Langfristige Versorgungssicherheit: Ist die Schweiz gewappnet?

Im Winter muss die Schweiz Strom importieren, um ihren Verbrauch zu decken. Das macht sie von ihren Nachbarn abhängig. Wenn die Schweiz ihre Kernkraftwerke dereinst schrittweise abschaltet, wird sie deren Produktion ersetzen müssen, um einen ausreichenden Eigenversorgungsgrad und damit jederzeit auch die Versorgungssicherheit des Landes gewährleisten zu können. Dazu gilt es für die Schweiz, sich zuerst ein Versorgungsziel zu setzen und festzulegen, wie sie dieses erreichen will.


Im Sommer produziert die Schweiz mehr Strom, als sie verbraucht. Sie kann folglich einen Teil ihrer Produktion exportieren. Im Winter muss sie hingegen Strom importieren, um ihren Bedarf zu decken. Der Eigenversorgungsgrad der Schweiz (Verhältnis zwischen der Produktion des Landes und dem Verbrauch) lag in den letzten zehn Jahren im Jahresdurchschnitt häufig über 100 Prozent. Betrachtet man hingegen den monatlichen Durchschnitt, wurden im Winter jeweils rund 80 Prozent erreicht. Die Schweiz konnte in diesen Perioden also 20 Prozent ihres Stromverbrauchs nur dank Importen decken.

 

 

  
 

Eigenversorgungsgrad Schweiz bei einer Monatsbetrachtung. Eigene Berechnung basierend auf Zeitreihe Elektrizitätsbilanz Schweiz Monatswerte. Bern: BFE, 2016.
Quelle: Positionspapier des VSE vom 23.2.2017 «Selbstversorgung»


Wenn die Schweizer Kernkraftwerke schrittweise vom Netz genommen werden, muss unser Land diese Produktion ersetzen – durch eine andere einheimische Produktionsart, durch allfällige neue rentable saisonale Speichermöglichkeiten oder durch vermehrte Importe im Winter. Die Netzkapazitäten und die bei unseren Nachbarn verfügbaren Strommengen beschränken die Importmöglichkeiten allerdings stark. Es ist daher zu prüfen, inwiefern die Schweiz in den kommenden Jahren effektiv auf Stromimporte setzen kann.


Berechnungen des VSE zeigen einen drastischen Rückgang des Eigenversorgungsgrads, mit Werten, die bis 2030 für die kalte Jahreszeit deutlich unter unter 60 Prozent fallen. Die Schweiz sollte sich auch bewusst sein, dass ihre in den Stauseen gespeicherten Wasservorräte zwar ein kostbares Gut darstellen, sie sich damit jedoch ohne Importmöglichkeiten höchstens einige Tage oder Wochen, nicht aber den ganzen Winter über selbst versorgen kann.

  
 

Ausblick: Winterproduktion sinkt stark
Veränderung der Produktion bei forciertem Ausbau Erneuerbarer und Ausstieg Kernenergie.
Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf Sensitivität 1 aus den Energieperspektiven 2050, BFE, ohne Gaskombikraftwerke und gemittelten Produktionsdaten der Jahre 2005 – 2015


Auch unsere Nachbarn bleiben nicht stehen
Um die Importmöglichkeiten zu beurteilen, sind zunächst die Entwicklungsperspektiven der Energieversorgung unserer europäischen Partner zu betrachten. Frankreich beispielsweise hat wiederholt zum Ausdruck gebracht, dass es einen Teil seines Kernkraftwerksparks schliessen will. Sollte Frankreich seine Kernenergie-Kapazität um einen Drittel zurückfahren, könnten sich seine Nettoexporte bis 2030 halbieren. Ersetzt Deutschland weiterhin seine Bandenergieproduktion (fossil und nuklear) durch variable Produktion, droht es, mit der Zeit selbst zum Nettoimporteur zu werden. Die Stromproduktion unserer Nachbarländer befindet sich in den nächsten Jahrzehnten also ebenfalls im Umbruch. Da stellt sich die Frage, inwiefern wir künftig noch auf diese Produktion zählen können. Überdies warnt Entso-E, dass mehrere traditionelle Exportländer wie Frankreich und Tschechien schon heute in Extremsituationen (zum Beispiel Kältewelle und Dunkelflaute) während mindestens einer Woche nicht mehr in der Lage sind, sich selbst zu versorgen.


Es sei ausserdem auf die Kapazitätsmechanismen hingewiesen, welche viele Länder im Moment einführen oder bereits eingeführt haben. Zweck dieser Mechanismen ist es, die Produktionskapazitäten auf einem Niveau halten, welches die jederzeitige Versorgung des eigenen Landes gewährleistet. Nicht vorgesehen sind in diesen Mechanismen Überkapazitäten zur Deckung des Importbedarfs der Nachbarländer. Die Länder organisieren ihren Produktionspark also vermehrt so, dass sie die Spitzenlast im eigenen Land decken können. Eine solche «me first»-Haltung überrascht nicht, hat doch eine sichere Stromversorgung strategische Bedeutung.


Das Netz – eine Art Blutkreislauf
Schliesslich müssen auch die verfügbaren Netzkapazitäten in der Schweiz und in den Nachbarländern berücksichtigt werden. Eine Veränderung der europäischen Kraftwerkspärke kann zu einer Verschiebung der Stromflüsse und zu neuen Netzengpässen führen, so zum Beispiel in Deutschland, wo die Netzkapazitäten nicht ausreichen, um die Windenergieproduktion vom Norden in den Süden des Landes zu transportieren. Netzengpässe in Europa liegen ausserhalb des Handlungsspielraums der Schweiz, beeinflussen aber die Importmöglichkeiten.


Die Fragen, auf welche die Schweiz Antworten finden muss

Mit Blick auf einen allfälligen Mangel an Importmöglichkeiten ist es wichtig, einen Überblick zu haben und sich über die verschiedenen Schlüsselfaktoren und deren mögliche Auswirkungen Rechenschaft zu geben. Bevor sie spezifische Massnahmen definiert, ist die Schweiz deshalb gut beraten, die folgenden Schlüsselfragen zu beantworten:

  • Welches gemeinsame Ziel verfolgt die Schweiz langfristig für die Versorgungssicherheit?
  • Wie kann die Schweiz die gewünschte Stromversorgung sicherstellen?
  • Welche Risikoabsicherung will sie sich dabei leisten?
  • Welche Schritte müssen wann gemacht werden?

 
 
 
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