Das richtige Netz zur richtigen Zeit

Das Stromnetz fungiert als Schnittstelle zwischen Stromproduktion, Speicherung und Endverbrauchern. Dieses für die Stromversorgung unverzichtbare Bindeglied sieht sich heute mit zwei Herausforderungen konfrontiert: Einerseits bedingt der Wandel des Energiesystems die Einbindung neuer Technologien, damit das Netz seine neue Rolle als Drehscheibe zwischen Tausenden von Produktions- und Speichereinheiten sowie den Verbrauchern übernehmen kann. Andererseits behindern zu langwierige Verfahren die Entwicklung eines Netzes, das den Bedürfnissen gerecht werden kann. Die vom Bundesrat unlängst vorgestellte Strategie Stromnetze liefert Antworten auf diese Herausforderungen. Die Strombranche begrüsst diese Strategie daher und begleitet die parlamentarische Debatte konstruktiv, damit die Weichenstellungen auch wirklich das richtige Netz zur richtigen Zeit möglich machen.

 

 

  

 

Im Stromnetz zirkuliert der Strom zwischen seinem Produktions- und seinem Verbrauchsort. Als Schnittstelle zwischen Produzenten, Speicherung und Verbrauchern ist das Netz von grösster Bedeutung für die Stromversorgung. Denn dank ihm befindet sich die richtige Menge an Strom zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Doch momentan sieht sich dieses Bindeglied mit zwei Herausforderungen konfrontiert:


Wandel des Energiesystems
In der alten Stromwelt fanden Stromproduktion und -speicherung zentralisiert in grossen Anlagen statt. Der Strom floss in eine Richtung bis zum Endverbraucher. Heute befinden wir uns in einer Übergangsphase in eine neue Stromwelt, deren Entstehen durch die Energiestrategie 2050 beschleunigt wird: Die Produktion wird immer dezentralisierter und schlechter planbar, die Belastung der Netze nimmt zu und es entstehen bidirektionale Energieflüsse.

 

 

Das Stromnetz früher und heute
  

 

Die Komplexität des Systems wird durch die Konvergenz des Stromnetzes mit Gas- und Wärmenetzen noch verstärkt. Die Rolle des Stromnetzes muss daher neu definiert werden. Denn das Netz soll künftig nicht nur Strom zu den Verbrauchern befördern, sondern auch den dezentral produzierten Strom transportieren, dezentrale Speicheranlagen einbinden und die Durchgängigkeit über die Grenzen des Stromsystems hinaus gewährleisten.


Endlose Verfahren
Die zweite Herausforderung besteht in der langen Dauer der Bewilligungsverfahren. Auch wenn sich das Energiesystem nicht im Wandel befände, wären die Netze nicht zeitgerecht bereit. Dies gilt insbesondere für die Leitungen des Höchstspannungsnetzes, für die sich die Verfahren momentan im Schnitt über fünfzehn Jahre hinziehen. In einigen Fällen geht die Verfahrensdauer fast ins Endlose, wie bei der Leitung Chamoson – Chippis, welche seit nicht weniger als dreissig Jahren im Verfahren blockiert ist! Dieser Leitungsabschnitt ist indessen unerlässlich für den Abtransport der Walliser Wasserkraftproduktion sowie für die Anbindung des Pumpspeicherkraftwerks Nant de Drance, das 2018 fertiggestellt sein soll.

 

 

Plangenehmigungsverfahren: langwierig und voller Hindernisse
 

 

Die Verfahrenshindernisse sind auch im Verteilnetz spürbar, insbesondere bei der Erneuerung von veralteten Anlagen, die ausserhalb der Bauzone stehen. Im Allgemeinen wird der einfache Ersatz einer Anlage, und sei sie noch so klein, durch die Bundesbehörden nicht bewilligt, da diese das Raumplanungsrecht sehr streng auslegen. Dann muss eine aufwändige Verlegung in die Bauzone vorgenommen werden, was das Vorhaben nicht nur verteuert, sondern häufig auch zu einer technisch suboptimalen Lösung führt, da der neue Standort weiter entfernt von den bestehenden Leitungen liegt. Ausserdem entstehen so neue Angriffsflächen für potenzielle Konflikte mit betroffenen Grundstückbesitzern und Anrainern.


Diese Problematik wird noch verschärft durch die erste genannte Herausforderung, d. h. durch den Wandel des Energiesystems, der weit mehr als eine einfache Erneuerung des bestehenden Netzes bedingt. Dieser Wandel erfordert den Anschluss zahlreicher neuer dezentraler Anlagen und ihre Einbindung ins System. Dazu muss das Netz verstärkt werden und auf den neusten, «intelligenteren» Technologien basieren. Eine Weiterentwicklung des Netzes im Einklang mit diesen Bedürfnissen setzt daher eine Neudefinition der Rahmenbedingungen voraus.


Die Strategie Stromnetze liefert Antworten
Die vom Bundesrat vor kurzem vorgestellte Strategie Stromnetze zielt genau darauf ab, diesen neuen gesetzlichen Rahmen zu schaffen. Daher begrüsst der VSE sie ausdrücklich. Diese Strategie umfasst die folgenden Hauptstossrichtungen:

  • Der Planungsprozess wird besser strukturiert und überträgt den Bundesbehörden eine aktivere Rolle. Die Planungsgrundsätze werden geklärt.
  • Die Dauer der Bewilligungsverfahren soll auf 4 bis 8 Jahre gesenkt werden, dank Regelungen der räumlichen Koordination und dank der Möglichkeit, Projektierungszonen und Baulinien für Leitungsprojekte festzulegen. Für Projekte von untergeordneter Bedeutung sind Verfahrenserleichterungen vorgesehen.
  • Es werden Kriterien für die Entscheidungsfindung über die Realisierung von Leitungen des Verteilnetzes als Freileitung oder als Erdkabel vorgegeben.
  • Die Informationstätigkeit der Behörden in Bezug auf die Netzentwicklung und über die Möglichkeiten zur Beteiligung am Verfahren wird verstärkt.


All diese Massnahmen dürften nicht nur die Rechts-, Planungs- und Investitionssicherheit verbessern, sondern auch zu einer besseren Akzeptanz der Leitungsprojekte und damit zu einer Beschleunigung der Verfahren beitragen. Der VSE hat allerdings zusätzliches Optimierungspotenzial festgestellt und begleitet daher aktiv den parlamentarischen Prozess, der gerade begonnen hat. Die Bedeutung dieser neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen ist hervorzuheben und die eine oder andere Verbesserung an der Vorlage ist anzubringen, um die Verfahren noch weiter zu erleichtern – damit auch wirklich das richtige Netz zur richtigen Zeit zur Verfügung steht.

 
 
  
 

 

 

 
 
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