Weiter wie bisher kann die Versorgungssicherheit nicht mehr gewährleisten

Julien Duc, Mediensprecher Deutschschweiz
Das Branchenprojekt «Energiezukunft 2050» sei zeitlich und inhaltlich auf Kurs, sagt Nick Zepf im VSE Interview. Der Leiter des Projekt-Steering-Boards schildert erste Ergebnisse und erklärt, was die Studie von anderen unterscheidet.

Im Herbst wird der VSE die Ergebnisse der «Energiezukunft 2050» präsentieren. Was ist das Ziel der Studie?
Mit der «Energiezukunft 2050» zeigen wir verschiedene Wege in die Energie- und Klimazukunft. Jedes der vier Szenarien erfüllt trotz unterschiedlicher Ausgangslagen* das Kriterium der Versorgungssicherheit. Das haben wir als zentrale Voraussetzung für die Simulation definiert, sonst ist es keine Lösung. Wir können in jedem Szenario den konkreten Energiebedarf ermitteln und zeigen, mit welchen Energieträgern dieser gedeckt wird. Jedem Szenario hängen wir zudem ein Preisschild an und stellen die unterschiedlichen Gesamtsystemkosten ins Verhältnis.

Vor einem Jahr wurde das Projekt lanciert. Was ist der aktuelle Stand?
Wir haben die vier Szenarien durchgerechnet. Jetzt sind wir dabei, das Modell der Empa auf Sensitivitäten zu überprüfen sowie die Ergebnisse einzuordnen und daraus Schlüsse zu ziehen. Dafür nehmen wir uns genügend Zeit. Ausserdem setzen wir uns vertieft mit den verschiedenen Studien-Schwerpunkten auseinander. Auch hier wollen wir relevante Entwicklungen der Zukunft, zum Beispiel in Bereich der Elektromobilität oder der Sektorkopplung sauber aufbereiten. Wir sind inhaltlich und zeitlich auf Kurs.

Was kannst Du uns in Bezug auf die verschiedenen Szenarien bereits verraten?
Wir können jetzt schon sagen, dass wir die Energie- und Klimaziele bei Weitem nicht erreichen, wenn wir mit den heutigen Rahmenbedingungen weiterfahren. Das ist keine neue Erkenntnis, aber wichtig zu betonen. Weiter wie bisher hätte massive negative Konsequenzen für die Versorgungssicherheit, die Wettbewerbsfähigkeit und die Klimaziele der Schweiz. Versorgungssicherheit kann in jedem Szenario nur gewährleistet werden, wenn wir nicht nur ein wenig, sondern massiv viel mehr machen – und dies von heute auf morgen über mehrere Jahrzehnte.

Weiter wie bisher hätte massive negative Konsequenzen für die Versorgungssicherheit, die Wettbewerbsfähigkeit und die Klimaziele.

Müssen die Stromnetze dadurch ebenfalls massiv ausgebaut werden?
Wie die Netze der Zukunft aussehen und wieviel sie kosten, können wir im Herbst noch nicht beantworten. Die Stromnetze sind der Enabler der Energiewende, daher sagen wir uns «quality before time». Als erste Studie überhaupt versuchen wir in dieser Tiefe zu verstehen, welche künftigen Anforderungen ein lokales Netz in der Stadt, in der Agglomeration, auf dem Land oder in den Berggebieten je nach Szenario erfüllen muss. Die Resultate dieser Verteilnetzanalyse präsentieren wir dann im Frühling 2023.

Welche langfristigen Entwicklungen zeichnen sich in der Studie ab?
Ab 2040 dürfte sich Wasserstoff als eine Schlüsseltechnologie etablieren. Im grossen Stil kann Wasserstoff aber nur im europäischen Verbund funktionieren. Eine gute internationale Anbindung wird daher ein zentraler Schlüssel sein. Sind wir nicht entsprechend integriert ins europäische Energiesystem (insb. Strom und Wasserstoff), ist Versorgungssicherheit schwieriger zu erreichen und die Kosten werden für alle höher ausfallen – für Privathaushalte, Industrie und Dienstleistungen.

Mit unseren Pumpspeicherkraftwerken haben wir die Möglichkeit, Volatilitäten in einem erneuerbaren Energiesystem in kurzer Zeit für die Schweiz und auch das angrenzende Ausland auszugleichen.

Hat die aktuelle Energiekrise in Europa einen Einfluss auf die zugrundeliegenden Annahmen der Studie?
Die fundamentalen Probleme und ihre Lösungen bzw. Konsequenzen sind dieselben geblieben. Die Nachfrage nach neuen Stromproduktionskapazitäten wird wegen des Ausstiegs aus der Kernkraft und den fossilen Energien infolge der Klimaziele steigen. Wir müssen massiv mehr erneuerbare Energien ausbauen und effizienter werden. Zumal wir schon in naher Zukunft keine Importgarantie mehr haben, weil die umliegenden Länder mit denselben Herausforderungen konfrontiert sind. Gleichzeitig ist für die Versorgungssicherheit und die Wertschöpfung eine gute Zusammenarbeit mit Europa zentral. Mit unseren Pumpspeicherkraftwerken haben wir die Möglichkeit, Volatilitäten in einem erneuerbaren Energiesystem in kurzer Zeit für die Schweiz und auch das angrenzende Ausland auszugleichen.

Inwiefern unterscheidet sich die «Energiezukunft 2050» von anderen energiepolitischen Studien?
Viele der bisher publizierten Studien skizzieren eine Punktlandung. Dabei wissen wir alle, dass es so nicht läuft. Auch wir werden unsere Studie in ein paar Jahren anpassen müssen. Wir zeigen entlang der beiden Dimensionen* vier realistische Wege in die Energiezukunft der Schweiz, die technologisch machbar sind und die Versorgungssicherheit bis 2050 sicherstellen sollen. Es ist an der Politik und der Gesellschaft zu entscheiden, welche Richtung sie in diesem Lösungsraum einschlagen wollen. In jedem Fall müssen wir aber massiv mehr machen als heute, sonst enden wir in einer Sackgasse.

 


*Es handelt sich um vier Szenarien entlang zwei wesentlichen Dimensionen: einerseits die Akzeptanz im Inland gegenüber neuen Energietechnologien (offensiver oder defensiver Ausbau von Produktionsanlagen), und andererseits das energiepolitische Verhältnis zu Europa (integriert oder eingeschränkte Zusammenarbeit)


 

Nick Zepf

Nick Zepf

Nick Zepf war 20 Jahre Leiter Corporate Development bei Axpo und leitet seit 2022 die strategischen Projekte des Konzerns. Für den VSE präsidiert er die Kommission Energiewirtschaft und das Projekt-Steering-Board der «Energiezukunft 2050». Zepf studierte an der ETH Zürich Maschinenbau und technische Betriebswissenschaft.