E-Mobilität: Schnelle Boliden machen noch keinen Sommer

Am Julius Bär Swiss E-Prix in Bern lässt die Elektromobilität ihre Muskeln spielen. Damit Elektroautos in der Schweiz durchstarten können, braucht es aber mehr als starke Motoren und grosse Batterien. Ein Interview mit Michael Paulus, Bereichsleiter Netze und Berufsbildung beim VSE.
21.06.2019

Herr Paulus, Anlässe wie der Swiss E-Prix zeigen die Elektromobilität von ihrer Sonnenseite. Luxusautos wie Tesla begeistern Autofans. Doch was bringt die E-Mobilität der Schweiz wirklich?
Alternative Antriebe sind zuerst einmal eine Riesenchance, um den Verkehr zu dekarbonisieren, der ja einer der Hauptverursacher von CO2-Emissionen ist. E-Mobilität hat dabei einen grossen Vorteil gegenüber anderen Technologien wie etwa Wasserstoffautos: Das «Tanknetz» existiert bereits, in Form unserer Stromnetze. Im Prinzip können Kunden einfach umsteigen.

Wenn da nicht der Anspruch wäre, ein Elektroauto fast so einfach laden zu können wie wir es von Benzinautos gewohnt sind ...
Ja, die Schweiz muss ihre Infrastruktur an Ladestationen weiter ausbauen, zeitgerecht mit der weiteren Verbreitung der Steckerautos. Eine neue Studie von Eurelectric, dem Verband der europäischen Elektrizitätswirtschaft, hat gezeigt, dass wir diesbezüglich schon sehr weit sind. Wir haben die viertgrösste Dichte an Ladestationen pro Einwohner in Europa. Nur Länder wie Norwegen, wo E-Mobilität massiv staatlich gefördert wurde, liegen noch vor uns.

«Die Stromtarife sollten die richtigen Anreize für Elektromobilität setzen»

Was bedeutet die E-Mobilität denn für unser Netz?
Ladestationen beziehen Strom mit einer hohen Leistung. Wenn nun abends um 7 Uhr, nach Feierabend, alle gleichzeitig ihre Autos einstecken, kommen hohe Lastspitzen zusammen. Und auf diese Lastspitzen müssen die Verteilnetze ausgelegt sein. Wollen wir unsere hohe Versorgungsqualität erhalten, wird dann ein Netzausbau nötig. Die Ladestationen müssen sich letztlich auch steuern lassen, damit sie das Netz nicht unnötig belasten – und die Stromtarife sollten die richtigen Anreize setzen.

Strom kommt mich aber nicht teurer, wenn ich eine höhere Leistung beziehe...
Genau dort liegt das Problem. Denn die Netzkosten steigen mit den nötigen Netzverstärkungen. Und diese nehmen mit der geforderten Leistung zu, nicht mit den bezogenen Kilowattstunden. Dynamische Netznutzungstarife würden das berücksichtigen: Muss das Auto am Abend, wenn die PV-Anlage auf dem Dach nicht mehr produziert, «express» voll werden, wird ein höherer Tarif fällig. Wir müssen verursachergerechte Netztarife einführen, wenn die E-Mobilität weiter Schub bekommen soll.

Inwiefern trägt der VSE denn zur «Roadmap Elektromobilität 2022» des Bundes bei?
Unser Beitrag ruht auf zwei Säulen. Erstens wollen wir Branchenstandards entwickeln und «Best Practices» etablieren für einen einheitlichen und zuverlässigen Anschluss von Ladestationen ans Netz, z.B. in den Werkvorschriften. Zweitens setzen wir uns für einen nachhaltigen regulatorischen Rahmen ein, der eine kosteneffiziente Integration der Ladestationen in das Stromnetz ermöglicht – und flexible sowie verursachergerechte Netztarife zulässt. Beides gelingt nur in Zusammenarbeit mit der Verwaltung, der Politik, den Ladestationsbetreibern und -herstellern. Und dafür gibt uns die Roadmap eine Richtung.

www.swisseprix.com
Roadmap Elektromobilität
- Energiewissen: Elektromobilität