Verteilnetze: Schlüsselfaktor der Stromversorgung

Eine zuverlässige Stromversorgung ist eine wesentliche Voraussetzung für das Funktionieren unserer modernen Gesellschaft und Wirtschaft. Die Verteilnetze spielen dabei an der Schnittstelle zwischen Produktion, Speicherung und Verbrauch eine Schlüsselrolle. Mit der zunehmenden Dezentralisierung der Stromversorgung, die zu stärkeren Produktionsschwankungen führt, werden sie jedoch verletzlicher. Es gilt deshalb, ihnen besondere Sorge zu tragen und ihren zeitgerechten Um- und Ausbau durch geeignete Rahmenbedingungen zu unterstützen.

 

Was sind heute für jedermann relevante Gefährdungen? Terroranschläge, würden vielleicht Viele sagen, oder Naturkatastrophen. Der Bund hat diese Frage kürzlich aus der Warte des Bevölkerungsschutzes beantwortet und festgestellt: Zwei der fünf grösstmöglichen Katastrophen und Notlagen liegen in der Stromversorgung. Funktioniert die Versorgung nicht mehr, hat dies weitreichende wirtschaftliche, gesellschaftliche und menschliche Folgen: Schon nach wenigen Stunden kommen grundlegende Versorgungsinfrastrukturen zum Erliegen, angefangen bei Maschinen und Anlagen, Kommunikations- und Verkehrsleitsystemen über die Treibstoff- und Wärmeversorgung bis hin zur Gesundheits-, Lebensmittel- und Wasserversorgung. Länger andauernde Strommangellagen und grossräumige regionale Stromausfälle können somit gravierende Folgen für Unternehmen und Bevölkerung haben. Das in Geld messbare Schadenmass kann sich allein in der Schweiz auf mehrere Milliarden Franken pro Tag summieren.

 

 

Zwei der fünf grössten Risiken für den Bevölkerungsschutz liegen in der Stromversorgung
 

Die Schweiz hat zum Glück seit vielen Jahren keinen grossflächigen Stromausfall mehr erlebt. Im gesamten letzten Jahr funktionierte die Versorgung in der Schweiz im Schnitt während nur gerade 19 Minuten nicht, sei es aufgrund geplanter (10 Minuten) oder ungeplanter (9 Minuten) Unterbrechungen – ein im internationalen Vergleich absoluter Spitzenwert. Dies ist vor allem dem vorausschauenden und umsichtigen Handeln der Schweizer Strombranche zu verdanken, die sich der Bedeutung einer jederzeit sicheren Versorgung bewusst ist und sich deshalb stets für eine ausreichende inländische Produktion, die Vernetzung über Landesgrenzen hinweg und zuverlässig funktionierende Verteilnetze in der Schweiz eingesetzt hat. Gerade letztere erfüllen eine unverzichtbare Versorgungsaufgabe, denn sie liegen an der Schnittstelle zwischen Produktion, Speicherung und Verbrauch.

 

 

Das Stromverteilnetz: ein unscheinbarer Schlüsselfaktor
 

Fast 80 Prozent der Stromleitungen des Verteilnetzes sind heute als Kabel im Boden verlegt. Sie entziehen sich damit dem Blick des Betrachters und dank der ausgezeichneten Versorgungsqualität meist auch der politischen und öffentlichen Aufmerksamkeit. Zu Unrecht, denn auf die Verteilnetze kommen grosse Veränderungen und Herausforderungen zu: Die Dezentralisierung der Stromproduktion führt dazu, dass Strom nicht mehr nur von den oberen zu den unteren Netzebenen fliesst, sondern vermehrt auch in die entgegengesetzte Richtung (bidirektionale Stromflüsse). Die volatile Stromproduktion führt dazu, dass die Netzbetreiber steuernd in die Produktion und in den Verbrauch eingreifen müssen.

 

Die Verteilnetze werden für eine sichere Versorgung künftig also noch wichtiger. Sie müssen nicht mehr nur alle Verbraucher jederzeit mit ausreichend Strom versorgen, sondern auch allen Produzenten jederzeit genügend Kapazität für die Einspeisung ihres Stroms bieten und durch eine intelligente Steuerung von Geräten und Anlagen dafür sorgen, dass sich Verbrauch und Produktion auch weiterhin jederzeit im Gleichgewicht halten.

 

Um diesen neuen Aufgaben gerecht werden zu können, braucht es einerseits betriebliche Anpassungen. Andererseits müssen die Verteilnetze zeitgerecht aus- und umgebaut werden und sie müssen mit neuen Informations- und Kommunikationstechnologien aufgerüstet werden. An den regulatorischen Rahmen ergeben sich daraus drei zentrale Forderungen:

 

1. Verursachergerechte Netztarife
Die Dezentralisierung der Stromproduktion führt zu mehr Eigenverbrauch: Kunden sind nicht mehr nur einfach Strombezüger, sondern übernehmen neu auch die Rolle von Produzenten. Reicht die Produktion aus ihrer Photovoltaikanlage für den Eigenbedarf nicht aus, zum Beispiel bei schlechtem Wetter, beziehen sie Strom aus dem öffentlichen Netz. Der jederzeit mögliche Rückgriff auf das Netz kommt einer Versicherung gleich. Für diese Versicherung bezahlen die Eigenverbraucher derzeit jedoch nur dann, wenn sie das Netz brauchen. Im Unterschied zu den übrigen Konsumenten tragen sie dadurch nur einen Teil der von ihnen mitverursachten Netzkosten. Das im Stromversorgungsgesetz verankerte Verursacherprinzip wird so verletzt. Deshalb muss sich der Preis für die Nutzung des Netzes künftig verstärkt an der zur Verfügung gestellten Leistung ausrichten, statt an der bezogenen Strommenge; ganz ähnlich wie dies im Telekom-Bereich mit den „Breitband“- und „Flatrate“-Tarifen der Fall ist.

 

2. Stabile Rahmenbedingungen für Investitionen
Seit Inkrafttreten des Stromversorgungsgesetzes konnten zahlreiche wichtige Fragen und Unsicherheiten geklärt werden, teilweise durch langwierige Verfahren bis vor Bundesgericht. Dadurch besteht heute weitgehend Rechtssicherheit und das Hauptziel des Stromversorgungsgesetzes, nämlich die zuverlässige und nachhaltige Versorgung aller Landesteile mit Elektrizität, wird heute erreicht. Dieser Erfolg darf nun nicht durch unnötige Änderungen des regulatorischen Rahmens oder gar völlig neue Regulierungsansätze erschüttert werden. Genau das beabsichtigt jedoch die Bundesverwaltung: Sie will die erst seit zwei Jahren geltenden Berechnungsgrundlagen des risikogerechten Zinssatzes für das in den Stromnetzen eingesetzte Kapital (WACC) erneut korrigieren und das Stromversorgungsgesetz einer gross angelegten Revision unterziehen.

 

3. Neue Rollendefinition
Innovative und „smarte“ Infrastrukturen und Anwendungen ermöglichen eine flexiblere und intelligentere Steuerung von Produktion, Verbrauch und Speichern. Gleichzeitig leisten sie einen wichtigen Beitrag an ein kosteneffizientes Netz, da sie den Bedarf an Netzkapazitäten reduzieren. Zudem ermöglichen die Verteilnetze dadurch die Entwicklung neuer Applikationen, Innovationen und Dienstleistungen. Diese neuen Tätigkeitsfelder bieten nicht nur Chancen für neue Akteure, die IT-Branche zum Beispiel, sondern auch für die Strombranche selbst. Technologischer Wandel und neue Geschäftsmöglichkeiten führen dazu, dass die Rolle der Verteilnetzbetreiber überdacht und neu definiert werden muss.

 

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