerke – wegen Wettbewerbsverzerrungen und historisch tiefen Preisen – in ihrer Wirtschaftlichkeit bedroht. Die Netzbetreiber werden durch zunehmende dezentrale Einspeisung und Eigenverbrauch herausgefordert. Strom-, Gas- und Wärmenetz wachsen immer mehr zusammen (Konvergenz der Netze), was neue Geschäftsmodelle möglich macht. Und die Digitalisierung (Smart Meters, Smart Grids) hält Einzug. Sie dürfte viele positive Neuerungen bringen, doch vorher sind Investitionen nötig.


Gleichzeitig versucht der Bund noch stärker in die Energiewirtschaft einzugreifen; sei es mit der Energiestrategie 2050, der Revision des StromVG oder der Liberalisierung des Gasmarktes. Die staatlichen Eingriffe finden statt, ohne dass das Verhältnis zur EU mit einem entsprechenden Abkommen geklärt wäre.


Energiewelten: Extrem, aber durchaus möglich
Angesichts dieser Trends und energiepolitischen Unsicherheiten hat der VSE im Sommer 2015 ein Projekt mit dem Arbeitstitel Energiewelten – Marktmodelle gestartet. Am Teilprojekt Energiewelten waren 2015 Mitarbeiter aus verschiedenen Mitgliedsunternehmen beteiligt: Vom grossen Produzenten/Händler über Stadtwerke bis zum kommunalen Netzbetreiber – und vom Techniker über den Ökonomen bis zum Juristen. In Energiewelten erarbeitet der Verband energiewirtschaftliche Zukunftsszenarien. Die Treiber sind dabei politischer, energiewirtschaftlicher oder technologischer Natur. Im Teilprojekt Marktmodelle werden die dazugehörenden Marktmodelle, d.h. die entsprechenden Ordnungsrahmen untersucht. Bestehende Positionen und Branchendokumente des VSE lassen sich so überprüfen – und wo nötig anpassen. Weiter lassen sich daraus Hinweise an den Gesetzgeber ableiten.


Wie sehen solche Energiewelten konkret aus? In einem Bericht wurden diverse qualitativ mögliche Energie-Zukunftsszenarien skizziert. Diese «Welten» sind jede für sich eher extrem in ihren Eigenschaften – aber ihre Verwirklichung ist in den nächsten zwanzig Jahren nicht vollständig auszuschliessen. In ihrer Gesamtheit sollen die Energiewelten also die Eckpunkte der möglichen zukünftigen Entwicklungen abstecken. Kein einziges der beschriebenen Szenarien dürfte wie auf dem Papier beschrieben Realität werden. Aber die tatsächliche, zukünftige Energiewelt wird sich zwischen diesen Extremen entwickeln.


Quantitative Gesamtprognosen als Relikt von gestern
Wie wurde das Konzept der Energiewelten geboren? Noch 2006 konnte der VSE eine einfache Energieperspektive erstellen, bei der Absatz und Produktion prognostiziert wurden. Doch 2012 musste der Verband schon mit drei Szenarien («Wege in die Stromzukunft») arbeiten, da die Unsicherheiten betreffend der Rahmenbedingungen erheblich zunahmen – besonders wegen der Energiestrategie 2050.

Die Situation heute ist noch komplexer. Die Grenzen zwischen Produzenten und Konsumenten verschwimmen immer stärker, Speichertechnologien wie Batterien können bei weiteren technischen Fortschritten entscheidend «die Spielregeln ändern» («Game Changer»). Mit dem Konzept der Energiewelten können Zukunftsentwicklungen ideal umschrieben werden. Der VSE möchte bereits 2016 eine Aussage zu einem zukünftig anzustrebenden Marktmodell machen, welches möglichst robust ist gegenüber allen heute möglichen Entwicklungen. Überdies soll eine aussagekräftige Vision, also Zielvorstellung, entwickelt werden.


Methodisches Vorgehen
Zur Charakterisierung der Energiewelten wurden in zwei Workshops 20 Themen herausgearbeitet, die je nach Ausprägung eine Energiewelt bestimmen können. Diese 20 Themen haben die Workshopteilnehmer wiederum zu fünf Gruppen – den fünf Dimensionen der Energiewelten – zusammengefasst. Die Dimensionen wurden so gewählt, dass sie weitestgehend unabhängig voneinander sind. Folgende Dimensionen und Ausprägungen machen die Energiewelten aus:

 

  1. Nachfrage: Welcher Elektrizitätsbedarf ist im Vergleich zu heute zu erwarten? Ausprägung: Hoch oder tief
  2. Smart: Welche Verbreitung von smarten Technologien ist im Strombereich zu erwarten? Ausprägung: Viel oder wenig
  3. Zentral-dezentrale Struktur: Wie wird die technische Infrastruktur der Stromversorgung aussehen? Ausprägung: Zentral oder dezentral
  4. Staatliche Markteingriffe: Wie stark wird der Staat in die Energiemärkte eingreifen? Ausprägung: Viel oder wenig
  5. Internationale Vernetzung: Wie stellt sich die internationale Vernetzung der Schweizer Energiewirtschaft dar? Ausprägung: Hoch oder tief


Aus den fünf Dimensionen mit je zwei Ausprägungen ergeben sich theoretisch 32 mögliche Energiewelten. Diese haben die Teilnehmer auf ihre Plausibilität hin überprüft. Ausgewählt wurden schliesslich sechs, die jeweils in sich extrem, aber denkbar sind. Diese sechs Energiewelten sind in sich konsistent und könnten je nach energiepolitischen, energiewirtschaftlichen und technologischen Rahmenbedingungen in den nächsten 20 Jahren Realität werden.


Pro Energiewelt lässt sich schliesslich ein Marktmodell definieren – und dazu passende Geschäftsmodelle.


HSG/KTI-Projekt: Business-Modelle und Erkenntnisse für den VSE
Auch die Universität St. Gallen (HSG) ist bezüglich Energiewelten mit an Bord. Den Hintergrund bildet die Arbeit des VSE. Die vom Verband erarbeiteten Energiewelten werden von der HSG weiter untersucht – im Rahmen des KTI-Projekts «Geschäftsmodellinnovationen in der Energiewirtschaft». ITEM, das Institut für Technologiemanagement an der Universität St. Gallen, ist für das KTI-Projekt ein wertvoller Partner.


Im Rahmen bilateraler Kooperationen zwischen der HSG und einzelnen VSE-Mitgliedern sollen individuell zugeschnittene, konkrete Geschäftsmodellinnovationen entstehen. Die persönliche Betreuung sowie der Wissens- und Erfahrungsaustausch generieren unmittelbaren Nutzen für die Teilnehmer. Der VSE gibt indes keine Strategieempfehlungen ab.

Die Erkenntnisse aus den Energiewelten kommen nicht nur den Mitgliedern zugute, sondern auch der Geschäftsstelle. So werden dank der neuen Informationen zum Beispiel intern die Angebote überprüft und allenfalls neue Ausbildungen entworfen. Die Energiewelten des VSE sind also ein Projekt, das gegen aussen und innen wirken wird. Sie sind die Reaktion des Verbandes auf eine Energiezukunft, die sich nicht länger bloss mit quantitativen Vorhersagen beschreiben lässt.

 

 

 
2015 aus Sicht des Bereichs «Wirtschaft und Regulierung»

«Die Revision StromVG war 2015 ein harter und grosser Brocken», resümiert Stefan Muster, Leiter des Bereichs «Wirtschaft und Regulierung». «Wir mussten ein Kernteam organisieren, dort Einigkeit herstellen und zeitgerecht Stellungnahmen organisieren.» Pro Sitzung galt es, zu umfangreichen Materialien – bis zu 400 Seiten Text – des Bundesamtes für Energie (BFE) eine gemeinsame Haltung einzunehmen. «Oft hatten wir wenig Zeit für eine Stellungnahme, manchmal weniger als zwei Wochen.»


Trotzdem gelang es dem VSE, mehrheitlich mit einer Stimme zu sprechen. Dasselbe galt für die Begleitung der Energiestrategie 2050 (ES2050), wo für den Bereich Public Affairs regelmässig relevante «Onepager» verfasst wurden. «In Zusammenhang mit ES2050 hat uns die Förderung der Wasserkraft sehr beschäftigt», so Muster. «Zusammen mit Hydrosuisse (Kommission für Wasserkraft) stellten wir Daten und Fakten zusammen, wie sich die Schweizer Wasserkraft temporär fördern lässt, um ihre zentrale Rolle in der ES2050 einnehmen zu können.»


Auch das Klima- und Energielenkungssystem (KELS) beschäftigte den Bereich Wirtschaft und Regulierung 2015 verstärkt. Stefan Muster: «Bezüglich KELS gelang es uns, in der Branche selber einen Vorschlag zu erarbeiten, der von allen getragen wird.» Der VSE fordert in erster Linie eine Besteuerung des Treibhausgases CO2 – statt des produzierten Stroms. «Strom ist letztlich der Schlüssel, um alle Prozesse effizienter zu gestalten und CO2 einzusparen.»


Als Erfolg wertet der Leiter Wirtschaft und Regulierung, dass der VSE bei der Revision StromVG und in anderen Fällen seine Positionen zum grössten Teil klar und geschlossen gegenüber Bundesbern äussern konnte.» Interne Differenzen seien dank gutem Austausch und effizienter Organisationsform geglättet worden, die Kommunikation zeitgerecht gewesen. «Weiter ist das Projekt ‘Energiewelten – Marktmodelle‘ gut gestartet und wurde von den Beteiligten äusserst konstruktiv angepackt.»

 
 
 

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